Salesforce Tower San Franciscos teures neues Wahrzeichen

San Franciscos neuer Wolkenkratzer: Der Salesforce Tower Quelle: Matthias Hohensee

Wohnraum ist knapp, die Immobilienpreise astronomisch. Dafür hat San Francisco einen neuen Super-Wolkenkratzer. Der milliardenteure Salesforce Tower ist nun das höchste Gebäude der Stadt – und hat nicht nur Bewunderer.

Es ist kalt, neblig und nieselt sogar ein wenig, typisches Wetter also in San Francisco. „Ist das nicht ein herrlicher Sonnentag“, witzelt Willie Brown. Der Ex-Bürgermeister ist eine Institution in der Stadt und einer der bekanntesten Politiker Kaliforniens. Wie zum Trotz trägt er einen sonnengelben Mantel. „Willie wird damit nachher den Verkehr regeln“, spottet Mark Farrell, derzeitiges Oberhaupt der Stadt.

Die beiden Bürgermeister sind an diesem Dienstagmittag in die Innenstadt gekommen, um eine besondere Attraktion offiziell einzuweihen – das mit 326 Metern höchste Gebäude der Stadt. Über vier Jahrzehnte verteidigte die Transamerica Pyramide den Titel. Der sogenannte Salesforce Tower, benannt nach dem ortsansässigen Online-Softwareunternehmen und dem Hauptmieter der Immobilie, überragt sie nun um 66 Meter. Ursprünglich peilte sein argentinischer Stararchitekt César Pelli sogar den Rekord als höchstes Gebäude an der US-Westküste an. Doch den hält der im vergangenen Jahr fertiggestellte Wilshire Grand Tower in Los Angeles. Der Wolkenkratzer ist dank seiner spitzen Antenne und Aufbauten neun Meter höher.

61 Stockwerke ragt der Salesforce Tower in der Innenstadt von San Francisco in den Himmel. Die 61. Etage offeriert einen besonders beeindruckenden Rundum-Blick über die ganze Region – von der Golden Gate Bridge im Westen, der Nachbarstadt Oakland im Osten und dem Silicon Valley im Süden.

Spiegelung des Salesforce-Towers in einem anderen Gebäude Quelle: Matthias Hohensee

Auf den obersten beiden Etagen richtet Salesforce Ausstellungs- und Tagungsflächen ein. Im September soll die Tagungsstätte mit dem besten Blick an der US-Westküste fertiggestellt sein.
In fünf Jahren wurde der Turm hochgezogen, mit geschätzten Baukosten von 1,1 Milliarden Dollar. Selbst beim Spatenstich 2013, so erinnert sich Stadträtin Jane Kim, habe es viele Skeptiker gegeben. Nicht nur wegen der schieren Größe des Turms, sondern auch, weil die Stadt damals nach der globalen Finanzkrise in einer prekären finanziellen Lage steckte. Das Grundstück gehörte der Stadt, die es für 192 Millionen Dollar verkaufte. Die Erschließung wurde zum Teil über höheren Brückenzoll und Steuern finanziert. „Das Projekt hat eine Menge Jobs für Bauarbeiter hier in der Stadt geschaffen“, so Kim, die für den Stadtbezirk des Salesforce Towers zuständig ist.

Für Boston Properties sowie dem texanischen Immobilienentwickler Hines, Eigentümer der Immobilie, hat sich die Wette gelohnt. Fast zeitgleich zum Spatenstich startete die Technologiebranche mit nunmehr weltbekannten Unternehmen wie Twitter, Airbnb und Uber nochmals durch. Und natürlich den Cloud-Softwareanbieter und SAP-Konkurrenten Salesforce, einem der am schnellsten wachsenden Softwareunternehmen der Welt. „Die Immobilie ist vollständig vermietet“, freut sich Boston Properties CEO Owen Thomas.

Zwei Drittel der 150.000 Quadratmeter hat sich Salesforce als Hauptmieter gesichert, das hier seine Mitarbeiter in San Francisco konzentrieren will. Einziehen werden außerdem das Beratungsunternehmen Accenture sowie der Bürovermieter WeWork.

In San Francisco bleibt der neue Turm, der die Silhouette der Stadt neu definiert, umstritten. Er gilt Kritikern als weiteres Symbol für die ungebremste Invasion der Hightechbranche aus dem nahen Silicon Valley. Der Hightech-Boom hat die Immobilienpreise der Stadt auf einen neuen Höchststand getrieben. Selbst Abbruchhäuser in schlechten Lagen kosten mittlerweile mindestens eine Million Dollar. Der Medianpreis für Wohnimmobilien ist auf 1,6 Millionen Dollar geklettert, ein neuer Rekord. Um ein Haus in San Francisco mit einem typischen Kredit über 30 Jahre finanzieren zu können – so rechnet der Verband der kalifornischen Immobilienmakler vor – muss man im Jahr 333.000 Dollar verdienen. Vorausgesetzt, man hat die nötigen zwanzig Prozent der Kaufsumme für die Anzahlung – also 320.000 Dollar – bereits zusammengespart. Das können sich höchstens fünfzehn Prozent der örtlichen Haushalte leisten. Der durchschnittliche Jahresverdienst in San Francisco liegt bei 82.000 Dollar.

Den 70 Milliardären, die in San Francisco wohnen, stehen Tausende von Obdachlosen gegenüber. Nicht alle der Wohnungslosen campieren auf Gehwegen oder unter Brücken, sondern schlafen weniger sichtbar in ihren Autos oder städtischen Notunterkünften. Einige Ecken in San Francisco, so haben Wissenschaftler der Uni Berkeley in einer Studie festgestellt, gehören zu den unhygienischsten der Welt – ausgerechnet in einer Touristenmetropole, die für sich als einen der lebenswertesten Orte der Welt wirbt.
Das ist der Grund, warum Salesforce-Chef Marc Benioff fast seine gesamte Eröffnungsrede am Dienstag der Obdachlosigkeit widmet. Der Zwei-Meter-Mann gehört zu den reichsten Einwohnern der Stadt, sein persönliches Vermögen wird auf 5,6 Milliarden Dollar geschätzt. „Die Obdachlosigkeit auszumerzen wird hart werden, aber wir müssen es anpacken“, sagt der in San Francisco geborene und aufgewachsene Unternehmer und kündigt eine Spendenkampagne an, um 200 Millionen Dollar dafür einzusammeln, „um jeden Obdachlosen von der Straße zu bekommen.“ Nicht nur von der Hightech-Branche, sondern von der gesamten lokalen Industrie. „Wir müssen unsere Straßen genauso attraktiv wie unsere Skyline gestalten“, fordert Benioff.

Kritiker halten jedoch den Softwareunternehmer für Teil des Problems. Schließlich hat er darauf bestanden, sein rasant wachsendes Unternehmen in einer Stadt anzusiedeln, die schon vor dem Hightech-Boom über viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum verfügte. Das sieht Benioff ganz anders. „Erfolgreiche Städte und erfolgreiche Unternehmen bedingen sich gegenseitig“, argumentiert er. Wenn Unternehmen prosperieren, dann folgen auch die Städte und umgekehrt.

Doch San Francisco und das Silicon Valley beweisen derzeit das Gegenteil. Die ohnehin weitgehend marode Infrastruktur verfällt wegen mangelnder öffentlicher Mittel immer stärker. Und Unternehmen wie Google und Apple wehren sich gegen extra Zuschüsse mit dem Argument, dass sie ihrer Steuerpflicht bereits nachkommen würden.

Allerdings ist Benioff einer jener Milliardäre, die nicht nur große Töne spucken. Ein Prozent des Unternehmenskapitals von Salesforce sowie Zeit seiner Mitarbeiter sind sozialen Zwecken gewidmet. Benioff und seine Frau Lynne unterstützen Hospitäler, Schulen und Obdachlosenheime in San Francisco, haben bereits 300 Millionen Dollar dafür gespendet.

Der Salesforce-Turm wird die prekäre Wohnsituation San Franciscos jedenfalls nicht entspannen: Er beherbergt ausschließlich Büros.

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