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Gefährliche Unterwelt Wie Utah seine verlassenen Bergwerke sichert

Utah Bergwerk Quelle: AP

In Utah locken Tausende verlassene Bergwerke Entdecker an. Doch für Unerfahrene können die Schächte lebensgefährlich werden: Stürze, Autounfälle und giftige Luft gehören zu den Risiken.

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Tief unter den Felsen und Wüsten im Westen der USA verbergen sich Hunderttausende alte Minen. Sie stammen aus einer Zeit, als fast jeder einen Schacht graben und, wenn dieser nichts mehr hergab, ihn einfach zurücklassen konnte. Diese Unterwelt birgt noch immer ernste Gefahren, aber auch unerwartete Entdeckungen.

Allein in Utah versuchen die Behörden, mehr als 10.000 offene Minen mit Betonblöcken und Metallgittern sichern zu lassen, nachdem Menschen zu Tode gestürzt oder bei Autounfällen oder in giftiger Luft starben. Im benachbarten Arizona brach sich erst Mitte Oktober ein Goldsucher das Bein, als er in einen alten Schacht fiel. Fast drei Tage lang musste er ohne Essen und Wasser ausharren und Klapperschlangen abwehren, bis ein Freund, dem er von seinen Plänen erzählt hatte, nach ihm suchte.

Doch nicht alle wollen, dass die Minen geschlossen werden. Seit Jahren schlüpfen begeisterte Entdecker unter Tage, um von glitzerndem Quarz durchzogene Tunnel, hundert Jahre alte Grubenwagen oder Höhlen zu finden, die sich wie Ballsäle ins Erdinnere öffnen. „Seit einem Jahrhundert ist niemand den Weg gegangen, auf dem ihr euch gerade befindet“, sagt Jeremy MacLee, der mithilfe von alten Minendokumenten und Hochsicherheitsausrüstung vor allem in Utah vergessene Schächte erkundet. Sein Wissen ist auch gefragt bei der Suche nach Vermissten. So hat er Bill Powell kennen gelernt, dessen 18-jähriger Sohn Riley mit seiner Freundin monatelang verschwunden war, bevor beide ermordet in einem Schacht unweit der Kleinstadt Eureka gefunden wurden.

Die Familien der Teenager stehen noch immer in enger Verbindung zu MacLee und anderen freiwilligen Suchern. Trotz der schmerzhaften Erinnerung will Bill Powell sich ansehen, was seinen Freund in die Tiefen unterhalb der Wüste zieht. Er und MacLee haben sich einer Gruppe angeschlossen, die eine Mine in der Nähe von Eureka erkunden will. Alle tragen sie Helme, Sauerstoff-Messgeräte und starke Lampen mitsamt Ersatzbatterien. Aus dem Schacht strömt kalte Luft in die Wüstenhitze. „Es ist ein ganz anderes Leben, das Untergrundleben“, sagt Powell mit heiserer Stimme.
Die Gruppe bahnt sich ihren Weg über Schienen durch einen Tunnel, den kantige Balken abstützen. Nach gut einem Kilometer endet der Weg an einem Abgrund, über den sich eine riesige Höhle spannt. Vor hundert Jahren wäre dies der geschäftige Schauplatz der Bergarbeiter gewesen, die erleuchtet von Kerzen und Grubenlampen ein sieben Stockwerke hohes Gerüst erklimmen, um Bleierz und Silber zu schürfen. Doch jetzt ist da nur pechschwarze Stille, durchbrochen von den suchenden Lichtkegeln der Stirnlampen. Bill Powell denkt an seinen Sohn. Auch wenn Riley niemals eine Mine entdecken konnte wie jetzt sein Vater, glaubt dieser: „Er würde sich wahrscheinlich wünschen, mit mir hier zu sein.“

Doch die Gefahren der verlassenen Bergwerke lasten schwer auf den Behörden in Utah. Seit 1982 starben offiziellen Angaben zufolge elf Menschen in Minen, mehr als 40 wurden verletzt - darunter sowohl jene, die die Schächte erkunden wollten, als auch solche, die versehentlich hineinfielen. In Utah ist es verboten, eine Mine zu betreten, wenn sie geschlossen ist oder Warnschilder aufgestellt wurden. Dies wird allerdings nur selten strafrechtlich verfolgt. Fans der Bergwerke halten dagegen, dass die Minen nicht gefährlicher seien als Sportarten wie Wandern oder Skifahren, bei denen es im Westen auch immer wieder tödliche Unfälle gebe. Für Unerfahrene könnten die Risiken in den Schächten jedoch besonders gefährlich werden, sagt Bergbau-Experte Chris Rohrer, von zurückgelassenem Sprengstoff bis hin zum potenziell tödlichen Grubengas, sauerstoffarmer Luft. „Das ist so eine Wild-West-Geschichte, die Situation ist komplett außer Kontrolle.“

So zeigt Utah es seit mehr als 30 Jahren deutlich mit seinen Totenkopf-Schildern: Bleibt draußen, bleibt am Leben. Rund 6000 verlassene Minen hat der Staat bereits verschließen lassen. Eines der nächsten Projekte ist laut Rohrer eine Mine aus dem frühen 20. Jahrhundert, die neben einem ehemaligen Stall für Gruben-Maulesel liegt, die so an die Finsternis unter Tage gewöhnt waren, dass ihnen oben über der Erde die Augen verbunden werden musste. Die Mine soll mit einem Metalltor verschlossen werden. In anderen Bergwerken werden Betonquader aufgestapelt oder Eisenstangen eingebaut, damit Fledermäuse und andere Tiere weiter hindurch kommen.

„150 Jahre lang haben Menschen Löcher in den Boden gegraben und seinen Reichtum herausgeholt“, sagt Rohrer. „Leider haben sie, nachdem sie diesen Reichtum geborgen haben, die Löcher einfach zurückgelassen.“

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