WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Luxus am Handgelenk Was Glashütte so erfolgreich macht

Seite 2/4

Dezente Brüche mit der Tradition

Dessen Anziehungskraft ist derzeit so stark wie selten zuvor. Das lässt sich am jüngsten Zugang im Kreise der Manufakturen ablesen: Seit November 2008 gibt es vor Ort die Grossmann Uhren GmbH, benannt nach dem 1825 in Dresden geborenen Uhrmacher Moritz Grossmann. Er hatte einst sein Atelier in Glashütte, um Taschen- und Pendeluhren anzufertigen. Vor einigen Jahren sicherte sich die Uhrmacherin Christine Hutter die Namensrechte, Schweizer Investoren gaben ihr Geld für die Unternehmensgründung. Heute sind bei Großmann 45 Mitarbeiter tätig, die in einem futuristisch anmutenden, hochwassersicheren Neubau oberhalb der Müglitz an den Uhren arbeiten. Darunter auch ein Seiteneinsteiger mit stillem Gemüt und ruhigen Händen.

Sebastian Hutkai ist eigentlich ausgebildeter Zahntechniker, doch vor ein paar Jahren verlegte er sein Aufgabengebiet von Zahn-Weiß auf Grossmann-Violett. Die Zeiger der sieben Modelle des Hauses beenden die Glashütter Tradition, Schrauben und oft auch Zeiger in einem kräftigen Blau zu verbauen. Solche dezenten Brüche nimmt Hutter gerne in Kauf. Bevor sie zur Unternehmerin wurde, arbeitete sie unter anderem im Management von A. Lange & Söhne und konnte die Historie der Uhrmacherei am Ort gewissermaßen täglich inhalieren. Daran will sie heute nicht mehr sklavisch festhalten. „Im Geiste Großmanns wollen wir unseren eigenen Weg gehen“, sagt Hutter.

Die kompliziertesten Uhren der Welt
Henry Graves SupercomplicationFür 21,3 Millionen Dollar (17,1 Millionen Euro) hat ein anonymer Käufer jetzt dieses Schmuckstück beim Auktionshaus Sotheby's ersteigert. Die Henry Graves Supercomplication gilt als aufwändigste per Hand gefertigte Uhr der Welt. Sie besteht aus 900 Einzelteilen und ist nach dem Banker Henry Graves benannt, der die Uhr 1925 in Auftrag gab. Die Schweizer Manufaktur Patek Philippe benötige acht Jahre, um die Supercomplication zu vollenden – drei zur Forschung und fünf zur Herstellung. Neben der Uhrzeit lassen sich unter anderem die Mondphasen, die Sternzeit und der Zeitpunkt von Sonnenauf- und Sonnenuntergang ablesen. Tim Bourne, Uhrenexperte bei Sotheby's, bezeichnete die goldene, 500 Gramm schwere Taschenuhr als „Ikone des 20. Jahrhunderts“ und „Meisterwerk, das die Uhrmacherei auf die Ebene der Kunst erhob“. Quelle: AP
Calibre 89Patek Philippe hat auch andere Taschenuhren im Angebot, etwa die Calibre 89: 33 Komplikationen wurden verbaut. Die Tasche dafür sollte allerdings groß sein, denn die Uhr ist näher am Eishockeypuck als an einer großen Münze. Gut vernäht sollte sie auch sein, denn die Uhr wiegt 1,1 Kilogramm dank ihrer 1728 Teile. Dafür kann die Uhr alle erdenklichen Zeitangaben machen, inklusive Darstellung des Sternenhimmels. Auch ein Thermometer ist enthalten. Vorgestellt wurde sie im Jahr 1989 anlässlich des 150. Jubiläums der Marke. Quelle: Presse
Lange & Söhne GrandComplicationDer sächsische Hersteller A. Lange & Söhne ist trotz seiner langen Historie erst nach dem Mauerfall zu seiner heutigen Blüte erwachsen. Viele Entwicklungen basieren jedoch auf Skizzen des jungen Uhrmachers Walter Lange. 2013 kam die Grand Complication auf den Markt, die einige der schwierigsten Komplikationen in sich vereinigt. Neben einem Schlagwerk für den Klang der vollen Stunde und der Minuten, kann sie auf Wunsch jederzeit die Uhrzeit akustisch mitteilen (Minutenrepetition), mit dem sogenannten Rattrapante- oder auch Schleppzeiger-Chronograph die Zwischenzeiten messen bei Stoppzeiten. Dazu ist ein ewiger Kalender mit Mondphasenanzeige verbaut. Quelle: Presse
Franck Muller Aeternitas Mega4Diese Uhr gilt dank ihrer 36 verbauten Komplikationen nicht nur als komplizierteste Armbanduhr der Welt, sondern ist sicher auch eine der am kompliziertesten zu lesenden Uhren der Welt – so dicht gedrängt sind die Anzeigen von zweiter Zeitzone, Tag, Wochentag, Monat, Jahr, und so weiter auf dem Ziffernblatt gedrängt. 1483 Teile sind verbaut. Quelle: Presse
Harry Winston Opus XIIIDas Uhrwerk mag zwar keine der üblichen Komplikationen wie Rattrapante oder ewiger Kalender enthalten – aber die Mechanik ist wie immer in der Reihe der Opus-Uhren des amerikanischen Juweliers, der mittlerweile zur Swatch Group gehört, sehr außergewöhnlich. Für jedes Modell der Opus-Reihe lädt die Marke einen Uhrmacher ein, sich auszutoben. Und für die XIII lässt sich sagen: Gelungen. Aber wie spät ist es? Hier eine Lesehilfe: In der Mitte befindet sich die Stundenanzeige, die Uhrmacher Ludovic Ballouard in Dreiecksform brachte. Die vielen kleinen grauen Stifte, die sich mit den roten abwechseln, sind die Minutenanzeige. Treten sie hervor, zählen sie, liegen sie im Zifferblatt versteckt, kommt ihre Zeit noch. Auf dem Foto zeigt die Uhr also zehn Minuten nach zehn an. Quelle: Presse
Greubel & Forsey Art PieceDiese Uhr ist in ihrer Funktion eigentlich überhaupt nicht kompliziert. Vor allem gemessen daran, dass diese kleine Schweizer Manufaktur auch Uhrwerke mit vier Tourbillons baut. Das Geheimnis dieser Uhr ist versteckt und nur durch die in der Krone verbaute Lupe zu sehen: Eine Skulptur des britischen Künstlers Willard Wigan, der bekannt wurde, weil er unterm Mikroskop per Hand seine Skulpturen vom unglaublichen Hulk bis zu sieben Kanälen in Nadelöhre verbaute. Welche Skulptur in dieser Uhr entsteht, darf der künftige Besitzer für einen Preis von mehr als einer Million Euro mitbestimmen. Quelle: Presse
Van Cleef Arpels Midnight PlanetariumDiese Entwicklung hat sich Van Cleef Arpels von einem unabhängigen Uhrmacher eingekauft. Zu sehen sind die Sterne. Sie bewegen sich in Echtzeit umeinander und bilden so die natürliche Bewegung nach. In der Mitte die Sonne. Immerhin: Der kleine Meteorit zeigt grob auch die Uhrzeit auf einer 24-Stunden-Skala an. Quelle: Presse

Deshalb braucht Hutkai einen präzisen Blick. Denn die Zeiger verfärben sich bei großer Hitze von gelb über rot und hellblau bis grau – in etwa so wie ein Steak, das zunächst blutig rot, dann rosa und am Schluss ungenießbar wird.

Echtes Handwerk

Um in dem Bild zu bleiben: Hutkais Zeiger sind gewissermaßen medium rare, das Glashütter Blau medium. Zunächst liegen die winzigen Zeiger in einer Metallschale. Dann erhitzt Hutkai sie über der Flamme einer Lötlampe. Mehr als zwei Jahre hat es gedauert, bis er die notwendige Fertigkeit besaß. Echtes Hand-Werk eben. Aber seine Chefin legt großen Wert auf penibelsten Aufwand – selbst an Stellen, die für die Augen der Kunden unsichtbar bleiben. Andernfalls könnte sie den Preis nicht rechtfertigen. 200 Stück sollen die Manufaktur dieses Jahr am Ende verlassen haben. Das günstigste Modell kostet 21.400 Euro, das teuerste Exemplar 168.000 Euro. In derselben Preisklasse spielt Platzhirsch A. Lange & Söhne.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen
    Die zehn teuersten Uhren der Welt
    Platz 10: Vacheron Constantin New Traditionnelle WeltzeituhrDas Kaliber 2460 WT aus Platin zeigt alle 37 Zeitzonen an und ist somit die erste Weltzeituhr der Schweizer Manufaktur Vacheron Constantin. Über der Weltkarte, die auf einem Metallzifferblatt angebracht ist, liegt eine Saphirscheibe, die Tag und Nacht durch ihre zur Hälfte verdunkelte Fläche anzeigt. Die Referenzstädtenamen sind ebenfalls auf der Scheibe aufgebracht. Preis: ca. 78.000 EuroQuelle: Men's Journal Quelle: PR
    Platz 9: L.U.C Tourbillon Qualité Fleurier FairminedDie L.U.C Tourbillon QF Fairmined ist die erste Uhr der Welt, die aus sogenanntem Fairminded Gold hergestellt ist. Das Gold der Tourbillon-Uhr, die einen Durchmesser vom 43 Millimetern, eine Gangreserve von neun Tagen und teils satinierte, teils polierte Oberflächen hat, stammt aus kleinen, handwerklich betriebenen Minen, die den Anforderungen des Fairminded-Siegels entsprechen. Das heißt, es gelten strenge Vorgaben über soziale Entwicklung, Umweltschutz, Laborbedingungen und die wirtschaftliche Entwicklung innerhalb einer Bergbaugemeinschaft. Preis: ca. 114.400 Euro Quelle: PR
    Platz 8: Montblanc Villeret 1858 ExoTourbillon ChronographeDer ExoTourbillon Chronographe ist der erste Zeitmesser der Montblanc-Kollektion Villeret, der einen Tourbillon und eine Chronographenfunktion miteinander verbindet. Umhüllt von einem Weißgold-Gehäuse tickt im Inneren ein Handaufzug-Kaliber MBM 16.60. Der Durchmesser des Gehäuses liegt bei 47 Millimetern, die Gehäusehöhe umfasst 16,2 Millimeter. Die Gangreserve der Uhr beträgt 55 Stunden. Preis: ca. 210.000 Euro Quelle: PR
    Platz 7: A. Lange & Söhne Lange 1 Tourbillon Ewiger KalenderDer klassische Mechanismus des ewigen Kalenders wird in diesem Modell neu umgesetzt. Statt auf einem Hilfszifferblatt werden die Monate auf einem außen liegenden Ring angezeigt, sodass sich keine Anzeige mit einer anderen überschneidet. Der Tourbillon ist durch den Saphirglasboden zu erkennen. Preis: ca. 264.000 Euro Quelle: PR
    Platz 6: Hublot MP-05 LaFerrariDie MP-05 LaFerrari wurde von Ingenieuren und Uhrmachern der Manufaktur Hublot zusammen mit dem Autobauer Ferrari als Hommage an den gleichnamigen Sportwagen gestaltet. Die Uhr besteht aus 637 Werkteilen, verfügt über ein Tourbillon und elf in Serie geschaltete Federhäuser, die in der Mitte angeordnet sind. Mit ihrer Gangreserve von 50 Tagen – umgerechnet sind das 1200 Stunden – stellt die Uhr einen neuen Weltrekord auf. Preis: ca. 273.000 Euro Quelle: PR
    Platz 5: Greubel Forsey Double Tourbillon 30° TechniqueIn diese Uhr ist ein um 30 Grad geneigtes Doppel-Tourbillon integriert. Das Metall des Gehäuses besteht aus Platin oder Rotgold 5N, das Uhrwerk aus Schwarzchrom. Präsentiert wird der Double Tourbillon Technique 30° in zwei limitierten Editionen mit 22 Exemplaren mit 385 farblich aufeinander abgestimmten Teilen. Preis: ca. 491.000 Euro Quelle: PR
    Platz 4: Harry Winston Histoire de Tourbillon 5Das fünfte Modell der 2009 gestarteten Serie "Histoire de Tourbillion" ist ein echtes Unikat: In die HW 4303 sind 57 Juwelen integriert, im Inneren sind 381 Einzelteile eingesetzt. Die Minuten und Stunden werden jeweils auf einzelnen Scheiben angezeigt. Die Uhr besteht aus 18-karätigem Roségold und hat eine Gangreserve von 50 Stunden. Preis: ca. 519.000 Euro Quelle: PR

    Die Marke ist weiterhin die bekannteste des Ortes. Im Luxusmarkenranking der WirtschaftsWoche aus dem Jahr 2014 zum Beispiel belegte der Uhrenhersteller den ersten Rang, genauso wie im Vorjahr – noch vor Sportwagenhersteller Porsche oder Nobelküchenfabrikant Poggenpohl. Mit diesem Glanz schmücken sich auch Politiker gerne.

    Die Fehlertoleranz liegt bei Null

    Ende August kam Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Glashütte, um neue Gebäude zu eröffnen. Johann Rupert, Eigner des Luxusgüterkonzerns Richemont – zu dem Lange neben Marken wie Cartier, Jaeger-LeCoultre oder Officine Panerai gehört –, reiste extra aus seiner Heimat Südafrika an.

    Von den neuen Hallen blicken die Uhrmacher nun auf das Grün des gegenüberliegenden Hügels. Es gibt endlich ausreichend Platz – und der ist auch notwendig, etwa für die sogenannten Unruhkloben. Dafür führen die Uhrmacher einen Stichel sachte durchs Metall. Einen Tick zu kräftig, dann würde sich die Schneise durch das Bauteil ziehen – das dann wieder neu aufbereitet werden müsste. Doch der Käufer einer Lange-Uhr mit Glasboden kann den Kloben gut sehen. Deshalb liegt die Fehlertoleranz exakt bei null.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%