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Kreuzfahrtindustrie Las Vegas in der Natur Alaskas

Das Kreuzfahrtschiff

Es wird eng für die Kreuzfahrtindustrie. In den Häfen beliebter Ziele können längst nicht mehr alle Schiffe anlanden. Die Kritik an der Umweltbelastung wächst. Jetzt steuert ein neuer Schiffsriese Alaska an.

Als wolle sie das Meer spiegeln, reckt die "Norwegian Bliss" am Bremerhavener Kai den bunten Bug voran. Eine in Blautönen gehaltene Darstellung von Rochen, Orcas und Blauwalen zeigt am Rumpf, was die Gäste künftig von ihrer Kabine, einem der zahlreichen Freiluftrestaurants oder dem Aussichts-Deck aus zu sehen hoffen: Meerestiere.

Alaska: das klingt nach Eiseskälte, Eisbergen und wenig Leben an Land - aber umso mehr unter Wasser. Gerade einmal 740.000 Menschen wohnen im am dünnsten besiedelten Bundesstaat der USA. Wenn die "Norwegian Bliss" nach ihrer Überführung von Papenburg über Eemshaven, Southampton und New York demnächst von Seattle aus ablegt, bringt sie 4000 Passagiere und gut 1500 Mitarbeiter bis hoch nach Skagway.

Der Kreuzfahrttourismus in dem an Kanada grenzenden Bundesstaat stößt damit in eine neue Dimension vor. Und die Bliss macht nur den Auftakt. Im Jahr 2019 möchte dann die Linie Royal Carribean mit der "Ovation of the Seas" sogar 5000 Passagiere in die Region bringen. Bislang legen vor allem Schiffe mit halb so hohen Kapazitäten dort an.

Wachstum für die Kreuzfahrtindustrie bedeutet eben auch: größere Schiffe, um die weiterhin ungebrochene Nachfrage zu befriedigen. Oder sie noch weiter anzukurbeln. Denn wie alle Schiffe dieser Größenordnung ist auch die "Norwegian Bliss" ein mehr als komfortabler Weg, sich in immer entlegenere Regionen fahren zu lassen.

Hätte es keinen Rumpf, sondern ein Fundament, ginge das Schiff problemlos als Ferienclub durch – einen, den es in dieser Größenordnung an Land nicht gibt. Auf 333 Metern verteilten die Schiffsarchitekten die für US-Verhältnisse typische Mischung aus Restaurants, Boutiquen, Badeparadies, Kunstgalerie, Spa, Fitnessclub, Showtheater, Kinderclub, Aussichtsplattformen, Kegelbahnen und als Highlight eine zweistöckige Kartbahn, die es bislang erst auf einem Schiff gibt.

Die Reedereien müssen ihren anspruchsvollen Kunden immer etwas Neues bieten. „Der Druck ist groß auf die Industrie“, sagt Norwegian-Cruise-Lines-CEO Andy Stuart.

Auch der Druck von Kritikern. Etwa den rund 7000 Einwohnern der Stadt Ketchikan am Südzipfel Alaskas, die jetzt schon an manchen Tagen von 10.000 Passagieren besucht werden. Und die befürchten, es könnten bald 20.000 werden. Darauf, die Zahl Schiffe zu reglementieren, die den Ort anfahren, konnten sie sich jedoch nicht einigen. Für Alaska sind die rund eine Million Besucher im Jahr eine wichtige Einnahmequelle.

Umweltschützer in aller Welt kritisieren seit jeher diese Form des Tourismus. Der Zielkonflikt zwischen den Interessen der teils börsennotierten Kreuzfahrt-Linien und dem Erhalt empfindlicher Ökosysteme wird mit jedem, noch größeren Schiff, das in entlegene Regionen fährt, größer.

Schwimmender Luxus für Alaska

Die Bliss versucht, sich den Forderungen der Umweltschützer zu nähern und gleichzeitig das Entertainment von Las Vegas und Broadway in die Heimat großer Meerestiere zu bringen. Die Meyerwerft in Papenburg hat Rumpffarben gewählt, die umweltverträglicher sind, Systeme zur Verarbeitung des Abwassers eingebaut, das somit nicht ungefiltert in die Ozeane geleitet wird. Die Motoren laufen mit Diesel statt dem billigeren, aber auch qualmenden Schweröl. Im Hafen muss die Bliss nicht die Motoren laufen lassen, um Strom zu erzeugen. Sie wird von Land versorgt.

Passagiere, die auf einem der Sieben-Tages-Trips von allen Problemen der Welt abschalten wollen, können dies in all dem Komfort und Luxus des Schiffs spielend erreichen. Selbst vor der Kulisse Alaskas - wo sie, mindestens aus Sicht vieler Einwohnern, selbst Teil eines Problems werden.

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