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Mehr als nur eine Kochstelle Die Küche ist das liebste Statussymbol der Deutschen

Die Kochstelle wird zum Gesamtkunstwerk. Sie ist Wohnzimmer, Partyzone - und vor allem Statussymbol. Die Küchenindustrie macht beste Geschäfte: Paradoxerweise sitzt das Geld besonders locker, wenn es richtig teuer wird.

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Gesamtkunstwerk Küche: Die Kochstelle ist Wohnzimmer, Partyzone und vor allem Statussymbol. Quelle: PR

Am Ende war sie es leid, das Geruckel und Gezuckel der Gewürzwägelchen, die staubfangende Sammlung der Toaster und Kaffeemaschinen. Und dann der alte Holzschrank mit seinen ewig klemmenden, rappeligen Schubladen. Mit seinen Farbnasen am Rahmen und der Tür, die nie richtig schloss. Jutta Eckes hätte ihm am liebsten regelmäßig einen Tritt verpasst. Bis sie die Küche ausräumte und die Wand zum Wohnzimmer gleich mit durchbrach.

Heute, drei Jahre später, streichelt sie ihren Schrank, einen weiß schimmernden Korpus, dessen Lackfronten sich in den größer und lichter gewordenen Salon strecken. So schlank sieht das aus, so schön und vor allem funktional. Eine „Hausfrauenfantasie“ nennt die Italienisch-Dozentin ihre neue Küche: Ein leichter Druck mit der Hand, mit dem Knie, mit der Hüfte – und die Schubladen fahren wie von selbst aus, um wieder sanft zurückzugleiten und für den Bruchteil einer Sekunde innezuhalten, bevor sie sich schließen.

Inzwischen sind derlei „soft skills“ Standard. In der deutschen Küche kommt das Design zu sich selbst – als Ästhetik des Funktionierens. Etwa bei Oberschränken, deren Klappen sich elektrisch heben, oder bei Schubkästen, deren Auszüge mit „integrierter Anschlagdämpfung“ ein- und ausfahren. Wie von Zauberhand greifen die Dinge ineinander, in fließender Bewegung, lautlos, spielerisch leicht.

Umsatz der deutschen Küchenindustrie in den Jahren 2008 bis 2016

Die Küche als perfekt komponierte, „flüsterleise“ arbeitende Wohlfühlmaschine? Mit „Türen schlagen“ sei es vorbei, sagt Kirk Mangels, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft „Die moderne Küche“ (AMK). Sogar der Dunstabzug, der früher jede Unterhaltung übertönte, sei kommunikationsfreundlich heruntergedimmt. Die Küche wird gleichsam in Watte gepackt. Für die meisten Menschen, so Mangels, sei sie das „Herzstück der Wohnung“, ein „gemeinsamer Ort des Austauschs“: Familie, Freunde und Gäste versammeln sich um den Herd.

Als Statussymbol das Auto abgehängt

Jedenfalls der Idee nach, die so verführerisch ist, dass die Deutschen sich die Küche immer mehr kosten lassen. Der AMK-Chef hat den Trend jüngst wieder bestätigt: Der Umsatz der deutschen Küchenmöbelindustrie, der seit Jahren steigt, sei abermals gewachsen, von 11,0 Milliarden (2015) auf 11,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Vor allem hochwertige Küchen, die mehr als 10.000 Euro kosten, nähren die Fantasie vom schöneren Leben mit fluiden Übergängen von der Küche in den Wohnraum. Besonders locker sitzt paradoxerweise der Geldbeutel der Deutschen, wenn die Küchen richtig teuer sind. Im Luxussegment, dem Reich der Vakuumier-Schubladen und Anti-Finger-Print-Lacklaminate jenseits der 20.000-Euro-Marke, legte es sogar um 18 Prozent zu.

Umfrage zu Marken- und Preisbewusstsein bei Kücheneinrichtung bis 2016

Längst hat die Küche das Auto als „liebstes Statussymbol der Deutschen“ abgelöst. Eine Karriere, in der sich nicht zuletzt der Wandel der Lebensformen spiegelt. SieMatic-Chef Ulrich W. Siekmann, der die Geschäfte des Küchenmöbelunternehmens in dritter Generation führt, zählt die wichtigsten Stationen der modernen Küchenevolution auf: die Trennung der Funktionen von Schlaf-, Wohn- und Wirtschaftsteil mit der Separatküche in den frühen Zwanzigerjahren; die Durchsetzung der Einbauküche mit ihren flexiblen, den Raumverhältnissen angepassten Maßen in den frühen Sechzigern; die Auflösung des spezialisierten Küchenraums, seine Verschränkung mit dem Ess- und Wohnbereich seit Mitte der Neunziger.

Ein Trend, der bis heute anhält und dazu führt, dass die Küche als Ausdruck von Lebensart und gutem Geschmack gilt. Klarheit der Linie, Schlichtheit der Geometrie, Aufrichtigkeit des Materials, kurz: Die Ideale der Moderne prägen das avancierte Küchendesign – aber bitte keine Designdogmen.

Die tiefe Sehnsucht nach dem analogen Raum

Die Ostwestfalen, deren Küchen im Durchschnitt mehr als 15 Jahre genutzt werden, bekennen sich zu „zeitloser Eleganz“. Man bietet Lösungen für unterschiedliche „Stilwelten“: Das kann pure Coolness sein, kompakter, griffloser Minimalismus, mit durchlaufendem Furnierbild, noble Klassizität in Gestalt kassettierter Schrankfronten in „Schwarzmatt“, aber auch „urbanes“ Ambiente mit Essbar und Kräutergarten. Sogar ein Küchenbüfett ist neuerdings im Angebot.

Die Elektrogeräte, vom Dampfgarer bis zum Kaffeeautomaten, verschwinden meist hinter den Kulissen des Designs, im sogenannten Stauraum, der mit Rauchkastanie und weichem Flock ausgekleidet ist. Selbst die Kochstelle wird unsichtbar, wenn das Induktionsfeld fugenlos in die Arbeitsplatte übergeht, und die Dunstabzugshaube über dem Herd weicht zunehmend der Muldenlüftung neben dem Kochfeld.

Die Küche soll nicht mehr als Produktionsstätte, sondern als Komfortzone wahrgenommen werden, als „Zentrum des Lebens“. Siekmann will den Küchenraum durch Atmosphären bereichern, mit Sideboards, offenen Regalen und Wandpaneelen aus Holz oder Goldbronze.

Die beliebtesten Möbelgeschäfte und Einrichtungshäuser in Deutschland

Ob in der schönen neuen Wohnküchenwelt überhaupt noch gekocht wird? Eine offene Frage, verlässliche Zahlen gebe es nicht, sagen die Hersteller. Sie vertrauen darauf, dass bei abnehmender Kochlust am Werktag sich die Küchenfreunde am Wochenende am Herd treffen. Marc O. Eckert, Chef des Küchenherstellers Bulthaup, beobachtet, dass seit den Achtzigerjahren, als der Designer Otl Aicher mit der Kochinsel das Kochen buchstäblich in die Mitte der Bulthaup-Küche rückte, auch die Kommunikation immer wichtiger wird. Das Zentrum der Küche, ihr „Herzstück“, sei der Tisch, ein „Ort der Komödie und Tragödie“, eine Einladung zu „mehr menschlicher Resonanz“. Entscheidend sei die „seelische Essenz“ des Küchenraums, die Art, wie er belebt wird.

„Form follows function“, gewiss, doch sie muss den Menschen dienen. Bulthaup gibt dazu Handreichungen in Form guter Gestaltung, die auf das Wesentliche zielt. Also kein Beeindruckungsdesign, kein digitaler Schnickschnack, sondern höchste Einfachheit, egal, was es kostet. Ein Zusammenspiel analoger Formen, mit Akzent auf der waagerechten Linie: Möbel mit horizontalem Fugenbild, so Eckert, haben eine ausgleichende Wirkung aufs Gemüt.

Der „Seelenraum“ Küche soll Ruhe und Balance ausstrahlen. Dazu gehört der penible Umgang mit dem Material, die sogenannte „Materialtiefe“: Was Maschinen nicht herstellen können, verlangt nach der finalen Bearbeitung durch die Hand des „Furniermeisters“, nach Schleifpapier, das die Kanten der Arbeitsplatte glättet.

Eckert stellt trotz Digitalisierung, trotz Touchscreens und Bestell-Apps eine „tiefe Sehnsucht nach dem analogen Raum“ fest, nach dem, was man „anfasst und fühlt“. Egal, ob man eine Klinge in die Hand nimmt und auf dem Brett ein Stück Brot schneidet oder am Wasserhahn dreht: Der Umgang mit dem Material, die Herkunft der Dinge machen sie zu „meiner Küche“ – „man muss sie nicht neu erfinden“, sagt der Bulthaup-Chef.

Wie das Essen umgebe die Küche etwas Archaisches. Sie ist „Feuer- und Wasserstelle“, eine Universalie, die überall funktioniert, transkulturell, in Deutschland ebenso wie in Japan oder bei den Beduinen, die am Abend aus den Zelten kommen und sich ums Feuer scharen: Die Küche lebt von der Geste der offenen Tür.

Jede Party zeigt das. Nicht im Wohnzimmer werden die interessantesten Gespräche geführt, sondern in der Küche. Nicht vor dem Bücherregal kommt man sich näher, sondern beim Blick in den Kühlschrank und in die Kochtöpfe.

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