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Hifi-Technik Vinyl wird die CD überleben

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Analoges Feigenblatt einer digitalen Kette


Diese Käufer schwärmen von den wärmeren Klängen, das Knackern wird zum akustischen Knistern des Kaminfeuers, das Auflegen der Schallplatte samt des häufigen Umdrehens zum Akt der Besinnung aufs Wesentliche. „Vinyl ist Bio“, zitiert Wolf einen Plattenchef. Roy Gandy kann mit der Glorifizierung des Mediums wenig anfangen. Solange in Tonstudios moderne Produktionen mit digitalen Hilfsmitteln und Aufnahmegeräten produziert werden, ist die Schallplatte nur das analoge Feigenblatt vor einem Musikerlebnis, das bis zum Ziel unter der Nadel in Nullen und Einsen zerlegt wurde. „Wir sind uns völlig im Klaren, dass viele der neuen LPs einfach nicht gut sind“, sagt Gandy.

Engpass im Presswerk

Zu wenig sind es allemal derzeit. Das deutsche Unternehmen Optimal Media , eine Tochter der Edel AG, fertigte in Röbel an der Müritz im Dauerbetrieb 20 Millionen Schallplatten im vergangenen Geschäftsjahr. Im laufenden Geschäftsjahr sollen bis Ende September 2017 dann alle Kapazitäten ausgeschöpft werden und 24 Millionen LP gepresst werden. Und der Markt verlangt nach mehr. Das ist nur nicht so einfach.

Nach dem vermeintlichen Gewinn der CD über die LP verschwanden mit den Maschinen aus den Lagerhallen auch die Menschen, die wissen, wie es funktioniert. Ulrich Sondermann ist Chef von Disc-Partner, einem Dienstleister zwischen Musiker und Presswerk. „Es waren doch kaum noch Menschen da, die wussten, wie man so eine Scheibe gerade aus der Maschine bekommt“, sagt Sondermann. Die Maschinen konnten vielleicht nachgebaut werden, die Anwendung bleibt eine Sache der Überlieferung, denn eine Ausbildung für die Erstellung der Matrizen und Folien, gibt es nicht.


Der Reiz, die eigene Musik auf Vinyl pressen zu lassen lockt Musiker aus allen Genres an. Die Kosten liegen je nach Aufwand bei der Verpackung bei rund 2000 Euro für 500 Stück. Sonderformate mit farbigem Vinyl und Formen sind möglich und als Werbegeschenk auch weiterhin beliebt. Ob der Boom so weit weitergeht, vermag aber auch Sondermann nicht zu sagen. „Viele der großen Plattenlabels holen nun alles an Tonbändern aus dem Keller, was noch zu vermarkten ist.

Auf Seite 1242 und damit der letzten Seite des Vinylangebots im Internet des Händlers JPC sind derzeit Scheiben von Erasure gelistet. In Amazons Vinylabteilung landet Nirvanas Album „Nevermind“ aus dem Jahr 1991 auf Platz 1.
Dem stehen all die vielen Kleinlabels gegenüber, die schon seit vielen Jahren ununterbrochen auf Vinyl ihre Musik veröffentlichen. Bei Optimal Media werden seit jeher Kleinstserien produziert. „Wir haben die nicht hinten runter fallen lassen als die Nachfrage so derart anstieg“, sagt Petra Funk von Optimal Media.

Abo statt Plattenladen

Auch im Vertrieb ändert sich beständig etwas für Menschen mit Freude an der Schallplatte, die, so will es ein alter Witz, natürlich nur 2 Rillen besitzt – eine pro Seite. Mit FlyingVinyl hat sich in Großbritannien ein Start Up drangesetzt, im Abonnement die Kunden monatlich mit Neuerscheinungen zu versorgen, die auch musikalisch wertvoll sind.

An der Qualität der produzierten Musik braucht wohl keiner an einem der ambitioniertesten Projekte in der jüngeren Geschichte der Schallplatte zweifeln. Die Berliner Philharmoniker haben in einer Auflage von 1833 Stück eine Aufnahme aller vier Symphonien von Johannes Brahms unter ihrem Dirigenten Sir Simon Rattle pressen lassen. Das Besondere daran: Statt in der Philharmonie normal aufzunehmen, und später von einem digitalen Rekorder oder analogen Tonband eine Matritze in einem Studio schneiden zu lassen, ist die Maschine zu den Berlinern gekommen.

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Rainer Maillard ist Tonmeister und Geschäftsführer der Emil Berliner Studios. Gemeinsam mit dem Orchester entstand über die Jahre der Plan, eine spezielle Form der Aufnahme zu riskieren. Mit einem einzigen Stereomikrofon wurde der Brahmszyklus an jeweils zwei Abenden aufgenommen. Während das Orchester spielte, schnitt Maillard oben mit der Maschine die metallene Vorlage für 1833 Exemplare jeder der sechs Platten, die das Paket umfasst. „Es gab zwischen Mikrofon und der Schnittnadel nichts. Kein Mischpult, kein Tonband, nichts.“ Auf die eine Art eine der archaischsten Methoden der Aufnahme, aus heutiger Sicht eines der mutigsten Projekte.

Zwar sind bei Liveaufnahmen immer die Töne zu hören, die auch mal daneben gehen, aber Huster oder einzelne Kiekser können nachträglich bearbeitet werden. Nicht so bei dieser Luxusausführung mit Schuber und mehrseitigem Booklet, das sich angesichts des Preises von 500 Euro nicht nur an warme Fans des Orchesters, sondern auch dem Liebhaber des Mediums richtet. Jene, die innerlich schweben, wenn sich die Nadel in die Rille senkt.

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