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Werner knallhart

Foodtrends: Insekten sind in, Nespresso ist out

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Grillen-Frikadellen und Quallensalat kommen!

Das Schweizer Unternehmen Micarna stellt gerade auf der weltgrößten Lebensmittelmesse Anuga in Köln Grillen-Frikadellen vor. Nicht Grill-Frikadellen. Kugeln aus Grillen-Mehl. Wenn Sie mich fragen: Ich stehe der Entwicklung zu mehr Insekten im Essen sehr wohlwollend gegenüber. Ernsthaft.

Denn beim neu aufkeimenden Food-Trend Insekten steht nur in der Einführungs-Phase der Hihi-Hoho-Mutproben-Effekt im Vordergrund. Insekten sind großartige Protein-Lieferanten. Das entspricht dem riesigen Trend zu eiweißhaltiger Kost, die ja im Verdacht steht, weniger anzusetzen und die den Muskelaufbau unterstützt. Nicht umsonst ist die Proteinbombe Skyr im Kühlregal so ein Erfolg. Der schmeckt wie cremiger Joghurt, hat aber viel Eiweiß (bis 11 Prozent) und fast kein Fett – wie pappiger Magerquark. Irrsinniger Effekt: Es gibt jetzt Lätta-Margarine mit Skyr: 37 Prozent Fett und weniger als 0,5 Prozent Eiweiß. Skyr absurd. Frecher kann man den Skyr-Trend kaum abmelken!

Naja, zurück zu Schönem. Zu den Insekten. Experten sagen, mit Insekten könnte man vielleicht sogar den Hunger auf der Welt besiegen. Das ist allerdings ist ein schlechtes Argument dafür, die Sechsbeiner auch hierzulande zu servieren.

Es gibt aber ein Gutes: Insekten schmecken mitunter richtig lecker. Die Micarna-Frikadellen kenne ich zwar noch nicht und bin auch noch vor jeder handtellergroßen frittierten Wanze zurück geschreckt, aber Käferlarven in Kidneybohnen-Größe und kleine Würmchen habe ich schon mal probiert: nussig. Die Konsistenz: wie ein Macaron. Zarte knusprige Hülle, cremiges Inneres.

Vergleicht man die gebratenen Tierchen mit borstigen Shrimps, adrig-schlabberigen Muscheln oder glubschbrockigen Schnecken in Kräuterbutter, kommen kleine Insekten optisch wirklich gut weg.

Und wer am Samstagnachmittag bei einem Glas Champagner im Untergeschoss vom Warenhaus gerne mal ein paar Austern schlürft, ohne zu wissen, dass Austern oft noch leben, wenn sie schlecht gekaut geschluckt werden, dem sei gesagt: Professionell zubereitete Insekten sind längst friedlich entschlummert, wenn man sie zerkaut.

Hier gilt es einfach mal, alte Vorbehalte systematisch über Bord zu werfen. Es beginnt mit einer Mutprobe und eröffnet eine neue Welt gesunden Essens. Leider erstmal nicht in Deutschland. Anders als bei fast allen unseren Nachbarn sind Insekten bei uns nicht als Lebensmittel zugelassen. Das ist wirklich Unsinn. Wenn man alles verbieten würde, was die meisten eklig finden, würden auch Zungenwurst und Kapern aus den Supermärkten verschwinden müssen. Naja, 2018 könnte das Verbot fallen. Die EU liefert mal wieder das Quäntchen Vernunft, dass den Nationalstaaten fehlt. Ist doch so.

Und da wir gerade von Proteinen sprechen. Wann hatten Sie Ihren letzten Quallen-Salat? Ich meinen ersten vor rund zwölf Jahren in – nein, nicht Tokio – sondern Wien. Die Qualle war fest und knusprig wie Calamaris-Ringe und angemacht mit Sesamöl, Soja-Soße und frischen Kräutern. Die war gut. Nicht sensationell lecker, aber auch nicht eklig.

Quallen bestehen vor der Zubereitung zu 95 Prozent aus Wasser, enthalten aber auch viel Eiweiß und einige Spurenelemente. Und: Es gibt mitunter zu viele Quallen in den Meeren, sagen Biologen. Und es werden immer mehr. Anders als viele Fischarten. Der Meeresbiologe Silvio Greco fordert in einem Gespräch mit der BBC: „Jetzt muss der Mensch zum Jäger der Quallen werden.“ Naja, vielleicht ein Food-Trend in der Zukunft. Jetzt erstmal Insekten.

Stellen wir uns also drauf ein: In zehn Jahren sitzen die Vorstadtkids am Samstagabend in Cliquen bei Heuschrecken-Pasta bei Vapiano und wer es gut meint mit unserem Planeten, der ordert als Starter noch eine krosse Qualle auf Skyr.

Und Nespresso-Kaffee gibt es dann bestimmt nur noch an Tankstellen. Und in Büroküchen – wenn die kalte durchsichtige Premium-Plörre aus dem Kolben alle ist.

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