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Werner knallhart

Foodtrends: Insekten sind in, Nespresso ist out

So schnell kann das gehen: Gerade war man als Veganer noch hip, nun ist man schon langweilig. Wer was auf sich hält, der isst jetzt Insekten und Quallen. Und verschmäht Nespresso.

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Eine Frau isst ein Insekt. Quelle: dpa

Tja, Herrschaften, da haben sich mittlerweile selbst die Leute in mittelgroßen deutschen Städten eine Laktose-Intoleranz zugelegt und einen auf vegan gemacht, da stellt sich raus: Damit schmiert man in der Hipster-Rangliste der besten Ernährungsticks aber mal so richtig ab.

Nein, wenn Sie wieder an der Spitze mitessen und trinken wollen, dann lesen Sie weiter und misten danach Ihren Kühlschrank aus.

Fangen wir beim Thema Veganismus an. Laut Konsumexperten ebbt der ganze Hype langsam wieder ab und war ohnehin immer nur Nische. Die Leute haben eben gemerkt: Sich rein vegan zu ernähren, steht mittlerweile nicht mehr im Verhältnis zum Image-Output. Jetzt, wo alle wissen, wie anstrengend es ist, ohne Fleisch, Milch, Butter, Ei und Honig zu kochen und zu backen, werden Veganer eher bemitleidet als bewundert. Lohnt sich nicht mehr.

Die besten Insekten-Snacks
AmeisenDie kleinen Tiere eignen sich gut als Snack. In Kolumbien mögen die Menschen besonders die Blattschneiderameise, denn die schmeckt nach Speck. Wer auch in Deutschland einmal einen Ameisen-Snack probieren möchte, kann mit der Einsteiger-Variante beginnen. Zwei Schalen Ameisen aus der Biozucht auf ein eingefettetes Backblech legen und bei 150 Grad knusprig backen (etwa 30 Minuten). Gleichzeitig Schokolade im Wasserbad schmelzen, über die fertigen Ameisen gießen und auf der Arbeitsfläche aushärten lassen. Quelle: dpa
SkorpioneIn China gelten Skorpione als eine Delikatesse. Unser eins denkt bei den Tierchen eher an heruntergekommene Hotelzimmer und Schreckenserlebnisse aus dem Urlaub. Die Tiere können aber auch unser Essen verfeinern. Aber Vorsicht: Skorpione müssen speziell gezüchtet sein, damit sie vor dem Verzehr nicht mehr giftig sind. Sie schmecken angebraten im Wok besonders gut. Dazu Reis und Sojasoße. Aber auch frittiert sind die kleinen Tiere leckerer, als man erwartet. Quelle: AP
Raupen Viele kennen Raupen nur so: Klein, leicht grünlich und draußen im Wald, wo sie Blätter durchlöchern. Raupen machen aber auch auf dem Tisch eine gute Figur. Wachsmottenlarven lassen sich einfach und schnell im Backofen rösten. Anschließend können die knusprigen Raupen mit Studentenfutter gemischt werden. Die leicht nussigen Insekten passen perfekt zu Erdnüssen und Rosinen. Aber auch als Beilage zu Reis und Gemüse machen sich die Insekten gut. Zehn Stück kosten 1,60 Euro. Quelle: dpa/dpaweb
HonigbienenlarvenHonigbienen können mehr als nur Frühstücksaufstrich produzieren. Ihre weißen Baby-Maden eigenen sich perfekt als Snack für Zwischendrin. In Erdnussöl anbraten und im Anschluss in eine süßsaure Soße dippen. Oder aber als Einlage in einer klaren Gemüsesuppe. Erwachsene Bienen aber bitte nicht verspeisen. Zehn Larven können für weniger als einen Euro beim Imker oder in Angelshops erworben werden. Quelle: obs
GrillenInsekten statt Schokolade: Wer mal wieder Lust auf selbstgemachte Chocolate-Chip-Cookies hat, kann auf eine alternative Variante mit essbaren Grillen zurückgreifen. Einfach Schokoteig anrühren und anstelle von Schokostückchen geröstete Grillen unterrühren. Vorher müssen allerdings die Flügel und die Beine entfernt werden. Grillen schmecken leicht süßlich und versorgen den Körper mit Proteinen. 100 Gramm Grillen haben 12,9 Gramm Protein. Zehn Stück kosten 1,50 Euro. Quelle: dpa
MehlwürmerWer sich nach einem ungewöhnlichen Zwischensnack sehnt, sollte Mehlwürmer (ganz rechts) ausprobieren. Im Backofen können die Insekten bei 180 Grad knusprig gebraten werden. Wer nicht auf süß verzichten möchte, kann die Würmer danach in geschmolzene Vollmilchschokolade tauchen - Schokofondue der besonderen Art. Kaufen kann man die Tiere zum Beispiel in der Zoohandlung. Dort kosten zehn Stück etwa 0,25 Euro. Quelle: dpa
Larve vom Riesen-SchwarzkäferEine ganz besonderer Snack sind auch Zophobas - oder nicht ganz so kompliziert: Larven vom Riesen-Schwarzkäfer. Im Internet gibt es einige Online-Shops, auf denen kuriose Köstlichkeiten verkauft werden. Zum Beispiel Insekten-Lollis mit Zitronengeschmack, die Stefan Krauß über seinen Internethandel vertreibt. Ameisen-Lollis mit mit Bananengeschmack kann man auf trau-dich-shop.com für 2,69 Euro pro Stück erwerben. Quelle: dpa

Ganz schlimm abgestützt ist das Image von Nespresso-Kapsel-Trinkern. Zu denen gehöre ich auch – ich bekenne mich. Anfangs, so vor zehn Jahren oder so, da gab es beim Essen mit Nachbarn und Freunden ja noch einen Oho-Effekt, wenn man parallel zum Nachtisch die Übersichts-Tabelle mit den Geschmacksrichtungen je nach Kapsel-Farbe herumreichte („Dieser Voluto oder wie der heißt, dieser milde, ist das der goldene?“). Und dann dieses wichtigtuerische Gequatsche in den Nespresso-Boutiquen. Als wolle man eine Rolex kaufen. Die Shops gibt es natürlich nur in gehobener Innenstadtlage und kommen daher wie die First-Class-Lounges asiatischer Fluggesellschaften.

Die Nespresso-Faszination ist flöten gegangen

Mittlerweile gibt es die Kapseln aber auch von Dallmayr und Starbucks oder sogar als No-Name-Produkte bei Aldi und Lidl. Mitunter mit viel weniger Aluminium-Verbrauch als bei denen von Nestlé. Heute frage ich meine Gäste nur noch: mit oder ohne Koffein. Das Nespresso-System ist nur noch teuer, praktisch und ganz lecker. Die Faszination aber ist flöten gegangen.

Wer wieder Trendsetter sein will, muss leider wieder selber aufbrühen. Der Filterkaffee ist zurück. Aber diesmal ist es richtig kompliziert. Die klassische Filtermaschine mit hängendem Filter und Tropfverschluss ist nur eine Notlösung. Weil ab jetzt müssen wir aus dem Kaffee Säuren und Früchte rausschmecken.

Jaha, wie beim Wein! Da sitzen dann die Experten mit ihren Laptops und ihren schwarzen Kaffees, schmecken säuselnd feine Säure, kaum wahrnehmbare Fruchtaromen und Bitterstoffe raus, und betäuben sich parallel die Zunge mit pappsüßen Muffins, Cheesecakes und Brownies.

Manchmal muss man für dieses neue Geschmacks-Universum den Kaffee aber ganz crazy kalt aufbrühen oder in speziell im Internet erhältliche Plexiglas-Kolben ziehen lassen, um zu punkten. Die Leute hinter der Theke in Cafés nehmen das sehr wichtig und gucken beim Schwenken der Kolben und Kannen und Spezialaufsätze immer sehr fokussiert. Dann sieht der Kaffee am Ende aus wie Pfefferminztee. Wer dann sagt: „Der ist ja dünn“, der outet sich in den Augen der neuen Kaffee-Experten als hinterwäldlerisch.

Und Gäste, die dann Milch oder – Gott möge es verhüten – Kaffeesahne rein kippen, die können auch gleich noch von ihrer Briefmarkensammlung erzählen. Sie sind erledigt. Milch im Kaffee? Sorry. Nein. Der Trend ohne Milch kommt aus den USA und Berlin. Bäng! Sticht doppelt. Latte Macchiato kannst du in Bad Münstereifel trinken.

Grillen-Frikadellen und Quallensalat kommen!

Das Schweizer Unternehmen Micarna stellt gerade auf der weltgrößten Lebensmittelmesse Anuga in Köln Grillen-Frikadellen vor. Nicht Grill-Frikadellen. Kugeln aus Grillen-Mehl. Wenn Sie mich fragen: Ich stehe der Entwicklung zu mehr Insekten im Essen sehr wohlwollend gegenüber. Ernsthaft.

Denn beim neu aufkeimenden Food-Trend Insekten steht nur in der Einführungs-Phase der Hihi-Hoho-Mutproben-Effekt im Vordergrund. Insekten sind großartige Protein-Lieferanten. Das entspricht dem riesigen Trend zu eiweißhaltiger Kost, die ja im Verdacht steht, weniger anzusetzen und die den Muskelaufbau unterstützt. Nicht umsonst ist die Proteinbombe Skyr im Kühlregal so ein Erfolg. Der schmeckt wie cremiger Joghurt, hat aber viel Eiweiß (bis 11 Prozent) und fast kein Fett – wie pappiger Magerquark. Irrsinniger Effekt: Es gibt jetzt Lätta-Margarine mit Skyr: 37 Prozent Fett und weniger als 0,5 Prozent Eiweiß. Skyr absurd. Frecher kann man den Skyr-Trend kaum abmelken!

Naja, zurück zu Schönem. Zu den Insekten. Experten sagen, mit Insekten könnte man vielleicht sogar den Hunger auf der Welt besiegen. Das ist allerdings ist ein schlechtes Argument dafür, die Sechsbeiner auch hierzulande zu servieren.

Es gibt aber ein Gutes: Insekten schmecken mitunter richtig lecker. Die Micarna-Frikadellen kenne ich zwar noch nicht und bin auch noch vor jeder handtellergroßen frittierten Wanze zurück geschreckt, aber Käferlarven in Kidneybohnen-Größe und kleine Würmchen habe ich schon mal probiert: nussig. Die Konsistenz: wie ein Macaron. Zarte knusprige Hülle, cremiges Inneres.

Vergleicht man die gebratenen Tierchen mit borstigen Shrimps, adrig-schlabberigen Muscheln oder glubschbrockigen Schnecken in Kräuterbutter, kommen kleine Insekten optisch wirklich gut weg.

Und wer am Samstagnachmittag bei einem Glas Champagner im Untergeschoss vom Warenhaus gerne mal ein paar Austern schlürft, ohne zu wissen, dass Austern oft noch leben, wenn sie schlecht gekaut geschluckt werden, dem sei gesagt: Professionell zubereitete Insekten sind längst friedlich entschlummert, wenn man sie zerkaut.

Hier gilt es einfach mal, alte Vorbehalte systematisch über Bord zu werfen. Es beginnt mit einer Mutprobe und eröffnet eine neue Welt gesunden Essens. Leider erstmal nicht in Deutschland. Anders als bei fast allen unseren Nachbarn sind Insekten bei uns nicht als Lebensmittel zugelassen. Das ist wirklich Unsinn. Wenn man alles verbieten würde, was die meisten eklig finden, würden auch Zungenwurst und Kapern aus den Supermärkten verschwinden müssen. Naja, 2018 könnte das Verbot fallen. Die EU liefert mal wieder das Quäntchen Vernunft, dass den Nationalstaaten fehlt. Ist doch so.

Und da wir gerade von Proteinen sprechen. Wann hatten Sie Ihren letzten Quallen-Salat? Ich meinen ersten vor rund zwölf Jahren in – nein, nicht Tokio – sondern Wien. Die Qualle war fest und knusprig wie Calamaris-Ringe und angemacht mit Sesamöl, Soja-Soße und frischen Kräutern. Die war gut. Nicht sensationell lecker, aber auch nicht eklig.

Quallen bestehen vor der Zubereitung zu 95 Prozent aus Wasser, enthalten aber auch viel Eiweiß und einige Spurenelemente. Und: Es gibt mitunter zu viele Quallen in den Meeren, sagen Biologen. Und es werden immer mehr. Anders als viele Fischarten. Der Meeresbiologe Silvio Greco fordert in einem Gespräch mit der BBC: „Jetzt muss der Mensch zum Jäger der Quallen werden.“ Naja, vielleicht ein Food-Trend in der Zukunft. Jetzt erstmal Insekten.

Stellen wir uns also drauf ein: In zehn Jahren sitzen die Vorstadtkids am Samstagabend in Cliquen bei Heuschrecken-Pasta bei Vapiano und wer es gut meint mit unserem Planeten, der ordert als Starter noch eine krosse Qualle auf Skyr.

Und Nespresso-Kaffee gibt es dann bestimmt nur noch an Tankstellen. Und in Büroküchen – wenn die kalte durchsichtige Premium-Plörre aus dem Kolben alle ist.

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