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SIHH 2019 und Baselworld Das Ende der Uhrenmessen, wie wir sie kennen

Aufwändig, aufwändiger, SIHH - die Stände der Uhrenmarken wie hier IWC inszenieren jedes Jahr neue Themen. Quelle: REUTERS

Der Luxusuhrenbranche ging es lange sehr gut. Davon profitierten auch die Messen in Basel und die nun beginnende in Genf. 2019 werden viele Marken fehlen oder das letzte Mal dabei sein. Das Problem ist das Prinzip Messe.

Es scheint bei vielen Messen dazuzugehören, das wichtige Marken für die jeweilige Branche fehlen. Apple stellte lange vor dem Ende der Cebit dort das letzte Mal 1999 aus. Ähnliches bahnt sich nun auf den führenden Messen für Luxusuhren an, von denen am 14. Januar der Salon International Haute Horologerie (SIHH) in Genf beginnt.

Der SIHH ist im wesentlichen die Hausmesse des Luxuskonzerns Richemont. Dessen Marken wie A. Lange & Söhne, Jaeger-LeCoultre, Cartier oder Piaget stellen dort ebenso ihre Neuigkeiten den Juwelieren vor wie unabhängige Häuser: etwa seit 2018 erstmals Hermès oder die in Privatbesitz befindliche Manufaktur Audemars Piguet.

Die in Le Brassus produzierende Marke wird nun letztmals ihre sportlichen Männeruhren und ihre mit Juwelen bestückten Damenmodelle den Händlern vorstellen. Vorstandschef François-Henry Bennahmias erklärte in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung, dass die Marke immer weniger mit Händlern zusammenarbeite. Dazu passt, dass Audemars Piguet selbst in den Online-Handel mit gebrauchten Uhren der eigenen Marke einsteigt.

Der Draht zum Kunden - immer häufiger suchen die Hersteller ihn direkt ohne den Umweg über Messen oder Medien. Eigene Accounts auf den relevanten Social-Media-Plattformen gehören ebenso dazu wie Einladungen der Händler zu kleinen und meist exklusiven Präsentationen.

Das spüren auch der SIHH und 2019 vor allem die im März stattfindende Baselworld. Der ist mit der Absage der Swatchgroup und ihren 15 Marken nicht nur ein großer Kunde abhanden gekommen, es wird auch ein veritables Loch in der Mitte der Halle entstehen. Das lässt sich so leicht nicht füllen in einer Messe mit aufwändigen Bauten der Marken.

Entsprechend nähern sich die beiden Betreiber an. 2019 wird das letzte Mal sein, dass Juweliere aus Asien zunächst im Januar nach Genf jetten, um nur wenige Wochen später erneut den Interkontinentalflug für die Baselworld anzutreten. Die beiden Termine der Messen werden so koordiniert, dass im April beide Messen in einem Rutsch besucht werden können. Dazu trafen beide Messeveranstalter eine Vereinbarung bis einschließlich 2024.

Auch Händler mit kürzeren Anreisen begrüßen das. „Die zeitliche Zusammenlegung des SIHH und der Baselworld 2020 begrüßen wir ausdrücklich. Nicht nur das Hamburger Einkaufsteam Uhren und ich sind bei beiden Messen vor Ort. Auch alle Wempe-Geschäftsführer der 35 Niederlassungen sind mit mindestens zwei weiteren Mitarbeitern auf den Messen“, sagt Kim-Eva Wempe, Chefin des gleichnamigen Juweliers.

Wempe und ihre Mitarbeiter bestellen bei den Messen für alle Filialen die Uhren, die die Kunden teils kurz darauf, teils Monate später in den Auslagen sehen können. „Durch die unmittelbare zeitliche Aufeinanderfolge der beiden Messen ist es wesentlich einfacher, sich diesen wichtigen Überblick zu verschaffen“, sagt Wempe. Sie glaubt auch weiterhin an den Erfolg von Messen: „Meiner Ansicht nach wird das enorme Potenzial, das Messen auch für eine unmittelbare zwischenmenschliche Kommunikation bieten, derzeit unterbewertet. Messen existieren seit Jahrhunderten, weil sie dieses menschliche Bedürfnis erfüllen.“

Der Gründer und Autor des Portals Uhrenkosmos.de, der Publizist Gisbert Brunner, sieht hingegen auch eine Überfülle an Neuigkeiten auf einen Schlag. „Für die Berichterstattung kommt dann ein Batzen zeitgleich zusammen“, sagt Brunner. „Die Zusammenlegung gab es früher schon mal. Und sie ist sicher notwendig“, sagt Brunner. Einst als kleine Hausmesse gestartet, konnte sich der SIHH vor 29 Jahren als Schau etablieren, die eine eigene Anreise rechtfertigte - und die Stellung der dort vertretenen Marken hervorhob.

Diese Attraktivität zog in den vergangenen Jahren weitere Marken auf das Messegelände, die nicht zur Richemont-Gruppe gehören. Und es zog zahlreiche Uhrenmarken an, die zum Missfallen des SIHH die Anwesenheit der Juweliere nutzten und in Genf Suiten und Veranstaltungsräume buchten, um dort ihre Modelle zu zeigen. Das gipfelte in der Anmietung eines Bootes auf dem Genfer See. Diese Satelliten-Veranstaltung sind weitgehend obsolet für alle Marken, die auf einer der beiden Messen ausstellen.

Hausmesse als Alternative

Beide Messen sind Ordermessen und nicht allein für die Imagebildung beim breiten Publikum angelegt. Im Gegenteil, der SIHH war über lange Zeit ausschließlich Fachbesuchern vorbehalten und öffnet nun am letzten Tag der Messe für die Öffentlichkeit die Hallen. In Basel sind alle Tage für das Publikum geöffnet, das dort vor allem an Schaufenstern vorbeiziehen oder die Stände besuchen kann. Uhren aus der Nähe betrachten oder sie gar in die Hand nehmen, ist nicht möglich. „Angesichts der heutigen Medien ist das für Besucher nicht mehr so entscheidend. Wenn heute eine Uhr vorgestellt wird, ist sie Minuten später im Internet zu sehen“, sagt Brunner.

Dass vor allem in Basel das einst flüssig laufende Getriebe aus Fans, Händlern, Herstellern und Zulieferern ins Stocken geraten ist, liegt nicht allein am Abgang der Swatchgroup, der dem Konzern rund 50 Millionen Franken Standkosten erspart. „Heute ist alles transparenter, schnelllebiger und spontaner geworden“, erklärte Hayek damals. „Die traditionellen, jährlichen Uhrenmessen sind darum für uns nicht mehr sinnvoll.“

Unter deutlich weniger Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit haben sich auch führende Zulieferer der Uhrenindustrie entschlossen, der diesjährigen Baselworld nach 2018 erneut fern zu bleiben und eine eigene Messe aufzuziehen.

Der langjährige Chef der Baselmesse ist über den Verlust des Ausstellers Swatchgroup gestolpert und musste gehen. Nun versucht die Messe auch Einfluss auf die Hotelzimmerpreise zu nehmen, die traditionell exorbitant anstiegen während der Baselworld. Unter neuer Führung kooperiert der Messeveranstalter mit Hotels, die in Summe mehr als zwei Drittel der Hotelkapazitäten bedeuten, um sich auf Höchstgrenzen für die Zimmerpreise zu verständigen.

Ob das alles hilft, ist ungewiss. Die Messe, die schon 2018 sichtbar geschrumpft war und ihre Wirkung als führende Uhrenmesse einbüßte, muss sich auf weitere Abgänge einstellen. Überlegungen zum Ausstieg gibt es bei vielen Marken, so auch Nomos Glashütte. Deren meinungsstarker Gründer Roland Schwertner war nicht nur als Besucher bei der SIHH zu sehen, sondern fragt sich, ob es für Marken wie Nomos nicht sinnvoller sein kann, die Händler direkt in die Manufaktur zu holen.

Das ist einer der Wege, den Hersteller beschreiten werden, um den Juwelieren ihre Produkte zu präsentieren. Die Swatchgroup lädt dieses Jahr nach Zürich ein. Und bei 15 Marken - darunter Omega, Breguet, Glashütte Original oder Blancpain - ist das auf einen Schlag fast eine dritte Uhrenmesse in der Schweiz.

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