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Tauchsieder
Hier sind alle Sieger: Man begegnet auf Facebook nur noch Campions des gelingenden Lebens Quelle: imago images

Frohes neues Jahr? Nicht schon wieder, bitte

Die mobile Digitalelite liebt die Applaus-Schleife ihrer Foren und Konferenzen so sehr wie der zwangsimmobile Facebooker den Dauerzuspruch seiner Peer-Group. Die Konsequenzen? Nicht schön.

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich fühle mich am Anfang eines jeden Jahres immer besonders schlecht. Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens weil ich weiß, dass der Jahrmarkt der Eitelkeiten schon wieder von vorn los geht. In zwei Wochen, mit dem Weltwirtschaftsforum in Davos, beginnt es sich wieder zu drehen, das Karussell der Foren, Konferenzen und Festivals, auf denen die immer gleichen Globalathleten und Techkosmopoliten, Politikschausteller und Gelddiplomaten sich wechselseitig ihrer Internationalität und Weltoffenheit, ihrer Bedeutung, Aufsteigerei und Vordenkerschaft versichern – damit die Welt bei aller Disruption möglichst bleibt wie sie ist: ein Tummelplatz des Ehrgeizes und Imponiergehabes, der Durchsetzung von Macht und von (nationalen) Sonderinteressen.

Man trifft bei diesen Konferenzen lauter Dampfplauderer des Zeitgeistes an - Notare des Gegenwärtigen, die mit Emphase das Offensichtlichste und Selbstverständlichste vortragen, wenn überhaupt. Denn oft genug wird auch nur geraunt, etwa dass Europa den Anschluss zu verlieren droht, Trump den Welthandel aufs Spiel setzt oder die digitale Revolution das Leben der Menschheit auf den Kopf stellt. Dabei hauen sich die Besucher der Consumer Electronics Show (Januar) und der SXSW Conference (März), der re:publica (Mai) und Dmexco (September) vor allem das Banalste mit ausreichend Ausrufezeichen um die Ohren – und sie gleichen darin Teenagern, die im Louvre ein Selfie mit der Mona Lisa anfertigen, um der Welt ein „Echt krass!!“ zuzurufen. 

Anders als die meisten von sich annehmen, treffen die Pioniere der Menschheit bei diesen Konferenzen durchaus nicht ein, um sich mit der behaupteten Wucht der Veränderungen und Herausforderungen den Trägen, Lahmen und Mediokren als „Leader“ in der Not oder auch nur als Vorarbeiter zur Behandlung ihrer Banaldiagnosen zu empfehlen. Wer sein Lot nicht tief genug fallen lassen kann, taugt vielleicht zum TED-Lautsprecher, aber nicht zum Lotsen, zum parapopphilosophischen Keynote-Performer mit Mundmikrofon, aber nicht zum Aufklärer und Reformer, geschweige denn Weltveränderer.

Statt dessen hat sich eine globale Dreiviertelintelligenz auf diesen Konferenzen nun schon so lange zu ihrer globalen Dreiviertelintelligenz beglückwünscht, bis endlich ein globales Netzwerk der Dreiviertelintelligenten entstanden ist - eine institutionalisierte Macht der globalen Dreiviertelintelligenz, die sich kraft der Riten und Rhythmen ihrer „Summits“ besonders hoch - und politisch korrekt - gehandelte Güter wie Kreativität und Gipfelstürmerei, Erfolg und Ambition, Diversität und Leistungsbereitschaft schamlos zuweist. Man könnte von einem Fußnotenbetrieb der (Digital-)wirtschaft sprechen, der wie alle Fußnotenbetriebe an einem erschreckenden Mangel (Selbst-)Kritikfähigkeit krankt. Von einem überflüssigen, unproduktiven Zirkus also: Vanity Fair. 

Gewiss, man kennt selbstkongratulatorische Praktiken auch aus der analogen Wirtschaft und Politik. Als etwa 2958 sogenannte Abgeordnete des Nationalen Volkskongresses in China vor ein paar Monaten beschlossen, dass Xi Jinping bis an sein Lebensende Staat, Nation und Volk führen darf, gewährte Xi den Sendboten aus der Provinz die Gnade seines Gunsterweises, indem er ihrem Applaus applaudierte - indem er sie und sich selbst, mit Beifall bedenkend, für ihre Entscheidung belobigte. Als kulturelle Praxis trifft man einen solchen „Applaus-Applaus“ auch in Konzernen an, in denen Top-Manager Fünf-Jahres-Pläne ausbrüten und ihre Mitarbeiter auf gute Tschakka-Laune verpflichten. Sie nennen das „Visionen haben“ und „kreative Potenziale wecken“. Der entscheidende Unterschied zu Xi besteht bloß darin, das man in China seine autoritative Herrschaft nicht optimierungsrhetorisch verbrämen muss.

Allein in der Digitalbranche jedoch sind die Dinge aus dem diskurskritischen Ruder gelaufen. Hier ist man ohne die Fähigkeit zur beständigen Autokongratulation buchstäblich nicht mehr anschlussfähig. Wer etwa als Teilnehmer eines Digitalkongresses nicht schon Tage vor dem Event auf Twitter, Facebook und Instagram das „privilege“ genießt, sich über „inspiring“ meetings, „amazing“ people und „incredible“ events zu freuen, ist einfach nicht „grateful“ genug, sich die richtige, weltumarmende „attitude“ anzutrainieren, die es selbstverständlich braucht, um eine „magnificent“ Zukunft zu erobern. Das Großartige an diesem sich selbst verstärkenden Affirmationssystem: Jedes verteilte „brilliant“ wird postwendend mit einem „outstanding“ beantwortet – bis man vor lauter „Likes“, Herzchen und „Retweets“ ganz besoffen ist von dem „overwhelming“ Gefühl, an der Spitze einer „mind-blowing“ Entwicklung zu stehen...

Aber kommen wir noch schnell um zweiten Grund, warum mir der Jahreswechsel seit einigen Jahren auf die Stimmung schlägt: Weil man im Zeitalter der Sozialen Medien nur noch Menschen begegnet, die ihr Leben schöner, besser, größer gestalten als man selbst. Gewiss, seit der großartigen Studie „The lonely crowd“ des US-Soziologen David Riesman aus dem Jahr 1950 weiß man: Das Dilemma des modernen Wohlstandsmenschen besteht nicht darin, dass er über zu wenige Lebenschancen verfügt, sondern über zu viele. Und dass dieser moderne Wohlstandsmensch nicht mehr mit einem Kompass ausgestattet ist, sondern mit einer Antenne.

Riesmans These, unzulässig grob verkürzt: Der Kompassmensch ist ein innengeleiteter Mensch. Er weiß sich intrinsisch zu motivieren, sich langfristige Ziele zu setzen, sie anzusteuern – und er bezieht, wie der Protagonist eines Bildungsromans, aus der Pflege und dem Fleiß, die er auf die Mittel verwendet, sowie im Verfolgen und Erreichen seiner Ziele ein hohes Maß an Zufriedenheit, an in sich ruhender Selbstgewissheit. Der Antennenmensch von heute dagegen ist ein außengeleiteter Mensch. Er spiegelt sein Leben im Leben der anderen, muss gefallen und bezieht sein Selbstbewusstsein aus der Resonanz, die sein Auftreten verursacht: Er braucht viel Rückkopplung und Feedback, viel Lob und Anerkennung – und hört daher auch nicht mit dem Schulterklopfen auf, wenn er sich selbst zuwendet. Kurzum: Was der mobilen Digitalelite die Applaus-Schleife einer SXSW-Konferenz, ist dem zwangsimmobilen Facebooker der Zuspruch seiner Peer-Group. 

Beide Personenkreise hat man sich als sensorisch Hochbegabte vorzustellen. Sie sind stark geprägt von den Erfolgen und Ansprüchen ihrer Mitmenschen – ständig um vergleichende, allgemein akzeptierte Singularität bemüht: Seht her, so (toll) bin (nur) ich! Problematisch ist das vor allem für Facebooker, weil Facebooker nur ein einziges (ihr eigenes) tolles Leben im Indikativ führen können – und weil es das tolle Leben aller anderen nur im Konjunktiv gibt: als das Leben, das man stattdessen führen könnte, aber leider gerade verpasst. (Die Digitalelite ist so blind verliebt in sich selbst, dass sie ihr Leben als das einzig Mögliche wahrnimmt). 

Selbst der erfolgreichste Manager, der selbstbestimmteste Gründer und glücklichste Erbe jedoch erfährt sich in der Facebook-Welt notwendig als Mängelwesen: als der Bergsteiger, die Tauchlehrerin, der Weltreisende, der Goethekenner, Familienmensch, Gourmetkoch und Kunstliebhaber, der er nicht ist. Ganz gleich, wie viele Weltumrundungen, Ozeanüberquerungen, Gipfelerstürmungen, Partnereroberungen, Konsumhöhepunkte man schon erlebt hat – man sitzt, eilend von einer Sensation zur nächsten, auf einem Berg des Noch-Nicht-Getanen oder, schlimmer noch: unwiderruflich Versäumten. Besonders schlimm ist es in den Jahreswechseltagen. Ein Kollege postet, er sei 2018 viermal pro Woche ins Fitnessstudie gegangen, ein anderer war zwanzigmal im Theater. Ein Dritter hat 30 Kilogramm abgenommen, ein Vierter quert mit seinem Sohn gerade einen Andenpass, ein Fünfter isst unter azurblauem Kalifornienhimmel ein Rieseneis, beim Sechsten hat’s eine unfassbar fette Gans zu Weihnachten gegeben, und beim Siebten hat sich die Tochter eine neue Klarinette gewünscht. Jetzt frage ich Sie: Wie soll man da glücklich werden im grauen Berlin, mit zehn Kilo zu viel auf den Hüften, bei Heringsalat – und angesichts von Kindern, die auf ihre neuen Samsungs eintippen? 

In diesem Sinne: Kein schönes neues Jahr Ihnen. Sonst gehe ich 2019 ein. Und fahre zur SXSW-Conference.

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