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Live-Escape-Games Wie bitte geht's zum Ausgang?

Die Digitalisierung erobert die Welt. Die ganze Welt? Nein. Einige Menschen machen nicht mit und flüchten in die wirkliche Welt der Live-Escape-Games.

Immer mehr Menschen spielen Live-Escape-Games. Quelle: Quexit

Die Tür fällt hinter uns zu. Da stehen wir nun, eingeschlossen in diesem kleinen Büro. Rechts ein Schreibtisch aus den Sechzigerjahren, davor ein Beistelltischchen aus Glas mit zwei gelben Sesseln. Daneben ein rote Aluminiumkiste, mehrfach umwickelt und verriegelt mit Ketten. Links kleine Bilder mit ikonografischen Zeichen, die wie Codes wirken. Auf der anderen Seite eine Weltkarte und ein großer Spiegel, an dem Postkarten, Passfotos und kleine farbige Magnete kleben. Rechts davon ein Safe. Und mitten an der Wand die knallrot leuchtenden Zahlen der Uhr.

Erbarmungslos tickt sie rückwärts. Hier, in diesem Raum, liegen die entscheidenden Hinweise auf den Attentäter verborgen, der in 60 Minuten die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Berlin-Mitte in die Luft jagen wird, wenn wir nicht rechtzeitig eingreifen. Unser Auftrag: ihn zu identifizieren unter fünf Verdächtigen auf einer Liste. Ist es der Topagent, die unauffällige Sekretärin oder der clevere Datenanalyst? Erst wenn wir den wahren Attentäter dingfest gemacht haben, können wir den Schlüssel finden, um aus dem Zimmer zu fliehen. Sonst sind auch wir dran. Schnell. Die Uhr läuft.

„Mission possible“, so heißt dieses als Thriller inszenierte Spiel des Düsseldorfer Unternehmens Quexit. Eines unter zahlreichen Live-Escape-Games, die den Spieltrieb der Fans befeuern. Ob Firmen, Freunde oder Familien – die Faszination ist überall die gleiche: Hier wird nicht gegoogelt, hier wird mit dem eigenen Gehirn kombiniert. Hier wird nicht am Smartphone oder iPad getoucht, hier lassen sich Gegenstände wirklich berühren, sind Räume nicht virtuell, sondern höchst real. Statt Siri spricht Sandra, Franz oder Frederik. Kurzum – hier ist die Welt noch analog.

Angst-Lust Für manche Spielfreunde können die Spielräume gar nicht gruslig genug sein. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Quexit

Und die Escape-Gamer-Szene boomt: In Berlin, Hamburg, München oder im Ruhrgebiet – rund 200 Anbieter haben sich bundesweit etabliert. Seit seiner Gründung 2014 hat allein Quexit 130 000 Besucher durch seine Spielräume in Düsseldorf und Paderborn geschleust. Die Rheinländer beschäftigen 15 Spieleentwickler und -koordinatoren. 70 Besucher können sie zeitgleich in ihren Räumen bei Spiellaune halten. „Damit sind wir Marktführer in Deutschland“, erklärt Geschäftsführer Alexander Fengler.

Neben dem Roman, dem Kinofilm, den Computerspielen, den Fernseh- und Netflix-Serien bieten Live-Escape-Games eine alternative Art des Erzählens: Stets gilt es, einer bedrohlichen Situation, einem verschlossenen, real existierenden Raum zu entkommen; die Hintergrundstory orientiert sich an vertrauten Motiven, wie man sie aus Blockbustern wie „Alien“, „Wall Street“ oder „Police Academy“ kennt.

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Ab 20 Euro kostet der Spaß je nach Spiel pro Person. Zwei bis sechs Mitspieler sind die optimale Gruppenstärke. Intelligenz, Logik und gesunder Menschenverstand sind gefragt. Die Spieler müssen die Räume zu lesen verstehen, müssen Hinweise in Büchern und Kleidern, hinter Kissen oder unterm Sofa erkennen, müssen Düfte von Anis und Zimt deuten, Wort- und Zahlenrätsel lösen, Zeichencodes knacken und Zahlenschlösser öffnen.

Mit detektivischem Spürsinn

Egal, ob Anfänger mit Tendenz zum Blackout oder Rätselprofis mit Sherlock-Holmes-Patent: „Diejenigen Teams schneiden am besten ab, die unterschiedliche Fähigkeiten haben und sich am besten ergänzen“, meint Fengler. Auch deswegen seien Live-Escape-Spiele ideal für Teambildung. Kein Wunder, dass immer mehr Unternehmen seine Räume buchen. Das Spiel schweißt die Teams zusammen. Niemand muss Angst haben oder in Panik ausbrechen, auch wenn manche Räume an alte Gefangenenwaggons, abbruchreife Keller, Folterkammern oder Verliese erinnern. Ob bei der „Blutprobe“ in Stuttgart oder auf der Suche nach dem „Schlächter von Hannover“ oder dem „Jigsaw-Killer“ in Kaiserslautern – für manche Rätselspezialisten kann es nicht gruslig genug sein. Alles nur ein Spiel. Wer dennoch einen klaustrophobischen Anfall erleidet, wird aus dem Spiel genommen: Eine Kamera, mit der ein „Spielleiter“ den Innenraum überwacht, ist zur Sicherheit im Raum angebracht. Ganz digitalfrei geht es nicht.

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