WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Social Media im Urlaub Warum ein Hotel für die Gäste postet

Im Urlaub Postkarten schreiben kann lästig sein. Das gilt inzwischen auch für Instagram-Posts. Eine Hotelgruppe bietet nun Babysitter fürs Social-Media-Account an – weil die Plattform wichtig für das Marketing ist.

Dass Urlaub auch Stress verursachen kann, weiß jeder, der am Strand oder auf der Bergspitze einen Stapel Postkarten für die Lieben daheim verfassen muss. Heute geht das schneller: per Posting auf Instagram, dem bildlastigen Social-Media-Kanal, der inzwischen zu Facebook gehört. Die – meist schönen – Seiten des eigenen Lebens inszeniert vor allem ein junges Publikum.

Für die Tourismusbranche ist das Phänomen Segen und Fluch zugleich. Die Toten, die für den einen Schnappschuss zu nah an eine Klippe treten und verunglücken, sind nur die Spitze eines Eisbergs. Einzelne Orte stöhnen schon auf ob der Massen an Instagrammern, die versuchen sich dort möglichst stilvoll abzulichten.

Für Hotels, die vor allem eine jüngere Zielgruppe ansprechen, sind die Bildgrüße in den Streams hingegen oft pure und kostenfreie Werbung. Ob vom Croissant im Frühstücksraum, von den eigenen Füßen am Hotelpool oder der Shoppingtour auf dem nächtlichen Markt – die visualisierte Mundpropaganda verlockt die Daheimgebliebenen, dort ebenfalls hinzureisen.

Wer den ganzen Tag mit liebevoll komponierten Bildern abdecken will, dazu kurze Texte und vor allem einen Haufen Hashtags eingeben will, hat ordentlich zu tun. Zu viel vielleicht. Das war zumindest der Hintergrund eines Angebotes der Schweizer Abteilung der Hotelgruppe Ibis. „Relax we post“ war das Angebot an Wochenendreisende in den Häusern der Gruppe in Genf oder Zürich, das Smartphone zeitweilig mal in der Tasche zu lassen und die Posts von einem Profi übernehmen zu lassen, dem „Social-Media-Sitter“. „Social Media ist ein großes Thema für diese Zielgruppe und das kann zu einem gewissen Druck führen“, sagt Pascal Aeverhard, Manager für Brand Marketing und PR Director für Accor in der Schweiz.

Um sich selber zu entspannen, mussten diejenigen, die den Dienst in Anspruch nehmen wollten, dem Social-Media-Sitter die Zugangsdaten für das Instagram-Profil überlassen und darüber informieren, was ihnen wichtig ist oder nicht. „Für einen Veganer könnte es schwer sein, wenn dann ein Post von einem Steakrestaurant veröffentlich wird“, sagt Aeberhard.

Die Poster-Profis seien selbst erfolgreich auf Instagram als Influencer mit mehr als 100.000 Followern, so sollte die Qualität der Posts gewährleistet sein. Der Service war kostenfrei, bei der Buchung galt es jedoch, das Arrangement zu buchen mit Preisen zwischen 99 und 160 Schweizer Franken, je nach Hotel und Buchung eines Einzel- oder Doppelzimmers. „Betreut wurde nur aber nur ein Account“, sagt Aeberhard


Unter dem Hashtag #postedbysocialmediasitter sollte für die Abonnenten der Accounts sichtbar sein, dass nicht ihr Freund oder Kommilitone postet, sondern jemand drittes. 17 Einträge sind derzeit unter dem Hashtag zu finden, ein Teil davon wiederum sind die eigenen Ankündigungen für das Programm. Der Nutzer Patrick Barrabé, der sich auf LinkedIn selbst als unter anderem „rainmaker“ und „everything fun evangelist“ bezeichnet, ließ einen Löwen brüllen und ein Club Sandwich posten. Die Schweizer Bühnendarstellerin Mareen Danya Beutler ließ Churros auf dem Weihnachtsmarkt posten – auf dem sie sich gar nicht befand. „Darum geht's: die Zeit ohne Insta genießen und trotzdem ein paar Instaposts zu haben“, kommentiert sie ihren Beitrag (oder ließ ihn so kommentieren).

In Summe ist das nicht viel. Der generierte Umsatz dürfte sich für die Hotelgruppe in Grenzen halten, genaue Zahlen will man nicht mitteilen. Die mediale Wirkung allerdings dürfte ihren Wert haben, das Angebot wurde von zahlreichen Portalen aufgegriffen. Für das Marketing von Ibis dürfte außer Frage stehen, dass die Aktion ein Erfolg war.

Die Hotellerie ist nicht arm an Ideen, um Gäste mit Arrangements zu locken. Hochzeiten für eine Million Dollar, Wochenenden mit oder ohne Hund oder Kinder, Shopping-Assistenten, Radtouren, Boßeln - nichts bleibt unversucht, um Gäste zu gewinnen. Die jüngere Generation sucht derzeit vor allem die Kulisse für die Darstellung des eigenen Lebens. Laut einer Umfrage des Reiseveranstalters Ruf, dem Young Traveler Kompass 2016, war schon vor zwei Jahren das Smartphone das wichtigste täglich genutzte Medium. Ganz oben in der Gunst bei der Nutzung im Ausland: Fotos versenden und soziale Netzwerke.

Um im Strom der Pools, Kliffs und Tiere nicht unterzugehen und möglichst weit verbreitet zu werden, setzen Hotelgruppen schon länger auf die Kooperation mit Influencern, die aus dem Posten von Posen aus vermeintlichen echten Szenen des eigenen Lebens ein Geschäftsmodell entwickelt haben. Doch der Zenit scheint erreicht. Die gerade bei den meist nicht über so viel Geld verfügenden Jugendlichen beliebte Hostel-Kette A&O rudert kaum zwei Jahre nach den ersten Kooperationen mit Influencern zurück. Damals hieß es, die klassischen Medien erreichten die Zielgruppe nicht. Nun wurde bereits im Herbst das Programm beendet. Die Gründe: Kaum redaktionelle Kontrolle und zu wenig messbarer Nutzen.

Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich Ibis in der Schweiz bislang nicht beklagen – und dafür war nicht mal nötig, dass viele Gäste das Angebot nutzen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%