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Winzer Warum Günther Jauch Wein bei Aldi verkauft

Günther Jauch auf seinem Weingut Quelle: Presse

Fernsehmoderator Günther Jauch betreibt das Weingut von Othegraven. Nun verkauft er unter seinem eigenen Namen Wein bei Aldi. Er ist nicht der erste hochrangige Winzer, der die Nähe zum Discounter sucht.

Er ist Moderator von "Wer wird Millionär?", Liebling der Deutschen, Produzent - und, seit er es von einer Verwandten erworben hat, auch Besitzer des Weinguts von Othegraven an der Saar. Nun also "Promiwinzer". Das ist der Begriff für Menschen wie Franz Beckenbauer, Brad Pitt, Sting oder Francis Ford Coppola, die sich ein Weingut gekauft haben, weil sie es können. Günther Jauch verkauft von nun an unter seinem Namen Wein beim Discounter Aldi - Süd und Nord. Das Etikett ziert der hohe Stuhl, auf dem Jauch in seiner Quizsendung sitzt und die Kandidaten befragt.

Jauch schlägt damit eine Brücke, die so bislang kein Weinhersteller überschritten hat. Es gibt renommierte Winzer mit Sondereditionen für Discounter. Es gibt Prominente mit eigenen Weinen. Es gibt Weingüter mit Untermarken. Jauch ist alles in einem.

Für renommierte Winzer ist das Anbandeln mit den Discountern nicht ohne Gefahr. In Deutschland beträgt der Durchschnittspreis für eine Flasche Wein unter drei Euro. Den Gesamtmarkt dominieren Supermärkte - und eben Discounter. Der Wein, der dort verkauft wird, ist önologisch geprüft von Dienstleistern wie dem Unternehmen des Sommeliers Markus del Monego (Aldi), der den Titel Master of Wine trägt. Oder bewertet von anderen Masters of Wine wie Michael Bampfield (Lidl) oder zum Teil ausgesucht von Master Sommeliers wie Frank Kämmer (Netto).

Günther Jauchs Weine zeigen auf dem Etikett seinen Barhocker aus

Und doch schwingt immer mit: Billig. Überproduktionen, die über den Lebensmitteleinzelhandel verklappt werden, Restbestände überforderter Großhändler, die sie lieber an Discounter weiterreichen, statt ewig darauf rumzusitzen. Unter Weinkennern rümpfen viele die Nase, wenn das Gespräch auf Wein vom Discounter kommt. Der Qualitätsanspruch der deutschen Winzer, vor allem jenen, die wie Jauchs Weingut von Othegraven im Verband der Prädikatsweingüter (VDP) versammelt sind, und die damit verbundenen Preise vertragen sich auf Anhieb nicht mit der Preisstruktur von Discountern.

Einen Mittelweg geht seit Jahren erfolgreich der badische Winzer Fritz Keller. Sein eigenes Weingut in Vogtsburg am Kaiserstuhl gehört zu den besten in Deutschland. In seinem Vitis-Projekt versammelt er all jene Nebenerwerbswinzer, die wegen des Erbrechts auf winzigen Flächen anbauen und ihre Weine nicht selber vinifizieren können. Keller gibt Qualitätsansprüche vor, die die meist Teilzeit- oder Hobby-Weinbauern erfüllen müssen, wenn sie ihre Trauben abliefern. Kontrollen des Anbaus im Weinberg gehören ebenfalls dazu. Das Produkt landet als "Edition Fritz Keller" bei Aldi im Sortiment - und ist mit sieben Euro doppelt so teuer wie der Durchschnittspreis.

Der Rheingauer Spitzenwinzer Wilhelm Weil hat unter der Untermarke "Weil junior" eine neue Linie für den Lebensmittelhandel kreiert. Weder Trauben noch Vinifikation macht Weil selber, überwacht jedoch die Qualität und geht mit der Verknüpfung seines Namens für das Produkt durchaus ein Risiko ein.

„Netterer Teil der Menschheit beschäftigt sich mit Wein“

Bei Günther Jauch dürfte dies deutlich geringer sein. Trotz seiner Bekanntheit dürften die allerwenigsten Kunden wissen, dass er nicht nur erfolgreich sondern mit großem persönlichen Engagement gemeinsam mit seiner Frau das Weingut von Othegraven führt. Die Jauchs investierten - und sind bei Veranstaltungen regelmäßig anwesend, um ihre Weine bei Degustationen zu erklären und auszuschenken.

Der Schritt in den Supermarkt überrascht. Ums Geld wird es Jauch ja nicht unbedingt gehen. Warum also? Für die Präsentation des Weines ist Jauch nach Düsseldorf gereist. Dort hat Aldi bereits im vergangenen Jahr einen Pop-Up-Store eröffnet - und tut dies nun anlässlich der Fachmesse ProWein erneut. Auf deutlich größerer Fläche. Vor einem Jahr ist der Discounter während der Messe auf Jauch zugegangen.

Von Anfang an war klar: Mit den Trauben und dem Keller des eigenen Weinguts sind die nötigen Mengen nicht zu realisieren: "Da wären wir nach zwei bis drei Tagen ausverkauft", sagt Jauch. Zusammen mit dem Winzer und Kellermeister des Guts von Othegraven, Andreas Barth, begann die Suche nach zwei Weinen, die, so Jauch, "das beste der Regionen am deutschen Wein" zusammenbringen soll. Es sind zwei Cuvées geworden, an deren Zusammenstellung sich Jauch beteiligt hat: "Wir wollten das schon zusammen machen."

Riesling, die dominante Sorte in der Region Mosel-Saar-Ruwer, in der sich von Othegraven befindet, ist dabei: "Das kann man sich denken." Beim Rotwein ist es der Spätburgunder, der die Cuvée trägt. Produziert wird der Wein vom Keller Peter Mertes. Für die Qualität allerdings ist auch Jauch verantwortlich: "Ich habe in der Zusammenarbeit mit Aldi gemerkt, dass die Qualität stimmen muss und welche Daumenschrauben sie haben."

Auch wenn sich das Projekt finanziell tragen muss - ganz ohne didaktischen Anspruch will Jauch es nicht tun: "Ich finde es schade, dass so viele Menschen automatisch zu Weinen aus Spanien, Italien oder Übersee greifen. Der deutsche Wein hat in der Vergangenheit große Fortschritte gemacht."

Für sechs Euro muss sich Jauchs Wein nun im Regal gegen die Wettbewerber aus aller Welt behaupten. Gewappnet sieht er sich: "Ich bin froh, dass wir ein Jahr hatten, das Projekt zu machen. Wir hatten die Möglichkeit zu sagen, dies oder jenes wollen wir, das andere nicht." Sie sollen auch Türöffner sein für Menschen, die sonst keinen Wein trinken. "Wenn ich ein junger Mensch wäre, würde ich auch nicht mit einem Wein für 20 Euro beginnen", sagt Jauch.

Statt einer einzelnen Aktion, soll der Wein als längerfristige Kooperation im Sortiment bleiben. Als Beitrag der "Demokratisierung des Luxus", der helfen soll, ein wenig die Verkaufsanteile zugunsten des deutschen Weins zu verschieben. "Das war schon der Ehrgeiz, das zu erreichen", sagt Jauch. Skeptikern, die dem Produkt wenig zutrauen, entgegnet Jauch: "Erstmal probieren, dann negieren."

Einen Erfolg hat Jauch bereits zu verzeichnen. Obwohl die Anfrage von Aldi-Süd kam, sind die Weine auch jenseits des Aldi-Äquators in den Nord-Filialen im Regal: "Ich bekomme ihn also auch in Potsdam."

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