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Knauß Kontert

Rocken für die Regierung? Nein!

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Rock’n’Roll war mal eine vitale Gegenkraft zur ökonomisierten Marktgesellschaft. Wie systemkonform und spießig die Popwelt geworden ist, zeigt die Empörung über Morrisseys politische Ansichten.

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Quelle: imago images

Seit einigen Tagen ist ein britischer Musiker zum Lieblingsziel einer breiten Front der Empörung geworden -  von der Saarbrücker Zeitung bis zur Huffington Post. Der neue Gottseibeiuns des Feuilletons ist nicht irgendeiner, es ist Morrissey. Von seinen Anhängern wird er seit über 30 Jahren abgöttisch verehrt, unzählige andere Musiker nennen ihn ihr Vorbild, als Liedtexter wurde er schon mit den großen romantischen Dichtern seiner Heimat verglichen.

Doch er hat ein schweres Sakrileg begangen – so sehen es Journalisten. Nicht nur hat er schon vor einem Vierteljahrhundert über „Journalists who lie“ gesungen. Nicht nur fordert er auf seinem aktuellen Album "Low in High School" zur Nachrichten-Abstinenz auf - "Spent the Day in Bed". Nicht nur hat er sich in Interviews als Befürworter des Brexit offenbart. Nicht nur hat er sich in einem Konzert in Berlin lustig gemacht über eine Besucherin, die „Fuck AfD!“ rief. (Nach Ansicht eines Rezensenten verpasste er da die „Chance, sich etwas von seinen kruden politischen Ansichten zu distanzieren, wenn ihnen nicht sogar gleich zu entsagen“).

Es kam noch viel schlimmer: Morrissey hat im Interview mit dem Spiegel gewagt, die Kanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik zu kritisieren. Die Bundeskanzlerin! Er nannte Berlin „wegen der offenen Grenzen“ eine „Vergewaltigungshauptstadt“ und - das Schlimmste!  - wünschte sich, dass Deutschland deutsch (und Frankreich französisch) bleibe. „England for the English“ hatte er übrigens schon 1991 gesungen.

Über diesen Mann und sein neues Album kann man nun kaum mehr einen Text lesen, dessen Autor sich nicht zunächst verbal bekreuzigt. Indem er zum Beispiel (wie in der Saarbrücker Zeitung) darauf hinweist, dass Morrissey „ständig irgendeinen Mist“ verzapfe und dass er gefälligst „seine Anti-EU-Provokationen für sich behalten“ solle. Die Huffington Post schrieb, Morrisseys Interview im Spiegel sei „dumm“ (ausgerechnet die Huffington Post!), für die Süddeutsche ist er ein „alter, ideenloser Verschwörungstheoretiker“.

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    Andreas Frege, alias Campino, Frontmann der Punk-Band

    Rein ökonomisch könnte dem Musiker das durchaus entgegen kommen. Es könnte derselbe Effekt eintreten, der den Historiker Rolf Peter Sieferle nach seinem Freitod zum Bestseller-Autoren machte: Wer von den wohlsituierten Kritikern zum bösen Buben abgestempelt ist, wird für viele Liebhaber des nicht Gewöhnlichen gerade interessant. 

    Offensichtlich tut Morrissey genau das, was einst neben der puren Lebensfreude der Sinn des Rock’n’Roll war: gegen die Konventionen verstoßen, dem Establishment die Verlogenheit seiner Moral vorhalten, rebellieren, provozieren, Freiheiten einfordern.

    Rock’n’Roll war mal ein großer Angriff auf die Spießigkeit. Zu Elvis Zeiten genügte dafür ein lasziver Hüftschwung, die Beatles taten es mit ihren langen Haaren und später mit einem öffentlichen „Bed-In“ für den Weltfrieden.

    Echte Rock'n'Roller?

    Und nun empören sich pophistorisch gebildete Journalisten über einen 58-Jährigen, weil der es wagt, die Politik der Bundeskanzlerin, die europäische Einigung und die Willkommenskultur - kurz: die Vorlieben des gegenwärtigen Establishments – in Liedern und Interviews zu kritisieren. Man ist ganz offensichtlich geschockt, dass aus dem Pop-Zirkus fast fünfzig Jahre nach Woodstock auch noch etwas anderes als eitle Affirmation der gängigen Moral ertönen kann.

    Man hatte sich eben an Rockstars gewöhnt, die wie U2-Sänger Bono die Bundeskanzlerin umarmen oder ihr wie Campino von der so genannten Punk-Band „Die toten Hosen“ nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen „stabile Nerven“ wünschen. Aus der anarchistisch-subversiven, allzeit besoffen grölenden „Opel-Gang“, als die sich die Hosen auf ihrem Debüt-Album 1983 präsentierten, ist eine staatstragende Kanzlerinnenunterstützungskapelle geworden.

    Bands wie die Hosen haben mit ihrem so genannten politischen Engagement längst eine ähnliche Funktion übernommen wie einst Freddy Quinn mit seinem Anti-68er-Lied „Wir“: „Ihr lungert herum in Parks und in Gassen, wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? Wir! Wir! Wir! …Wer sagt sogar, dass Arbeit nur schändet, so gelangweilt, so maßlos geblendet? Ihr! Ihr! Ihr!“ Quinn sang als ehrlicher Spießer-Freund, der nie behauptete ein Rock’n’Roller zu sein. Und er wäre sicher nie auf die Idee gekommen, öffentlich und unverblümt über Kurt Georg Kiesinger zu sagen, was Campino über Merkel jüngst sagte: „Diese Person auszutauschen, das wäre für mich das Zeichen, dass die Bundesrepublik Deutschland sich selber zerlegen möchte."

    Campino und Konsorten tragen den alten Nonkonformismus des Rock’n’Roll als Maske vor sich her. Sie sind Epigonen, die ritualisierte, perfekt vermarktbare aber innerlich tote Attitüden der Aufsässigkeit vermarkten, während sie längst zu Hofsängern der Mächtigen geworden sind. Sie und ein angepasster Rudel-Feuilletonismus sorgen dafür, dass die Pop-Szene von heute spießiger ist als das Establishment von einst, gegen das Beatles und Stones vor 50 Jahren anrockten. Sie sind ganz einfach Deserteure, Überläufer. Auch wenn ihnen die neuen Mächtigen natürlich entgegenliefen.

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      Ein radikaler Individualist und romantischer Eigenbrötler wie Morrissey, der als Sohn der Arbeiterklasse einst Maggie Thatcher und die Queen verdammte, aber heute mit kaum verhohlener Wut gegen die Ausmerzung des Besonderen durch die Globalisierung ansingt, kann da nur stören.

      Gut, dass da einer stört! Gut, dass Morrissey nicht desertiert ist! Denn ohne echte Rock’n’Roller, ohne unerschrocken revoltierende Romantiker, die aus ihrem Seelenschmerz angesichts der Verheerungen der Moderne wunderschöne Lieder für die Ewigkeit machen, ist die produzierende und konsumierende Weltgesellschaft nichts als eine Ödnis. Vielleicht laut und bunt statt „silent and grey“ wie die Kleinstadt in Morrisseys Depri-Hymne „Every Day is like Sunday“, aber unerträglich für jeden, der ein Herz hat.  

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