Tauchsieder

Wozu noch Kunst?

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Heilsbezirk des Antikapitalismus

4. Der Debattenkunst(markt)

Im denkbar schroffsten Gegensatz zur Distinktions- und Markenkunst des Marktes steht die Debattenkunst der documenta, die peinlich darum bemüht ist, einen Heilsbezirk des Antikapitalismus zu markieren. Dem Chef der documenta14 in 2017, Adam Szymczyk, zum Beispiel ging es ausdrücklich darum, der Kunst ein Reservat einzurichten, aus dem alle Kriterien des Marktes verbannt sind. Worauf es bei der Debattenkunst ankommt, ist daher auch nicht die Qualität der Kunst (Qualität ist an Kriterien gebunden; Kriterien sind messbar - und alles was messbar ist, lässt sich valorisieren...) - sondern allein der Wert, den man der Kunst buchstäblich zuspricht. Nicht die Kunst steht bei der Debattenkunst im Vordergrund, sondern die (politische) Debatte, die sie selbst nicht mehr anstoßen kann.

Das Hauptwerk der documenta14, etwa, das „Parthenon der Bücher“, die zu lesen die einen Menschen anderen Menschen vormals und heute, da und dort verboten war - je nun: Das ist nun mal keine Begegnung mit dem vollendet Perfekten mehr wie bei Fra Angelicos Verkündigung oder Malewitschs Schwarzem Quadrat - sondern mit einem ästhetisch passabel umgesetzten Gedanken. Der ist bestenfalls diskurswürdig, meistens flüchtig - und fast immer ein Beleg dafür, dass kein Künstler die Debattenkunst beherrschen kann und soll, sondern der Berghain-mächtige Türsteher der Kunst: der Kurator.

5. Der Bildungsbürgerkunstmarkt

Die heftig miteinander um Einlieferungen etablierter nationaler Positionen konkurrierenden mittelständischen Auktionshäuser in Deutschland haben ein gutes Geschäftsjahr 2017 hinter sich, aber kein herausragendes.

Grisebach in Berlin scheint sich für seine Jubiläumsauktion 2016 ein wenig verausgabt zu haben und sollte sich vielleicht überlegen, seine Schätzpreise in diesem Jahr etwas niedriger anzusetzen, um die Preisfantasie der Kunden zu erhöhen, ihren Bieterwillen anzuregen. Wenn nicht alles täuscht, haben Ketterer in München und auch van Ham in Köln mit einer Politik der vorsichtigen Schätzungen 2017 gute Erfolge erzielt. Herausragende Preise erzielten im Bereich der Nachkriegskunst Nagelbilder von Günther Uecker (2,2 Millionen Euro für das großformatige „Both“ bei van Ham; 840.000 für das kleinere Format „Fluß“ bei Grisebach), Scheibenbilder von Ernst Wilhelm Nay (1,85 Millionen bei Ketterer; 800.000 bei Grisebach) - und im Bereich der Moderne Max Beckmann (1,5 Millionen sowie 1,2 Millionen bei Grisebach; 1,35 Millionen bei Ketterer). Lempertz in Köln wiederum erzielte mit einem „Alten Meister“, Jan Brueghels herrlicher „Flusslandschaft mit Fischern“ verdiente 1,2 Millionen.

Für stabile Umsätze sorgen immer noch bildungsbürgerlich gesinnte Sammler mit einer Vorliebe für Klassiker des Expressionismus und der Nachkriegsmoderne - und viele neue, junge Käufer im Preissegment bis 20.000 Euro.

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