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Maria Großbauer Opernball-Ausrichterin setzt Österreichs Kanzler in Szene

Maria Großbrauer hat den Wiener Opernball zum Renditebringer gemacht – und liefert den Rahmen für die Selbstinszenierung von Kanzler Kurz.

Als Parlamentsabgeordnete arbeitet die Opernball-Ausrichterin mit ihrem Parteifreund Sebastian Kurz zusammen. Quelle: imago/Viennareport

WienMaria Großbauer schleppt ihren Koffer durch das Labyrinth von Gängen und Treppen der Wiener Staatsoper. In der verwinkelten Kathedrale des Musiktheaters kennt sich die 37-Jährige seit Kindesbeinen aus. Schließlich war ihr Vater Karl Jeitler Posaunist der Wiener Philharmoniker und ständiger Gast in der berühmten Bühne. Die letzten Tage vor dem Opernball, dem wichtigsten Ball in Österreich, sind für Großbauer hektisch. „Der Opernball ist ein sehr, sehr großer Event“, sagt die gelernte Musikerin und lächelt. „Die vier Wochen vor dem Ball sind ein Ausnahmezustand.“

Alles ist auf Pomp getrimmt. Mit der Fanfare und der österreichischen Nationalhymne wird der 62. Opernball am Donnerstag eröffnet. 5 150 Ballgäste werden ihre Walzerrunden drehen. In Spitzenzeiten sind rund 500 Arbeitskräfte damit beschäftigt, die Oper für den glamourösen Abend umzubauen. Mit dabei ist Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).
Der Ball steht für das System Österreich, bei dem Politik, Wirtschaft und Prominente ihren Austausch pflegen. Großbauer ist nicht nur Organisatorin, sondern sie ist angeblich Teil der Freunderlwirtschaft. Als Parlamentsabgeordnete arbeitet sie mit ihrem Parteifreund Kurz zusammen. Als Opernball-Ausrichterin liefert sie ihm auch außerhalb des Parlaments die Bühne, um sich zu inszenieren. Bei seinem ersten Ball als Kanzler wird es entsprechend glamourös zugehen. Denn Kurz wird sich sowohl mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko als auch mit dem seit 2017 amtierenden irischen Premierminister Leo Varadkar, der sich als homosexuell outete, in Szene setzen. Für Hollywood-Glamour sorgt Schauspielerin Melanie Griffith. Die 60-jährige Leinwand-Diva war bereits Gast beim Life Ball zugunsten von Aids-Kranken.

Die Besetzung der Position mit Maria Großbauer als Opernball-Organisatorin im vergangenen Jahr rief Kritik hervor. „Die Bestellung von Maria Großbauer ist natürlich Freunderlwirtschaft, weil sie die Gattin des Wiener Philharmoniker-Vorstands war. Danke, dass wir eine ÖVP-Politikerin als Opernball-Organisatorin haben“, sagte ein Wiener Opernball-Besucher, der ungenannt bleiben will. Großbauer ist Ehefrau des früheren einflussreichen Vorstands der Wiener Philharmoniker, Andreas Großbauer, der bei der Besetzung des Wiener Opernchefs ein wichtiges Wörtchen mitzureden hatte. Maria Großbauer schert sich um die unüberhörbare Kritik in der Donaumetropole nicht. „Die Wiener Staatsoper war für mich immer etwas Besonders, und ich kenne sie seit meinen Kindheitstagen“, sagt sie.

Mehr noch: Großbauer hat den Ball zum ökonomischen Großereignis ausgebaut. „Denn auch Firmen können den Ball. Hier werden Geschäfte eingefädelt und wichtige Kontakte geknüpft. Entsprechend hohe Preise verlangt Großbauer für den Zugang zu dem besonderen Treffen. Eine Loge kostet stolze 20 500 Euro, eine Eintrittskarte 290 Euro. Konzerne wie Siemens haben praktisch ein Dauerabonnement beim Opernball. Die Tochter von Rainer Seele, CEO des Energiekonzerns OMV und ehemaliger Wintershall-Chef, wird den Opernball in diesem Jahr miteröffnen. „Viele unserer Stammgäste kommen aus Deutschland. Für den Opernball ist Deutschland der größte Auslandsmarkt“, sagt Großbauer. „Wien liebt die Oper, und das spüren auch unsere Gäste sehr stark.“

Doch längst verzichten manche Prominente lieber auf den großen Aufritt auf dem roten Teppich. „Bilder im Frack mit Champagner-Glas in der Hand will heute weder ein Unternehmer noch ein Politiker mehr von sich haben“, sagte der österreichische Unternehmensberater Hans Mahr. „Früher ist Franz Josef Strauß mit zwei Händen Großkopferten zum Opernball gekommen. Heute kommen die Oligarchen aus den ehemaligen GUS-Staaten“, merkt ein Wiener Ballbesucher an.

Sponsoren mit großen Namen

Großbauer entdeckt unterdessen immer neue Möglichkeiten, um die Einnahmen zu steigern. „Meine Erfahrung in der Werbebranche hat mir bei der Gewinnung neuer Sponsoren sehr geholfen“, sagt die Werbemanagerin, die sich 2011 mit einer eigenen Agentur selbstständig gemacht hat. Einer der Sponsoren ist die österreichische Bäckereikette Ströck. Sie präsentiert auf der Hinterbühne Slow Food und einen eigens in diesem Jahr für den Opernball entwickelten Hotdog. „Der Opernball ist ideal für Slow Food. Schließlich trägt ein Ball auch zur Entschleunigung der Gäste bei“, sagt Großbauer augenzwinkernd. Unter den Sponsoren sind die Modehandelskette Peek & Cloppenburg, die Kosmetikfirma Guerlain, der Schmuckhersteller Swarovski, die Schuhhandelskette Humanic oder die Teehandelsfirma Sonnentor. Zusammen mit der Unternehmerin Nadja Swarovski lädt die frühere Musikerin Großbauer am Vorabend erstmals zu einer Frauenrechtsdiskussion ein.

Der Opernball ist auch ein wichtiges Geschäft – vor allem für die Wiener Staatsoper. „Der vergleichsweise hohe Eintritt beim Opernball ist eine kulturelle Förderabgabe. Denn unsere Einnahmen fließen direkt in die Kassen der Wiener Staatsoper. Schon seit Wochen sind wir ausverkauft“, sagt Großbauer. Die Einnahmen belaufen sich auf 4,6 Millionen Euro. Dem stehen Gesamtausgaben von 3,6 Millionen Euro gegenüber. Großbauer und ihr kleines Team erwirtschaften mit den Walzerträumen ihrer Gäste also eine sehr ordentliche Rendite.

Im Jahr finden in Wien rund 450 Bälle statt – vom Opernball über den vornehmen Philharmonikerball bis hin zu internationalen Charity-Höhepunkten wie den Life Ball. Nach Angaben der Wirtschaftskammer Wien werden in dieser Ballsaison rund 139 Millionen Euro an Erlösen erzielt. „Die Industrie mit den Bällen wächst. Viele Bälle haben sich neu erfunden“, sagte Norbert Kettner, langjähriger Geschäftsführer des Wien Tourismus, dem Handelsblatt. „Es gibt eine Sehnsucht nach Märchen. Man darf die Juwelen aus dem Tresor und den Pelzmantel aus dem Schrank hervorholen und das schönste Kleid auspacken“, analysiert der Tourismusmanager, der in den Büroräumen einer nüchternen Shoppingmall in Wien-Mitte die Werbetrommel für den Renditebringer rührt. Auf das Nachbarland Deutschland ist Kettner besonders gut zu sprechen. „Nach unserer Einschätzung sind die Deutschen die fleißigsten Ballbesucher“, sagt er über die jährlich 55.000 Gäste aus dem Ausland.

Die Wiener Ballkultur hat ihren Ursprung in den verschwenderischen Festen am Hofe der Habsburger. „Auf den Bällen können die Gäste mit den Einheimischen tanzen. Bälle sind und waren immer Begegnungsorte zwischen Fremden und Österreichern“, resümiert Wien-Tourismus-Chef Kettner. Maria Großbauer weiß um die Bedeutung des Walzer-Schaufensters. Für die Organisatorin ist der Opernball eine Bewährungsprobe. Denn die junge, ehrgeizige Nationalrätin will noch weitere Stufen auf der Karriereleiter nach oben kommen. Und die Oper bietet ihr die perfekte Plattform.

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