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Glücksspielsucht Warum die Regierung den Briten das Wetten vermiesen will

Quelle: AP

Die nationale Zocker-Leidenschaft gehört zum Vereinigten Königreich wie die roten Busse. Doch nun legt sich die Regierung mit den Buchmachern an – und das ausgerechnet vor der royalen Hochzeit des Jahres.

Auf den 14 Bildschirmen, deren Flimmern ein unruhiges Licht ins Halbdunkel des Wettbüros wirft, werden abwechselnd Pferderennen oder Fußballspiele eingeblendet, gelegentlich taucht auch Arsene Wenger, der scheidende Trainer des FC Arsenal, dort auf. „Wer wird der Nachfolger?“, steht in roten Lettern unter seinem sorgenvollen Konterfei. Zur Wahl stehen auch zwei Deutsche: Joachim Löw und Thomas Tuchel. Doch die Frau am Schalter interessiert das alles nicht. Verlegen tritt die Britin mittleren Alters von einem Bein aufs andere, nervös zupft sie an ihrem weiß-schwarz gemusterten T-Shirt, dann sie räuspert sie sich: „Ich möchte wetten“, sagt sie leise, „auf die Hochzeit von Prinz Harry... Geht das?“ Der junge Mann hinter der Glasscheibe setzt ein schiefes Grinsen auf: „Na klar, aber worauf denn genau? Auf den Designer des Brautkleids von Meghan Markle vielleicht? Oder ob Prinz Harry sich für die Trauung den Bart abrasieren wird? Wann das erste Kind kommt?“ Die Kundin entscheidet sich für das Brautkleid; sie setzt fünf Pfund darauf, dass Ex-Burberry-Kreativchef Christopher Bailey der Designer ist.   

Auf der Insel haben die Buchmacher derzeit Hochsaison. Ganz Großbritannien rüstet sich seit Wochen für die Hochzeit des Jahres. Am 19. Mai wird Prinz Harry, der Lieblingsenkel von Königin Elisabeth, in der St. George's Chapel von Schloss Windsor die amerikanische Schauspielerin Meghan Markle heiraten. Am selben Tag findet das jährliche Fußball-Cup-Final im Wembley-Stadion statt. Die Geburt des dritten Kindes von Harrys Bruder Prinz William im April hatte die Wettleidenschaft der Briten schon Monate vorher befeuert und Mitte Juni beginnt für die Wettbüros das Großereignis von 2018: die Fußball-WM in Russland, ein Garant für gute Umsätze.

Doch nun will die Regierung der Branche angesichts der öffentlichen Debatte um das Suchtpotential von Glücksspielen engere Fesseln anlegen. Dem Vernehmen nach plant sie unter anderem, den Maximaleinsatz, der an Automaten in den Wettshops erlaubt sein soll, von 100 Pfund auf nur noch zwei Pfund zu senken und will auch den Glückspielanbietern im Internet neue Auflagen machen. 

Gewettet wird auf der Insel auf fast alles. Je verrückter desto besser: Etwa, ob es nächste Woche schneien wird, oder auf die Farbe des Huts, den Königin Elisabeth beim Pferderennen von Ascot tragen wird, oder wer im nächsten Sommer Chef der Bank of England wird. Und schon Monate bevor bei Herzogin Kate die Wehen einsetzten, fieberten die Zocker dem großen Ereignis bereits entgegen. Junge oder Mädchen? Wie wird das Baby heißen? „Alice und Arthur waren unsere Favoriten“, sagte Jessica Bridge von der Wettfirma Ladbrokes. „Beim letzten Mal mussten wir nach der Geburt noch zwei weitere Tage auf die Bekanntgabe des Namens warten, in dieser Zeit ging es dann noch mal richtig rund“.  Royale Wetten machen Schlagzeilen, doch sie sind Nischengeschäft, bei dem meist nur kleine Beträge von fünf oder zehn Pfund zum Einsatz kommen, erläutert Bridge. Das eigentliche Geschäft sind die Sportwetten. Fußball ist am populärsten, dann Pferde- und Hunderennen. 

Großbritannien ist der größte Wettmarkt in der EU, gefolgt von Deutschland. Die Glücksspielbranche nahm hier im vergangenen Jahr 14 Milliarden Pfund (rund 16 Milliarden Euro) ein, knapp zwei Milliarden mehr als im Vorjahr. Statistiken der zentralen Aufsichtsbehörde, der Gambling Commission, zeigen: 48 Prozent aller Männer und 41 Prozent der Frauen auf der Insel haben im vergangenen Monat gewettet und ein Drittel von ihnen tut das sogar mindestens einmal in der Woche. Die Wettindustrie befindet sich jedoch im Umbruch, das Online-Segment, zu dem Kasinospiele wie Poker, Black Jack und Roulette gehören, wird immer wichtiger.

Royale Hochzeit kurbelt Wirtschaft an

Inzwischen beträgt der Anteil der Online-Wetten mehr als ein Drittel (34 Prozent) des Gesamtgeschäfts – Tendenz steigend, wobei mehr als die Hälfte der Nutzer dafür Handys oder Tablets verwenden. Zwar sieht man auf Großbritanniens Straßen immer noch viele Wettbüros doch ihre Zahl nimmt ab: Mit 8500 sind es heute schon vier Prozent weniger als vor einem Jahr. Mit 3500 Wettbüros ist Ladbrokes, gefolgt von William Hill, der größte Buchmacher des Landes und zudem der drittgrößte Online-Anbieter, aber auch Paddy Power aus Irland und Coral sieht man überall.

Viele Glücksspielplattformen haben ihren Sitz auf Gibraltar oder Malta. Lange waren sie weitgehend unreguliert, doch mit der Verschärfung des Glücksspielgesetzes erhielt die Gambling Commission (GC) vor vier Jahren erstmals die Verantwortung für die Aufsicht und Lizenzvergabe all jener im Ausland registrierten Online-Wettfirmen, die direkt um Kunden in Großbritannien werben. Seit 2005 war die Behörde bereits für die Regulierung aller Wettbüros, Kasinos, Bingo- und Lotterieanbieter auf der Insel zuständig. Nur die Lizenzen für die Zulassung der Wettbüros selbst werden bis heute direkt von den Kommunen vergeben.

Wohltätigkeitsorganisationen wie GambleAware drängen nun allerdings schon seit einiger Zeit auf eine weitere Verschärfung der Auflagen für die Glückspiel-Branche, sie warnen vor einer „unsichtbaren“ Sucht, bei der es, anders als bei Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, physische Warnzeichen gibt: „Schon jetzt gelten 430.000 Briten als Problemspieler, weitere zwei Millionen sind suchtgefährdet“, sagt Marc Etches, der Chef von GambleAware. Unterstützung kommt von der Gambling Commission. Sie propagiert nicht nur, den Maximaleinsatz, der an Spielautomaten in den Wettshops erlaubt sein soll, auf nur noch zwei Pfund zu senken. Alle Online-Wettanbieter sollten auch verpflichtet werden, den Spielern eine bessere Übersicht über ihre bereits aufgehäuften Verluste zu geben und ihnen zu ermöglichen, quer über alle persönlichen Wettkonten hinweg ein finanzielles Limit einzurichten.

Das trieb, wen wundert's, bereits die Lobbyisten auf die Barrikaden: „Ein Viertel der 100.000 Jobs unserer Branche wird wegfallen und 4000 Wettbüros werden schließen, wenn diese Vorschläge umgesetzt werden“, warnt Malcolm George, Verbandschef der Association of British Bookmakers. Auch Finanzminister Philip Hammond zögerte lange, schließlich kassiert der Fiskus allein von den Gewinnen der Spielautomaten, die Kritiker als das „Crack oder Kokain der Spieler“ bezeichnen,  jährlich 450 Millionen Pfund an Steuer. Nun allerdings hat auch er angeblich nachgegeben. Jetzt aber wird in Großbritannien aber erst einmal die große Hochzeit von Prinz Harry gefeiert – und gewettet: Bleibt sein Bart dran oder nicht?

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