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Weinkritiker Hugh Johnson "Ich kann es nicht erwarten, meinen Korkenzieher wegzuschmeißen"

Seit 40 Jahren bewertet der Brite Hugh Johnson jährlich Weingüter aus aller Welt. Warum deutscher Wein unterschätzt ist und er es tragisch findet, dass Wein zum Investment wird. 

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Weinpapst Hugh Johnson. Quelle: imago images

WirtschaftsWoche: Herr Johnson, seit 40 Jahren geben Sie jedes Jahr in kurzen Notizen einen Überblick über die besten Weingüter der Welt. Was hat sich in dieser Zeit in Weinwelt geändert?

Hugh Johnson: Wenn sie Wein mit anderen Dingen des Lebens wie Reisen oder IT oder Autos und deren Entwicklung der vergangenen vier Dekaden vergleichen, dann sicher nicht so viel. Aber auch im Weinanbau wie in der Vinifizierung haben sich viele wichtige Dinge geändert. Es gab einen Generationenwechsel, verbunden mit einer anderen Art, den Beruf auszuüben. Die Winzer von heute reisen, sie treffen sich an der Universität, sie reden miteinander, tauschen sich aus. Vorige Generationen der wichtigsten Weinregionen Europas wären nicht auf die Idee gekommen, in eine andere Region oder auch in einen anderen Kontinent zu reisen, um dort etwas zu lernen. Die Kellertechnik hat sich überproportional schnell weiterentwickelt. Der biodynamische Anbau – das sind Phänomene der jüngeren Vergangenheit.

Hat sich das für die Verbraucher gelohnt?

Der Markt für Qualitätswein hat sich etwa verzehnfacht in der Zeit – nicht der Gesamtmarkt, wohlgemerkt. Wein war mal ein Alltagsbegleiter, heute möchte jeder Wein mit einer Herkunft, einer Geschichte, einer Identität und irgendeiner Garantie, woher der Weinherkommt. Es ist nicht so lange her, dass die Mehrheit des Weines gar nicht in Flaschen abgefüllt wurde, sondern über große Gebinde seinen Weg ins Glas fand.

Zur Person

Was war der Auslöser?

Der Einstieg der Supermärkte in den Verkauf von Wein Anfang der 80er. Das markiert einen weiteren entscheidenden Unterschied zu früher, auch wenn es uns heute selbstverständlich erscheint. Dadurch haben Menschen begonnen, Wein als normalen Einkauf wahrzunehmen im Gegensatz zu vorher, wo man in ein spezielles Geschäft gehen musste. Es ist eine andere Welt.

Haben wir heute in der Summe also besseren Wein als in der langen Tradition, die die Weingüter selber immer beschwören?

Bis auf ein paar kleinere Rückschläge ist es sicher so, dass die Qualität gestiegen ist.

Die Weinwelt hat sich dramatisch verändert, Länder, die vor 20 Jahren noch keine Rolle spielten, sind heute sehr gut vertreten, wie Chile oder Australien.

Daran ist auch nichts auszusetzen.

Viele dieser großen Weinproduzenten tun dies mit industriellen Methoden, mit dem Kampf um beste Qualität notfalls per Handarbeit hat das wenig zu tun. Stört sie das nicht?

Die meisten deutschen, italienischen und französischen Weine wurden im 20. Jahrhundert mehr oder weniger mit industriellen Methoden hergestellt. Die Kooperativen, wie die Winzergenossenschaften, sind nichts anderes als der Versuch, die Produktion für die Weinbauern zu vereinfachen. Es gab aber zu jeder Epoche und natürlich auch heute, Weinbauern, die versuchen, ihren eigenen höheren Standard umzusetzen. Und genau so ist es den Ländern der sogenannten Neuen Welt auch. In der Tat ist dort Individualität und Ambition ist dort teils stärker, eben weil sie ohne die jahrhunderte alte Tradition eher bereit sind, neue Wege zu gehen. Und – sie haben mehr Geld, dass sie dort investieren können.

Die besten Flaschen unter 15 Euro
Alain Brumont Madiran Château BouscasséDie strammen Tannine und die Säure geben nach Ansicht des Wine Spectators dem Fruchtaroma genügend Halt, um den Wein nicht nur als Fruchtsaft erscheinen zu lassen. Herausgeschmeckt haben sie "getrocknete Erdbeeren, Rote Johannisbeeren, Schwarzen Tee, neues Leder und zuguterletzt auch Tabakblätter. Platz 51. bestvita.de Quelle: PR
Descendientes de J. Palacios Bierzo PétalosKräftige Schwarzkirsche, Lakritz, Rauch - das sind die Noten, die nach Ansicht des Wine Spectators dennoch einen sanften Wein auszeichnen, dessen Tannine, die im Gaumen ein beißendes Gefühl auslösen können, gut im Wein eingebunden sind. Sprich: Sie geben dem Wein ein Fundament, ohne sich in den Vordergrund zu drängeln. Platz 53. silkes-weinkeller.de Quelle: PR
Torre Rosazza Pinot Grigio Friuli Colli OrientaliDer Pinot Grigio, aka Grauburgunder, aka Pinot Gris, hat es dank seiner Beliebtheit dorthin gebracht, wo der Chardonnay einst landete: In die Missgunst derjenigen Weinliebhaber, die allzu oft mit schlechten Pinot Grigios konfrontiert wurden, weil sich die Traube gut verkauft. Dieser hier schafft es aber auf Platz 83 in der Top100 der Liste 2015 des Wine Spectator. Zu verdanken hat er das seinem cremigen Körper, der mit einer feinen Säure abschließt. Unter Fruchtaromen notieren die Tester: Guave, Sternfrucht, eingelegten Ingwer und Eiche. weinquelle.de Quelle: PR
Jean-Marie Brocard Quelle: PR
Domaine Terlato et Chapoutier Shiraz-Viognier Victoria 45 Cent über der 15-Euro-Schallgrenze - dafür eine der ungewöhnlichsten Mischungen aus zwei Rebsorten: Shiraz, der in Frankreich Syrah heißt, angereichert mit Viognier - einer Weißweintraube. Fünf Prozent hat die Domaine Terlato & Chapoutier davon dem Wein beigefügt. Das macht ihn "frisch und ausdrucksstark" schreiben die Tester des Wine Spectator. Schwarze Kirsche seien gut balanciert mit einer Mineralität, die "in ein langes Finish mit feinen Tanninen gleitet". vinatis.de Quelle: PR
Vina Montes Syrah Colchagua Valley AlphaDunkle Farbe mit würzigem Aroma und reichlich Noten von Schwarzer Kirsch, Blaubeeren und dunkler Pflaume. Dazu gesellt sich dunkle Schokolade und reichlich Mokka-Akzente, haben die Tester herausgeschmeckt. Platz 37. edelrausch.de Quelle: PR
d'Angelo Aglianico del VultureErdige Noten und die von Schwarzer Kirsche sind in diesem "harmonischen, mit mittelgroßem Körper" vereint. Herausgeschmeckt wurden ebenso noch schwarze Oliven, Feigenbrot und getrocknete Kräuter. Platz 74. weinhandel-italien.de Quelle: PR

Sie schreiben in der jüngsten Ausgabe, dass im Wein wie in der Architektur oder Bekleidung Moden entstehen. Welche waren besonders einflussreich?

Zum Beispiel alle Weine mit dem Aroma von Holz zu versehen. Sobald ein reicher Mensch beginnt, ein Weingut aufzubauen, möchte er, dass sein Wein als fein und edel gilt. Und für eine lange Zeit haben Menschen edel in Verbindung gebracht mit dem Duft von Holz. Sie haben gedacht, der Duft, der an Vanille erinnert, sei ein Zeichen von Qualität. Selbst beim deutschen Riesling wurde dies teilweise versucht – diese Rebsorte bringt das aber um. Zum Glück führte die Kombination mehrere Faktoren dazu, dass die Phase „Jeder versucht es“ ein Ende fand.

"Das war ein dummer Schachzug"

Dafür kam sicher etwas anderes.

Ja, unter anderem der Alkoholgehalt, auch wenn das ein komplizierteres Thema ist. Meines Erachtens hat es nur zu einem kleinen Teil mit dem Klimawandel und den steigenden Temperaturen zu tun. Wenn es ihnen als Winzer darum geht, möglichst reife Trauben zu ernten, dann bekommen sie inzwischen durch den höheren Zuckergehalt auch mehr Alkohol. Die möglichst perfekte physiologische Reife ist ein Credo – vor allem durch kalifornische Winzer geprägt, die durch lange Reife alles sanft haben wollen - das einen stärkeren Wein zur Folge hat. Wenn sie hingegen auf der Suche nach Balance sind und einen Anteil an weniger reifen Trauben verarbeiten oder früher ernten, dann sind sie in der Minderheit. Aber immer mehr Winzer suchen Balance. Niemand will Weine mit 15 Prozent Alkohol oder mehr trinken! Das war ein dummer Schachzug, die Weine mit so viel Alkohol zu versehen.

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Wieso?

Wenn Sie Winzer sind, dann wollen sie nicht, dass der Kunde nach einem Glas genug hat, sondern dass er möglichst eine Flasche trinkt. Aber wenn die Menschen nach einem Glas aufhören, weil der Wein so viel Alkohol enthält, dann untergräbt sich der Winzer das Geschäft. Das ist ganz simpel.

Dennoch heißt es, der Klimawandel verändere die Weinbranche, und Regionen, die bislang keinen Wein anbauen konnten, sind nun geeignet und in anderen wird es immer schwerer. In den vergangenen Wochen war es in Deutschland für den September zum Beispiel ungewöhnlich heiß.

Jedes Jahr ist ungewöhnlich. 2003, einem ebenfalls sehr heißen Jahr, sagte jeder, der Wein könne nichts werden. Und heute? Weine von guten Winzern sind wundervoll gelungen.
In der EU wird viel gestritten über das Weinrecht. Wäre ein einheitliches Recht nicht sinnvoll für alle Weinbaugebiete, damit der Kunde weiß, was drin ist, egal aus welchem Land der Wein kommt?
Nein, das würde nicht viel bringen. Denn die grundsätzlichen Faktoren, die Qualität bestimmen, variieren von Ort zu Ort, von Region zu Region, von Land zu Land. Aber es gibt ein universales Gesetz, das ich sehr begrüßen würde!

Welches?

Dass alles, was auf dem Etikett steht, die volle Wahrheit über den Inhalt angibt. Es geht mir nicht um gefälschte Weine, das ist ein Problem, das gelöst werden kann. Ich möchte, dass die Information, die auf dem Etikett ist, präzise ist. Winzer sollten belangt werden können, wenn sie falsche Dinge drucken. Das ist eine simple Regel, der kaum jemand widersprechen würde, die aber schwierig umzusetzen ist.
Wieso?

Zum einen hat keiner die Energie, diese Dinge zu überprüfen, außer man vermutet einen großen Skandal. Wahrheit bei den Etiketten beginnt aber damit, dass es genau ist. In Kalifornien dürfen sie einen Wein „Cabernet Sauvignon“ nennen, wenn er mindestens 75% der Traube enthält – das führt in die Irre.

Welche jüngeren Entwicklungen der Weinwelt haben Sie überrascht?

Unabhängig davon, dass ich Brite bin – die Produktion von Schaumwein in Großbritannien. Es begann als eine Imitation von Champagner. Aber ich halte es für eine große Entdeckung, dass dort perfekte Bedingungen haben. Zwei Champagner-Hersteller haben Land in England gekauft. Wir werden im Weltmarkt einen neuen Spieler sehen: Hochwertigen englischen Schaumwein. Bei einigen Weinproben mit Weinen aus aller Welt ist das derjenige, über den am meisten gesprochen wird.

"Der Preis wird überschätzt"

Und Sie sind sicher, dass im Land des kurzen Rasens und der Rosen das nichts mit dem Klimawandel zu tun hat?

Es hat – wie auch beim Alkoholgehalt – auch etwas mit Klimawandel zu tun. Aber eben nicht nur. Die Investoren können dort Land kaufen für einen viel geringeren Preis als irgendwo in der Nähe der Region Champagne.

Sie erwähnten den biodynamischen Anbau. Ist das etwas, das bleiben wird? Viele Winzer, die ihn praktizieren, reden nicht ganz so laut darüber.

100 Prozent biodynamischer Anbau ist sehr riskant. Was passiert, wenn sie Schädlinge oder Pilze haben – sie verlieren die Ernte. Ich habe fantastische Weine aus biodynamischen Anbau getrunken. Das ist keine Mode, die wieder verschwinden wird. Der biodynamische Anbau, wie ihn zum Beispiel Demeter-Betriebe anwenden, wird von vielen noch mit Argusaugen betrachtet, als mysteriös und magisch – und Hörner im Erdreich zu vergraben, klingt zunächst auch etwas seltsam. Aber wenn es funktioniert, wird es sich weiter verbreiten. Und viele, die es erfolgreich anwenden sind kreative, intelligente Menschen, die aber sowieso gut auf ihre Weinberge acht geben.

Der Begriff „Terroir“ wird heute vielfach verwendet und steht dafür, dass ein Wein den Charakter des Bodens widerspiegelt, auf dem er gewachsen ist. Was ist wichtiger: Der Winzer oder die Herkunft?

Beides. Es geht darum, dass der Winzer das Maximum an Qualität aus der Fläche gewinnt, dass er versteht, was dort für Bedingungen herrschen und diese ausnutzt. Aber das ist bei einem Maisbauern auch nicht anders. Der weiß auch genau, wo auf seinem Acker die Pflanzen besser sind als anderswo. Das ist die komplexe Aufgabe. Und es braucht natürlich einen Markt dafür, damit der Winzer das Mehr an Aufwand auch bezahlt bekommt.

Im Burgund hat die Eignerin des Chateau Leflaive, die 2015 verstorbene Anne-Claude Leflaive, in einem kleinen Extra-Label einen Muscadet abgefüllt, nach Regeln des biodynamischen Anbaus. Und er war unglaublich, er stand klar über der Masse. Aber ob das eine Folge des biodynamischen Anbaus oder ihres Können war – das ist schwer zu sagen.

Der Klimawandel verändert den Weinanbau
Bei vier Grad Erwärmung lägen die Bedingungen der Champagne in England.
An der Südküste Australiens würde die Weinqualität leiden.
Auch in den USA würden sich die idealen Anbaugebiete verlagern.
Und in Neuseeland würde es für Weinanbau im Norden zu heiß.

Derzeit arbeiten viele Winzer wieder so wie Vinifizierung vor 5000 Jahren begann: In Amphoren oder in die Erde gelassenen Steinbehältnissen, die sich mehr oder minder selbst überlassen werden, statt die Gärung beständig zu kontrollieren. Was halten sie davon?

Das wird sicher bleiben, auch wenn es derzeit auch eine Modeerscheinung ist. Vor zwei Tagen hatte ich einen in München bestellt, weil er auf der Karte stand und ich neugierig war. Der war so schlecht, der hatte jeden Fehler, den ein Wein haben kann. Es hatte auch keinen Sinn, sich darüber zu beschweren, denn er war klar als Naturwein deklariert und vielleicht wollte der Winzer ihn so haben.

Wo die Deutschen ihren Wein kaufen

Welche Eigenschaften eines Weines werden überschätzt?

Sicherlich der Preis. Einige Weine gehören zur Kategorie Luxuswaren. Dort gilt: Je höher der Preis, desto besser das Produkt. Es gibt Menschen mit mehr Geld als gesundem Menschenverstand, die im Geschäft fragen, ob es nicht noch etwas Teureres gibt. Das ist eine Nachfrage, die sehr leicht zu beliefern ist: Sie verdoppeln als Produzent einfach den Preis.

Die Preise für die Bordeaux-Weine, steigen aber nicht mehr so rasant, wie vor einigen Jahren.

Ja, natürlich, es gibt immer Anpassungen im Markt, aber sie sinken nicht wirklich signifikant. Bordeaux ist weiterhin die erfolgreichste Weinregion der Welt und die Stars können praktisch nehmen, was sie wollen. Dazu kommt die Menge. Ein Faktor, der die Extreme erzeugt. Wenn sie Bill Harlan sind,…

…ein amerikanischer Winzer aus dem Napa Valley…

… dann verkaufen sie keinen Wein an jemanden, der nicht seit Jahren auf ihrer Warteliste steht. Wenn die Flasche dann 1000 Dollar kostet und sie sie haben können, dann sagen viele: Großartig, ich muss sie haben. Das erzeugt einen Markt mit diesen Extremen.

Sie schreiben seit Jahren, dass deutscher Wein im internationalen Vergleich günstig sei. Zeitgleich stammt die teuerste Flasche Weißwein, die ab Weingut verkauft wurde aus Deutschland. Wie passt das zusammen.

Es sind die edelsüßen Spezialitäten, das sind so winzige Mengen. Das hat keine Auswirkungen auf das Image des deutschen Weines. Da ist wichtiger, dass sich Regionen positiv entwickeln, wie es zum Beispiel Rheinhessen getan hat. Es gab einen Stilwechsel, Vertrauen in trockene Weine, was wir in Großbritannien noch nicht realisiert haben. Die Kunden denken bei deutschem Wein immer noch an halbtrockene, liebliche Weine. Also kaufen sie sie nicht. Warum es so lange dauert, bis sich so eine Wahrnehmung ändert – ich habe keine Ahnung. Wo gibt es das, das Menschen 40 Jahre lang sagen, sie mögen etwas nicht, ohne es zwischendurch mal zu probieren? Absolut verrückt.

"Ich preise Riesling seit 50 Jahren"

Dann sind all Ihre Bemühungen der vergangenen 40 Jahre vergebens?

Alles eine Zeitverschwendung? Nein, nicht alles. Aber ich preise Riesling seit 50 Jahren. Es hat vielleicht nicht geholfen.

Wirklich nicht?

Es hätte mehr sein können. Aber der Sinneswandel ist zu erkennen. Vielleicht nicht in Pariser Restaurants, aber in New York rückt man deutschem Riesling immer näher. London ist hoffnungslos hinterher und nur die besten Sommeliers erkennen, dass sie auf ihren Weinkarten trockene Weißweine aus Deutschland aufnehmen müssen. Wenn mal etwas außer Mode gekommen ist in der Weinwelt, dann kommt es nicht mehr wieder. Anders als in der Mode. Nehmen sie Sherry! Sherry ist DAS Schnäppchen in der Weinwelt. Ich sehe ihn auf Augenhöhe mit den besten Weißweinen aus dem Burgund. Großartiger Charakter, passt hervorragend zum Essen – und kostet praktisch ein Zehntel davon. Es ist lächerlich!

Ein Meinungswandel kann doch schnell gehen. Ihr amerikanischer Kollege Robert M. Parker hat binnen weniger Jahre einen Teil des Rotweinmarktes entscheidend geprägt. Sein 100-Punktesystem für die Bewertung nutzen inzwischen Discounter zur Vermarktung der einfachsten Weine. Sie schreiben, dass der meiste Schaden, den das angerichtet hat, vorüber sei. Was meinen Sie damit?

Als ich das geschrieben habe, meinte ich, dass sein Einfluss nachgelassen hat. Die kultiviertesten Weinregionen der Welt schenken dem weniger Beachtung. Sie nutzen natürlich weiter Bewertungen. Aber sie produzieren ihre Weine nicht länger danach, dass der Wein dort eine hohe Punktzahl erreicht. Es sind vor allem Investoren, die sich für Parker-Punkte interessieren. Wenn ein Wein von einem Chateau 93 statt 95 Punkte bekommt, dann können sie weniger erwirtschaften. Die Punkte landen in Statistiken und Investoren lieben Statistiken.

Verbraucher aber auch!

Ja, aber Investoren besonders und widerspricht komplett meiner Idee von Weinkritik seit ich damit begann. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, Wein zu kaufen, um ihn wiederzuverkaufen. Es gibt einen Futures-Markt. Und ich finde es sehr traurig, dass Menschen Wein als Investment sehen. Das ist tragisch. Aber wenn sie das Geschäft betreiben, dann sind die Punkte für sie sehr wertvoll.

Sie verteilen in ihren Führern aber auch Sterne.

Ja, aber sie sind sehr allgemein für die langjährige Qualität und den Ruf des gesamten Weinguts. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass für den Genuss von Wein für die meisten Menschen wichtig ist, dass sie einen Bezug dazu aufbauen können. Das kann die Herkunft sein, eine Region, die man besucht hat aber auch ein Jahrgang, an dem jemand Geburtstag hat. Es geht darum, dass man sich damit identifizieren kann. Das ist wertvoller als die spezielle Rebsorte. Dieser menschliche Aspekt wird deutlich unterschätzt.

"Ich liebe Schraubverschlüsse!"

Hier im ICE werden kleine Flaschen Wein angeboten, mehrere Sorten. Würden Sie ihn trinken?

Es steckt in meiner DNA selbst zu Frühstückszeiten Weinkarten zu lesen. Selbstverständlich würde ich ihn probieren. Ich hätte keine Probleme damit und würde erwarten, dass er Spaß macht.

Auch wenn er in kleinen Flaschen mit Schraubverschluss serviert wird?

Ich liebe Schraubverschlüsse! Ich kann es kaum abwarten, meinen Korkenzieher wegzuschmeißen!

Wegen vieler Weine, die korkig schmecken?

Nein. Es ist einfach viel bequemer sie zu öffnen. Ich nehme die Flasche aus dem Kühlschrank, drehe sie auf, schenke ein, schraube sie zu, stelle sie zurück.

Sie machen sich keine Sorgen, ob hochwertiger Wein schlechter reift?

Die bisherigen Experimente geben keinen Hinweis darauf, dass es dem Wein schadet. Klar – bei bestimmten extrem teuren Weinen werden wir das nie erleben. Image ist Image. Aber Weine wie zum Beispiel von Chateau Latour, die es kaum lohnt zu öffnen, bevor sie nicht 20 Jahre gelagert wurden – wie viele gibt es davon? Welches Produkt kaufen sie 20 Jahre, bevor sie es benutzen? Das ist ein irrer Teil des Weinbusiness. Ich würde mir wünschen, dass es Methoden gibt, die Reife zu beschleunigen. Jeder, der ihn probieren durfte, wird vermutlich zustimmen, dass eine Flasche Latour ein magisches Erlebnis sein kann. Aber das ist so eine winzige Minderheit – ich denke nicht, dass das die treibende Kraft im Weinbusiness sein sollte. Das ist der Grund, warum es solche Weine gibt – sie schaffen ein Produkt, mit dem sie in 20 Jahren noch Handel betreiben können. Es wäre besser, man bekäme das Erlebnis schneller. Das sollten Winzer im Kopf haben.

Wenn man sich einen teuren Wein kauft aus dem aktuellen Jahrgang kauft, sollte man ihn lieber gleich trinken oder warten?

Kaufen Sie zwei Flaschen, eine trinken sie bald, die zweite einige Jahre später. Dann haben Sie beides.

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