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Innenarchitektur Die goldenen Wasserhähne kommen zurück

Das Gold-Revival ist in vollem Gang. Quelle: Ulrich Welter

Ob im Bad oder im Salon – lange Zeit galt Gold unter den Geschmackshütern der Moderne als Inbegriff von Kitsch und Prahlerei. Das ändert sich gerade. Sogar die vergoldeten Wasserhähne werden wiederentdeckt.

Eine irdene Vase, tannengrün, mit handpoliertem Goldrand? Eine Teetasse von zartestem Porzellan mit goldenem Emblem auf ebenso vergoldeter Untertasse? Oder eine prachtvolle, über die volle Wand, in sattem Blattgold schimmernde Tapete? Du lieber Himmel, warum nicht gleich goldene Wasserhähne, womöglich in Schwanengestalt!

Geben wir’s zu. Ob im Badezimmer oder im Salon: Gold, überhaupt alles Prunk- und Prachtvolle, galt lange Zeit als das Allerletzte. Wurde höchstens geduldet in sozialen Enklaven wie der Fastnacht (Prunksitzungen im Goldenen Mainz) oder nachsichtig belächelt bei Fußballern (Aubameyangs gold-folierter Audi R8) und in Minderheiten-Milieus (goldblitzende Zähne). Wer Geschmack, wer Klasse zeigen wollte, also garantiert jeder Designer, mied den Prunk, pflegte cooles Understatement – und verachtete Gold.

„Wir sind doch keine Goldmenschen!“ Der Kitschverdacht saß so tief, dass sich Designer Andreas Diefenbach, vor zehn Jahren, für Eheringe in matt gebürstetem Weißgold entschied, die mehr an Platin erinnerten denn an Rotgold. „Gold ging eigentlich nicht“, sagt er, war peinlich, hatte den Hautgout des Zu-dick-Aufgetragenen. Und dann das: Zehn Jahre später präsentiert Diefenbach, inzwischen Chefdesigner der Stuttgarter Erfolgsschmiede Phoenix Design, den minimalistischen Klassiker des Hauses Axor-Uno, einen aus zwei schlichten Rohren zusammengesteckten Waschtischmischer in eben der Oberfläche, die jahrelang der Inbegriff von Prahlerei war: in Gold, dem antiminimalistischen, antimodernistischen Material schlechthin.

Alles wird schöner mit ein wenig Glanz
Goldrichtige InszenierungIn der GQ-Bar des Patrick Hellmann Schlosshotels im Berliner Grunewald hat Ulrich Welter Gold mit dunklem Eichenholz kombiniert. Quelle: Ulrich Welter
Schwarz-Rot-GoldPaneele mit Krakelee-Effekt, archaisch-asiatisch inszeniert von Ulrich Welter für das Ankleidezimmer eines Pekinger Geschäftsmanns. Quelle: Ulrich Welter
W arme SchneekristalleGemusterte Tapete von Ulrich Welter mit sattem, tiefem, leicht rötlichem 24-Karat-Gold. Quelle: Ulrich Welter
Glanz im QuadratMessestand von Meissen, in der Farbe der Sonne, mit Gold ausgekleidet, jedes Blatt 16 x 16 cm. Quelle: Ulrich Welter
Purer LuxusDie Armatur Axor-Uno von Phoenix Design verbindet den Minimalismus der Form mit der Opulenz des Goldes. Quelle: Axor
Bestseller des HausesDer Champagner-Becher Sip of Gold von Sieger by Fürstenberg, ein Klassiker des Porzellandesigns. Quelle: Sieger by Fürstenberg

Eine Trendwende? Ein Signal für die Abkehr von der erlesenen Bauhaus-Askese? Von der weiß-schwarzen Moderne? Der Berliner Farbforscher Axel Venn beobachtet die Renaissance der „Metallfarbigkeit“, von Bronze über Messing bis hin zu Gold, eine neue „Prächtigkeit“, gern gepaart mit Samt und Marmor, die Einzug hält im Interieurdesign. Ein Signal, so Diefenbach, für das Unbehagen an einer „immer abstrakter werdenden digitalen Welt“, die so „unkörperlich“ geworden ist, dass sie automatisch einen „Gegentrend“ provoziert: den Wunsch nach etwas, „das immer schon einen Wert“ hatte, das „Beständigkeit verspricht“: Gold. In einer Zeit, da sich Geld zu Bitcoins verflüchtigt, setze Phoenix auf den „Common Sense von Wert und Echtheit“, von „physischer Dichte und Gewicht“. Der „Trick“, so Diefenbach, bestehe darin, dass der vergoldete Wasserhahn Gegensätzliches zusammenführt: die skelettierte, „giacomettihafte“ Schlankheit der Armatur und die Opulenz des Goldes, die im Dunkeln verlockend funkelt.

Der „Elster-Effekt“ ist wohlkalkuliert: Gold weckt naturgemäß Begehrlichkeit, will verführen, wirkt, anders als Chrom, durch seine sinnliche Präsenz: Man will es anfassen, will es haben, koste es, was es wolle. Mindestens so wichtig wie „Form follows function“, die Fanfare des glitzerfeindlichen Modernismus, ist den Stuttgartern „Form follows desire“, eine Formel, die dem Verlangen nach Anschaulichkeit Raum gibt, dem Heimweh nach Wärme, nach Stofflichkeit, nach körperhafter Schönheit und Poesie.

Auch nach Prunk und Reichtum? Aber ja. Für das kollektive, kulturelle Gedächtnis sind Gold und Geld verschwistert: Was golden glänzt, ist teuer, signalisiert Extravaganz, überwältigt durch schöne Verschwendung. Gold wirkt durch schiere Evidenz. Von der vollvergoldeten, dem weiblichen Busen nachgebildeten Porzellan-Vase Seduction des Designers Michael Sieger bis zum blattgoldummantelten, massiven Fabrikturm, mit dem der Architekt Rem Koolhaas der Fondazione Prada in Mailand ein matt glänzendes Denkmal gesetzt hat, reicht neuerdings die Prunkskala des Designs.

Koolhaas’ vergoldeter Turm, inmitten eines Industriereviers platziert, entfaltet eine seltsam künstliche, fast jenseitige Aura. Ein Effekt, der einst den Kirchen vorbehalten war, die im Gold das Abbild der Ewigkeit feierten: Die gotischen Goldgrundmalereien mit den Strahlenkränzen der Heiligen, die goldfunkelnden Monstranzen und von Goldfäden durchwirkten Messgewänder – alles zur Ehre Gottes, für die nichts zu schön, zu teuer sein konnte, war das kostbare, irdische Material doch zugleich ein immaterieller Abglanz des Überirdischen. In der Zurschaustellung des Goldes enthüllte sich der Reichtum ebenso wie das göttliche Licht, in dem sich die Schöpfung spiegelt.

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