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Weinkritiker Hugh Johnson "Ich kann es nicht erwarten, meinen Korkenzieher wegzuschmeißen"

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"Der Preis wird überschätzt"

Und Sie sind sicher, dass im Land des kurzen Rasens und der Rosen das nichts mit dem Klimawandel zu tun hat?

Es hat – wie auch beim Alkoholgehalt – auch etwas mit Klimawandel zu tun. Aber eben nicht nur. Die Investoren können dort Land kaufen für einen viel geringeren Preis als irgendwo in der Nähe der Region Champagne.

Sie erwähnten den biodynamischen Anbau. Ist das etwas, das bleiben wird? Viele Winzer, die ihn praktizieren, reden nicht ganz so laut darüber.

100 Prozent biodynamischer Anbau ist sehr riskant. Was passiert, wenn sie Schädlinge oder Pilze haben – sie verlieren die Ernte. Ich habe fantastische Weine aus biodynamischen Anbau getrunken. Das ist keine Mode, die wieder verschwinden wird. Der biodynamische Anbau, wie ihn zum Beispiel Demeter-Betriebe anwenden, wird von vielen noch mit Argusaugen betrachtet, als mysteriös und magisch – und Hörner im Erdreich zu vergraben, klingt zunächst auch etwas seltsam. Aber wenn es funktioniert, wird es sich weiter verbreiten. Und viele, die es erfolgreich anwenden sind kreative, intelligente Menschen, die aber sowieso gut auf ihre Weinberge acht geben.

Der Begriff „Terroir“ wird heute vielfach verwendet und steht dafür, dass ein Wein den Charakter des Bodens widerspiegelt, auf dem er gewachsen ist. Was ist wichtiger: Der Winzer oder die Herkunft?

Beides. Es geht darum, dass der Winzer das Maximum an Qualität aus der Fläche gewinnt, dass er versteht, was dort für Bedingungen herrschen und diese ausnutzt. Aber das ist bei einem Maisbauern auch nicht anders. Der weiß auch genau, wo auf seinem Acker die Pflanzen besser sind als anderswo. Das ist die komplexe Aufgabe. Und es braucht natürlich einen Markt dafür, damit der Winzer das Mehr an Aufwand auch bezahlt bekommt.

Im Burgund hat die Eignerin des Chateau Leflaive, die 2015 verstorbene Anne-Claude Leflaive, in einem kleinen Extra-Label einen Muscadet abgefüllt, nach Regeln des biodynamischen Anbaus. Und er war unglaublich, er stand klar über der Masse. Aber ob das eine Folge des biodynamischen Anbaus oder ihres Können war – das ist schwer zu sagen.

Der Klimawandel verändert den Weinanbau
Bei vier Grad Erwärmung lägen die Bedingungen der Champagne in England.
An der Südküste Australiens würde die Weinqualität leiden.
Auch in den USA würden sich die idealen Anbaugebiete verlagern.
Und in Neuseeland würde es für Weinanbau im Norden zu heiß.

Derzeit arbeiten viele Winzer wieder so wie Vinifizierung vor 5000 Jahren begann: In Amphoren oder in die Erde gelassenen Steinbehältnissen, die sich mehr oder minder selbst überlassen werden, statt die Gärung beständig zu kontrollieren. Was halten sie davon?

Das wird sicher bleiben, auch wenn es derzeit auch eine Modeerscheinung ist. Vor zwei Tagen hatte ich einen in München bestellt, weil er auf der Karte stand und ich neugierig war. Der war so schlecht, der hatte jeden Fehler, den ein Wein haben kann. Es hatte auch keinen Sinn, sich darüber zu beschweren, denn er war klar als Naturwein deklariert und vielleicht wollte der Winzer ihn so haben.

Wo die Deutschen ihren Wein kaufen

Welche Eigenschaften eines Weines werden überschätzt?

Sicherlich der Preis. Einige Weine gehören zur Kategorie Luxuswaren. Dort gilt: Je höher der Preis, desto besser das Produkt. Es gibt Menschen mit mehr Geld als gesundem Menschenverstand, die im Geschäft fragen, ob es nicht noch etwas Teureres gibt. Das ist eine Nachfrage, die sehr leicht zu beliefern ist: Sie verdoppeln als Produzent einfach den Preis.

Die Preise für die Bordeaux-Weine, steigen aber nicht mehr so rasant, wie vor einigen Jahren.

Ja, natürlich, es gibt immer Anpassungen im Markt, aber sie sinken nicht wirklich signifikant. Bordeaux ist weiterhin die erfolgreichste Weinregion der Welt und die Stars können praktisch nehmen, was sie wollen. Dazu kommt die Menge. Ein Faktor, der die Extreme erzeugt. Wenn sie Bill Harlan sind,…

…ein amerikanischer Winzer aus dem Napa Valley…

… dann verkaufen sie keinen Wein an jemanden, der nicht seit Jahren auf ihrer Warteliste steht. Wenn die Flasche dann 1000 Dollar kostet und sie sie haben können, dann sagen viele: Großartig, ich muss sie haben. Das erzeugt einen Markt mit diesen Extremen.

Sie schreiben seit Jahren, dass deutscher Wein im internationalen Vergleich günstig sei. Zeitgleich stammt die teuerste Flasche Weißwein, die ab Weingut verkauft wurde aus Deutschland. Wie passt das zusammen.

Es sind die edelsüßen Spezialitäten, das sind so winzige Mengen. Das hat keine Auswirkungen auf das Image des deutschen Weines. Da ist wichtiger, dass sich Regionen positiv entwickeln, wie es zum Beispiel Rheinhessen getan hat. Es gab einen Stilwechsel, Vertrauen in trockene Weine, was wir in Großbritannien noch nicht realisiert haben. Die Kunden denken bei deutschem Wein immer noch an halbtrockene, liebliche Weine. Also kaufen sie sie nicht. Warum es so lange dauert, bis sich so eine Wahrnehmung ändert – ich habe keine Ahnung. Wo gibt es das, das Menschen 40 Jahre lang sagen, sie mögen etwas nicht, ohne es zwischendurch mal zu probieren? Absolut verrückt.

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