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Werner knallhart Lassen Sie sich nicht einreden, was im Leben „Luxus“ ist

Quelle: imago

Was ist Luxus? Ein Porsche? Oder ein Leben ohne eigenes Auto? Bei solchen Lebensfragen kommt es auf unseren Blickwinkel an. Den verbiegen uns Freunde, Medien und Werbung jeden Tag neu. Reißen wir die Kontrolle an uns!

Luxus ist laut Wikipedia-Definition etwas Kurioses: Der Begriff komme von lateinisch luxus, heißt es dort. Er bedeute Verschwendung, also Verhaltensweisen oder Ausstattungen, die über das in einer Gesellschaft als notwendig oder sinnvoll erachtete Maß hinausgehen. Und jetzt kommt es: „Luxus fasst damit Phänomene zusammen, die für einen großen Teil der Bezugsgruppe als erstrebenswert gelten.“

Soso. Unnötige, sogar sinnlose Dinge. Verschwendung. Das soll der Luxus sein, nach dem die meisten von uns streben?

Nehmen wir das berühmte vergoldete Steak für Hunderte von Euro. Ist das Luxus? Die meisten finden sowas doch eher lächerlich. Jüngst hat ein Blattgoldhersteller auf WirtschaftsWoche Online geschätzt: Das Gold auf so einem Steak wird um die 30 Euro gekostet haben. Wenn das Luxus wäre, wäre es auch luxuriös, für einen Liter H-Milch 1.500 Euro hinzublättern. In beiden Fällen ist es aber einfach nur rausgeschmissenes Geld.

Kein Mensch würde sich zuhause schön ein Steak braten, es dann komplett mit Blattgold überziehen, um es einsam aufzufuttern. Das Blattgoldsteak ist schlicht zum Angeben da. Das gilt heute doch wiederum einfach als bedauernswerter Ausdruck eines schlechten Selbstwertgefühls. So wie die mit Edelsteinen besetzte Hundeleine.

Der Typ Blattgoldsteak-Esser fährt wahrscheinlich auch gerne mit dem beim Cousin vom Verlobten von der Schwester geliehenen Mercedes mit Tempo 100 innerorts über die Busspur.

Blattgold-Steak-Blingbling ist peinlich, weil purer Protz zumindest in der freien westlichen Welt oftmals nicht mehr für das Gefühl von Luxus taugt. Es fehlt die neue Messgröße für Luxus im 21. Jahrhundert. Sie lautet: „Wohlfühlfaktor“.

Ohne fühlbaren Anstieg der eigenen Lebensqualität ist Schickimicki pure „Dekadenz“ (also Verfall und Niedergang). Luxus, so wie wir ihn mittlerweile verstehen, ist doch eine spitzenmäßige Lebensqualität – für einen selber. Sie anzustreben, gilt anders als ein lächerliches Angeber-Steak als vernünftig und sinnvoll.

So zählte es früher in der Jacobs-Krönung-Werbung der 80er-Jahre, ob die Besucher der Kaffeetafel die Tassen wirklich austranken. Motto: Was denken bloß die Nachbarn? Heute kommt Tennisstar Roger Federer im Werbespot für Jura-Kaffeemaschinen allein nach Hause und drückt die Knöpfe an seinem Hightech-Ding für sich ganz alleine. Weil es für Luxus eben heute auf das ganz eigene Wohlbefinden ankommt. Auf das, was man selber genießen kann.

Das Geniale: Weil nicht mehr Außenwirkung zählt, ist es einfach, Werbetreibenden und Facebook-Freunden die Hoheit über die Definition von Luxus zu entreißen. Ha!

Selber definieren, was Luxus ist

Wo der persönliche Wohlfühlpegel am höchsten klettert, bestimmen wir selber. Luxus ist Luxus, auch wenn andere das auf Facebook nicht liken. Weil man es gar nicht erst postet.

Wir definieren es einfach selber nur für uns. So ist ein Porsche dank der Modelle Cayenne oder Panamera längst keine Genitalkompensation mehr, sondern ein solides, sicheres Familienauto. Weil es dann Ihnen und Ihren Liebsten gut geht. Aber ist nicht der wahre Luxus, ohne ein eigenes Auto auszukommen? Wir kennen den Spruch: „Ich komme aus Berlin. Da braucht man kein eigenes Auto mehr.“ Betonung auf mehr. Weil man damit ganz vorne ist. Das tut gut. Echt Luxus! Einerseits, andererseits.

Es gibt Leute, die entscheiden sich für eine bestimmte Fluggesellschaft in Abhängigkeit davon, ob es an Bord noch einen kostenlosen Kaffee gibt. Einen Kaffee, der in der Verteilerebene einer U-Bahn-Station 99 Cent kostet. Was das Essen an Bord getaugt hat, ist schon wichtiger Teil der Urlaubsberichte. Essen im Gegenwert eines halben Döners. Weil es eben für sie ein Wohlgefühl und damit Luxus ist, über den Wolken zu etwas Heißem eingeladen zu werden. Andere sparen fürs Ticket lieber 50 Euro.

Ich habe es mir angewöhnt, bei einer Reise in der 1. Klasse eines ICE das kostenlose Stück Schokolade oder die Gummibärchen ab und zu abzulehnen. Eigentlich ist ja gerade diese kleine Aufmerksamkeit das, was einen als First-lass-Passagier adelt. Aber ich habe es für mich eben anders zurechtgelegt: Sich erlauben zu können, das Geschenk dankend auszuschlagen, ist doch der wahre Luxus. Fertig. Diese Definition von Luxus spart nämlich Kalorien.

Frische Austern mit Champagner. Luxus? Oder doch eine ehrliche Käsestulle, das Brot frisch aus dem Ofen? Definieren Sie es nach Bedarf. Ein Besuch im Thermalbad mit Unterwassermusik oder ein Schaumbad im Kerzenschein daheim mit der Lieblingsmusik von Spotify? Was ist der größere Luxus?

Und ist es nicht der größte Luxus, wenn einem die preiswertere Variante mindestens genauso viel Wohlbefinden bringt?

Ich wäre als Kind gerne häufiger im Restaurant essen gegangen. Aber meine Eltern waren standfest der Meinung: „Dass es zuhause meist besser schmeckt als auswärts. Das ist ein Luxus, den du erst noch zu schätzen lernen musst.“ Hab ich mittlerweile. Der Grieche an der Eisenbahnstraße war wirklich nicht so doll.

Irgendwo habe ich mal von einem Asketen gelesen, der meint, es sei für ihn Luxus, den ganzen Tag über immer ein wenig Hunger zu haben. Weil Sattheit ihn nicht mehr spüren lässt, dass er lebt.

Wenn ich mir all das durch den Kopf gehen lasse, bestärkt es mich: Ich will selber definieren, was für mich Luxus ist. Quatscht mir nicht rein.

So gesehen ist der allergrößte Luxus, selber definieren zu können, was für einen selber Luxus ist.

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