Luxus am Handgelenk Was Glashütte so erfolgreich macht

Der Name Glashütte signalisiert Liebhabern exquisiter Uhren höchste Qualität. Die mechanischen Uhren gehören trotz Smartwatch-Trend zu den erfolgreichsten Exportartikeln Deutschlands. Aber warum?

Glashütte Quelle: Presse

Angeblich liegt die Kraft vor allem in der Ruhe. Vielleicht ist das schon das ganze Geheimnis. Glashütte ist etwa 30 Kilometer von Dresden entfernt, die Autofahrt dauert eine Dreiviertelstunde und führt über die B 170, vorbei an Bannewitz, Reinholdshain und Niederfrauendorf. „Tal der Ahnungslosen“ nannten Spötter die Gegend früher, weil es hier zu DDR-Zeiten kein Westfernsehen gab. Das Mobilfunknetz ist heute immer noch schwach, der Ort ist weltberühmt.

Trotzdem? Oder gerade deswegen?

Wer einen Parkplatz sucht, muss selbst tagsüber nicht lange suchen – auch wenn er nur höchstens zwei Stunden lang belegt werden darf. So viel Großstadtflair gönnt sich die Gemeinde dann doch.

Marke mit weltweiter Strahlkraft

6800 Einwohner zählt das gesamte Städtchen Glashütte mit seinen acht Ortsteilen, etwa 1700 arbeiten für die Hersteller feinmechanischer Wunderwerke. Das sind fast schon Wolfsburger Verhältnisse: Die Volkswagen-Stadt hat etwa 120.000 Einwohner, Ende 2014 arbeiteten im Werk Wolfsburg 59.000 Menschen. Auch in Glashütte wird diese Dominanz nach Feierabend ziemlich deutlich sichtbar. „Nachmittags, wenn die Uhrmacher fertig sind, bewegt sich eine Karawane raus aus dem Ort“, sagt die Mitarbeiterin einer Manufaktur. Die meisten Angestellten aus dem Management wohnen in Dresden, genauso wie die Uhrenfans aus aller Welt, die die Manufakturen besuchen. Irgendwann hatte mal jemand Pläne für ein Hotel, doch anscheinend scheuten alle potenziellen Betreiber das Risiko. Die Fläche, auf der das Haus hätte entstehen können, ist nun bebaut. Mit einem Parkhaus für Mitarbeiter.

Die neuesten Luxusuhren auf der Baselworld
Nomos Minimatik Quelle: Presse
Bifora JB-60 Quelle: Presse
Patek Philippe Calatrava Pilot Travel Time Ref. 5524 Quelle: Presse
Glashütte Original PanoMaticLunar Quelle: Presse
Breitling Superocean II Quelle: Presse
TAG Heuer Carrera Quelle: Presse
MB&F HM3 Megawind Final Edition Quelle: Presse

Doch der spröde Charme des verschlafenen Städtchens täuscht leicht darüber hinweg, dass Glashütte eine Marke mit weltweiter Strahlkraft ist, von der alle Uhrenhersteller vor Ort profitieren: A. Lange & Söhne, Glashütte Original, Nomos, die Wempe Chronometerwerke oder die Bruno Söhnle GmbH.

Deutsche Uhren-Hochburg

Der Name Glashütte steht in den Augen der Kunden für feinste Uhrmacherei, die es mit den großen Marken aus der Schweiz aufnehmen kann. Im Nachbarland verteilt sich die Industrie auf mehrere Standorte – Biel, Genf, Schaffhausen, Le Brassus oder Le Sentier. In Deutschland hingegen konzentrieren sich die Hersteller der Luxusuhren in Sachsen. Der Name Glashütte signalisiert Liebhabern exquisiter Uhren höchste Qualität – so wie das ebenfalls sächsische Meißen als Synonym für erstklassiges Porzellan gilt und das Erzgebirge bekannt ist für feinste Holzschnitzereien. Offenbar sind die Menschen hier mit Geduld gesegnet sowie mit der Fähigkeit, stundenlang hoch konzentriert an winzigsten Bauteilen zu tüfteln.

Die 30 deutschen Top-Luxus-Marken
Rang 30: Escada (15)* Escada erwirtschaftet nach Jahren der Krise wieder einen positiven Cashflow. 2009 hatte Megha Mittal, die Schwiegertochter des indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal, das Münchner Modehaus aus der Insolvenz herausgekauft. Heute setzen Escadas Designer unter anderem auf kräftige Farben, große Blumenaufdrucke und Metalltöne. Kritiker loben die Stücke als prächtig und stylisch. Das Modehaus konzentriert sich zurzeit vor allem auf die Märkte USA, Deutschland, Spanien, Russland, Japan und China. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 116 (144)* Trend seit 2011: ⇘ ** * in Klammern: 2011 ** Trendanzeige ab 5 Punkten Der Luxusmarkenindex basiert auf einer Befragung von 163 Branchenexperten zu den drei Kriterien relativer Preisabstand des Luxusmarkenanbieters zu einem Mainstream-Markenanbieter, absolute Preishöhe und Anziehungskraft einer MarkeQuelle: Biesalski & Company und Brand Networks Quelle: dpa
Rang 29: Hotel Adlon (25) 1907 eröffnete das Hotel Adlon am Berliner Boulevard Unter den Linden und beherbergte im Laufe der Jahre viele berühmte Gäste, darunter Thomas Alva Edison, Henry Ford, John D. Rockefeller, Walther Rathenau, Gustav Stresemann und Aristide Briand. Durch die schlechte Finanzlage seines Investors, der Fundus-Gruppe, geriet das Hotel zuletzt oft in die Schlagzeilen. Laut einer Schätzung der Ratingagentur Moody’s sollte das Hotel am Brandenburger Tor im Vorjahr nur noch 182 Millionen Euro wert sein.  Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 117 (121) Trend seit 2011: NEU Quelle: dpa/dpaweb
Rang 28: Nymphenburg (-)Die Porzellan Manufaktur Nymphenburg kooperiert schon seit Jahren mit namhaften Künstlern wie dem Niederländer Joep van Lieshout, dem Franzosen Saâdane Afif oder dem deutschen Schmuckdesigner Patrik Muff. Er lässt Schriftsteller Texte zu seinen Porzellanvasen schreiben und gibt der traditionsreichen bayerischen Marke so ein hippes Image. Zählt doch die klassische Sammeltasse nicht zu den angesagtesten Objekten bei der Generation Facebook. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 118 (-) Trend seit 2011: NEU
Rang 27: Tobias Grau (-) Betriebswirt und Designer Tobias Grau ist bekannt für seine Leuchten in Tropfenform. 1984 entwickelte er seine erste Leuchtenkollektion, 1992 baute er sie zusammen mit seiner Frau Franziska zu einer Leuchtenmarke aus. 150 Mitarbeiter beschäftigt Grau heute. Rund 95 Prozent der Fertigung erfolgt heute in Deutschland, die Endmontage in der Nähe von Hamburg. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 119 (-) Trend seit 2011: NEU Quelle: Screenshot
Rang 26: Schloss Elmau (-) Dietmar Müller-Elmau, Chef des Hotels Schloss Elmau in Oberbayern, wurde 1954 auf dem Schloss geboren und führt heute das Fünf-Sterne-Hotel. Neben seiner Lage ist es bekannt für seine renommierten klassischen Konzerte. Über 17 Millionen Euro Umsatz machte das Nobelhotel 2010. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 120 (-) Trend seit 2011: NEU
Rang 25: Wempe (30) Als der gelernte Uhrmacher Gerhard Diedrich Wilhelm Wempe am 5. Mai 1878 mit 21 Jahren und einem Startkapital von 80 Mark den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, ahnt er noch nicht, dass er den Grundstein für ein internationales Uhren- und Juwelen-Imperium schafft. Heute zählt Wempe über 700 Mitarbeiter, unterhält 30 Niederlassungen und ist einer der größten und umsatzstärksten Händler von Luxusuhren und Schmuck in Europa. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 125 (118) Trend seit 2011: ⇗ Quelle: Presse
Rang 24: Marktex (33) Die Möbelmanufaktur aus Kronberg im Taunus ist das Reich von Ettore Palmiota. Er ist Inhaber und kreativer Kopf von Marktex. Typisch für die Schränke und Sideboards sind grafische Elemente wie gerade Linien, Quadrate und Andreaskreuz. Palmiota bevorzugt Pinienholz, gerne im Kontrast zu Nussbaum, aber auch Kirschholz und Eiche. Bei den Polsterstoffen dominieren Naturmaterialien wie Wolle und Leinen.  Martex-Möbelhäuser gibt es in Berlin, Hamburg, Köln, Kronberg, Mannheim und München. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 126 (114) Trend seit 2011: ⇗ Quelle: Screenshot

Bekannt wurde Glashütte vor allem durch die Firma A. Lange & Söhne. 1845 lockte die königlich-sächsische Regierung den Uhrmachermeister Ferdinand Adolph Lange mit einer Anschubfinanzierung in die Stadt. Er eröffnete seine Manufaktur und setzte sich als Bürgermeister dafür ein, dass Glashütte per Bahn von Dresden aus zu erreichen sein sollte. Zu DDR-Zeiten geht Langes Betrieb wie die anderen Manufakturen in den VEB Glashütter Uhrenbetriebe auf.

Nach der Wende baut sein Urenkel Walter Lange den Betrieb wieder auf. Doch als die Betriebe verstaatlicht wurden, war der Ruhm des Ortes auf dem Luxusuhrenmarkt zunächst beendet, Lange verließ die DDR 1951. Nach der Wende kam er zurück, kaufte die Namensrechte von der Treuhand und gründete mit 66 Jahren im Dezember 1990 ein zweites Mal. Mit technologischer Hilfe aus der Schweiz und den Uhrmachern vor Ort, die zunächst unsicheren Zeiten entgegenblickten, gelang die Wiederbelebung der Marke – und des ganzen Ortes.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%