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Werner knallhart
Man sollte bleiben, solange es hier am schönsten ist. Quelle: imago

Sommerurlaub zu Hause: „Staycation“ ist clever

Es gibt gute Gründe, im Sommer abzuhauen. Aber zu Hause zu bleiben, wenn es hier am schönsten ist, liegt aus noch viel besseren Gründen im Trend. Wer jetzt geht, darf sich über den fiesen Winter nicht beschweren.

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Das gilt sicher für viele Situationen im Leben. Aber nicht für den Sommerurlaub! Man sollte bleiben, solange es hier am schönsten ist. Für den Urlaub gilt eben die andere Lebensweisheit: Es kommt auf den richtigen Zeitpunkt an.

Erinnern wir uns an das Gemoser über den hinter uns liegenden elend langen Winter. Der Massenfrust war ja nachvollziehbar (wenn auch sinnlos). Allerdings kenne ich in Berlin etliche Zugezogene aus dem Ausland, die die Sommerzeit nutzen, um für ein paar Wochen in ihre Heimatländer USA, Spanien oder Italien zurückzukehren. Dann kommen sie im September zurück und meckern ab Oktober herum, das Wetter in Berlin sei immer so beschissen.

Ich sach: „Kinners, das täuscht.“ Und werde ihnen nun im Sommer von Zeit zu Zeit Screenshots aus ihrer Wahlheimat Berlin in die fernen Länder schicken: von der Wettervorhersage für Berlin - 24 Grad, 27 Grad, 32 Grad, 31 Grad, 29 Grad. Fürs nächste Mal dann.

Top-Manager empfehlen diese Urlaubsziele
Christian Rätsch, CEO von Saatchi & Saatchi Deutschland:"Jedes Jahr geht die Diskussion in unserer Familie von vorne los – Nein, wir fahren diesmal in den Süden, da ist die Sonne sicher und das Meer warm. Doch seit 20 Jahren ist diese Diskussion rein theoretischer Natur. Gelandet sind wir immer wieder auf der Insel. Wenn es an der Nordsee auch weniger Sonnenstunden als auf Ibiza oder Malta gibt, nirgends ist die Erholung größer. Es ist die Luft der Heide und des Meeres, es sind die Farben der Dünen im Kontrast zur See, es ist die Breite des Sandstrandes und der Wind um die Ohren, es ist der Spaziergang am Watt und der Kampf gegen den Wind am Ellenbogen. Schlussendlich ist es auch die jährliche Diskussion in der Familie, wo der nächste Urlaub gemacht wird und das gute Gefühl, dass Sylt auch das nächste Mal wieder die richtige Entscheidung sein wird." Quelle: Privat
Lars Lehne, CEO der Digitalmarketing-Gruppe Syzygy:„Ich segele am liebsten mit Familie, auch wenn die nicht alle feste Seebeine haben. Dieses Jahr im Oktober geht es zu den liparischen Inseln nach Süd-Italien, letztes Jahr waren wir in der Griechischen Ägäis. Kristallklares Wasser, stetiger Wind, sagenhaftes Essen, tolle Weine, die Häfen und Buchten sind einzigartig und die Gastfreundschaft herausragend. Früher waren wir auch gerne in der Türkischen Ägäis, aber das Revier meiden wir aus aktuellem Anlass.“ Quelle: Privat
Anna Drüing, Personalchefin bei Trivago:„Am Liebsten reise ich an Orte, die mich wieder mit Freunden zusammenbringen. Diesen Sommer steht Galicien auf dem Programm. Eine gute Freundin und Trivago-Kollegin möchte uns ihre Heimat zeigen, und darauf freue ich mich schon sehr.“  Quelle: Presse
Fabian Kienbaum, CEO von Kienbaum Consultants International:„Ich liebe es, meine Ferientage im Nord-Osten Mallorcas zu verbringen. Es ist wie eine Art nach Hause kommen, weil wir als Familie schon seit Anfang der 90er Jahre immer wieder in die Region um Arta gereist sind. Was ich daran besonders schätze, ist die herzliche Art der Mallorquiner, verbunden mit einer herrlichen, mediterranen Küche und einer wunderbaren von Pinien gesäumten Naturlandschaft. In dieser ruhigen Atmosphäre kann man gut abschalten und neue Energie und Ideen sammeln.“ Quelle: Presse
Michael Mack gehört zur Eigentümerfamilie des größten Freizeitparks Deutschlands, er ist Geschäftsführer des Europapark Rust:„Meine Familie und ich reisen sehr gerne nach Italien. Dort gefallen uns besonders die oberitalienischen Seen wie der Gardasee oder der Lago Maggiore. Auch die Adriaküste Kroatiens ist immer wieder eine Reise wert - meine Frau Miriam hat nämlich ihre Wurzeln dort. Wir mögen den Urlaub in Europa einfach, weil unser Kontinent so viele wunderbare Plätze zum Erholen bietet.“ Quelle: Presse
Sabina Jeschke ist Vorstand Digitalisierung und Technik bei der Deutschen Bahn und Professorin für Maschinenbau:„Meinen Urlaub verbringe ich am liebsten in Mittelschweden, in der Nähe von Östersund. Dort genieße ich Mitternachtssonnen, Schneeberge, lange Seenplatten - die unendliche Weite der Natur. Dank schnellen Internets bin ich trotzdem nicht aus der Welt. Schweden ist für mich Heimat, ich habe dort einen Großteil meiner Kindheit verbracht.“ Quelle: dpa
Peter Mockler, Managing Partner der Unternehmensberatung Bearing Point:"Eine Woche Segeln bei gutem Wind und Island-Hopping an der Adriaküste Kroatiens – so verbringe ich meinen Urlaub am liebsten. Die Region mit ihren vielen Inseln, tollen Buchten, dem glasklaren und warmen Wasser gehört für mich zu den schönsten Segelrevieren. Aber auch die vielen alten Städte wie Trogir, Split oder Korčula und das bergige dalmatinische Festland sind sehr reizvoll. Bei mediterranem Essen und den inzwischen sehr guten kroatischen Weinen kann man das Leben dort genießen. Wir starten unseren Törn meist von der Marina Kaštela in der Nähe von Split und segeln dann in Richtung Südosten zu verschiedenen Inseln, wie Brač, Hvar, Korčula, Lastovo und Vis." Quelle: Privat

Nun kann ich diese bedauerliche Sommerflucht der Zugezogenen ja irgendwie verstehen. Die Sommerzeit ist im Kreise ihrer Familie eben auch die schönste. Aber jetzt erklären Sie mir mal, warum die meisten von uns Einheimischen ebenfalls im Hochsommer abhauen und Deutschland ausgerechnet in der schönsten Jahreszeit wochenlang den Rücken kehren.
Denn: Was spricht alles gegen Reisen im Sommer?
1. Horrorstaus in ganz Mittel- und Südeuropa - wie demütigend, dort jedes Jahr wie die Lemminge reinzufahren. Und der ADAC steht daneben und schüttelt verzweifelt den Kopf.
2. Höhere Flug- und Hotelpreise - mit Sommerreisenden kann man es ja machen.
3. Volle Strände im Süden - wenn man sich nicht traut, das Handtuch zum Abtrocknen hochzunehmen, weil jemand Fremdes währenddessen den freien Platz im Sand belegen könnte.
4. Extreme Hitze in den Urlaubsländern - inklusive Blasenentzündung, wenn die Klimaanlage die Nacht über durchläuft.
5. Besoffene deutsche Teenager mit nur noch einem Schuh oder besoffene britische Teenager mit leuchtendem Sonnenbrand - die allesamt auf Kosten der Nachtruhe ihre noch nicht vollständig ausgewachsene Männlichkeit kompensieren.

Gut, es gibt auch andere Gegenden als die unter 5. Aber trotzdem: Wer der Meinung ist, dass das alles sein muss, der ist mit Sicherheit auch der Meinung: Nur eine Reise ins Ausland ist ein richtiger Urlaub.

Aber was, wenn im Sommer zu Hause zu bleiben auch als Urlaub durchginge? Ist nicht alles, was unsere städtischen Plätze, unsere Parks, unsere Badeseen, unsere Spielplätze, unsere Wanderwege ausmacht, eigentlich auf den Sommer ausgelegt? Weihnachtsmärkte etwa laufen doch unter dem heimlichen Motto: das Beste aus dem Winter machen. Aber Straßenfeste, Jahrmärkte, Weinfeste, Musikfestivals im Sommer sind keine Schönrednerei. Freibäder sind besser als Hallenbäder, an den Tischen draußen unter dem Sternenhimmel mit der Familie Pizza zu essen und Cocktails zu trinken, macht doch klar mehr Spaß, als im Winter drinnen in der überheizten Bude mit der feuchten Daunenjacke hinten an der Stuhllehne.

Und dann der eigene Balkon: Den ganzen Herbst und Winter über dient er nur als Lagerfläche für Pfandflaschen - mit dem unter der Schutzhaube versteckten Grill und den hochkant gestellten Gartenmöbeln. Aber wenn es richtig schön wird draußen, wir ihn für die warme Jahreszeit rausgeputzt haben, das Efeu grünt, der Bambus sprießt, die Geranien blühen und die Nächte lau sind, lassen wir das kleine Paradies wochenlang zurück und sorgen uns darum, wer um Himmels Willen den kleinen Gemüsegarten aberntet, wo immer alles genau dann reif ist, wenn wir weg sind: „Danke fürs Blumengießen. Bitte bedient euch am Tomatenstrauch.“

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