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Mobilitätsreport Pendler halten trotz möglicher Diesel-Fahrverbote am Auto fest

Ein Berufspendler geht am Donnerstag (29.06.2006) auf dem Weg zur Arbeit über eine Straßenkreuzung in Düsseldorf. Quelle: dpa

Trotz drohender Fahrverbote für Dieselautos ist der öffentliche Nahverkehr für die meisten Pendler keine Alternative. Ein neuer Mobilitätsreport nennt die Gründe.

Noch nie pendelten so viele Menschen zur Arbeit wie heute. Was sie auf Straße und Schiene treibt? Teure Mieten in den Städten und Rekordbeschäftigung. Der Anteil der Beschäftigten, die zum Teil lange Wege zum Arbeitsplatz und zurück in Kauf nehmen, ist 2017 um 0,2 Prozentpunkte auf einen neuen Rekordwert von 59,4 Prozent gestiegen.

Damit wuchs die Zahl der Pendler von knapp 18 auf 18,4 Millionen. Nur in Belgien, den Niederlanden, Schweden, Dänemark und Großbritannien ist der Pendler-Anteil höher.

Doch wie lange pendeln Berufstätige konkret zur Arbeit? In welchen Regionen in Deutschland wird am meisten gependelt? Und wie stehen Autopendler zu Alternativen wie dem öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV)?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Online-Jobplattform Stepstone gerade in einem umfassenden Mobilitätsreport, der am 24. April veröffentlich werden soll. Für diese Studie wurden 20.000 Fach- und Führungskräfte sowie 4000 Recruiter befragt. Dem Handelsblatt liegen exklusiv erste Ergebnisse vor – es geht um die Reaktion der Pendler auf die Diesel-Fahrverbote. Denn kaum hat das Bundesverfassungsgericht ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge mit Euro 5- und Euro-6-Norm in Innenstädten grundsätzlich für zulässig erklärt, wird über mögliche Alternativen für Autopendler debattiert. Der Mobilitätsreport macht sehr deutlich, welche Relevanz Mobilität für Fach- und Führungskräfte in Deutschland hat: Zwei von drei Berufspendlern ziehen das Auto eindeutig öffentlichen Verkehrsmitteln vor. Nur 18 Prozent derjenigen Fach- und Führungskräfte, die täglich mit dem Pkw zur Arbeit fahren, können sich vorstellen, auf den ÖPNV umzusteigen.

Über die Gründe für ein Nein zum ÖPNV ist sich der überwiegende Teil deutscher Autopendler einig: Nur fünf Prozent der Fach- und Führungskräfte finden öffentliche Verkehrsmittel zu teuer, den fehlenden Komfort kritisiert sogar kaum jemand (ein Prozent). Entscheidend sind für Berufspendler stattdessen zwei andere Aspekte: Mehr als jedem Zweiten dauert die Fahrzeit zwischen Wohn- und Arbeitsort per Bus und Bahn einfach zu lange. Auch die Flexibilität ist für 23 Prozent der Befragten ein Plus, das in ihren Augen nur das Auto bietet.

Der Report zeigt auch, wie viel Zeit Fach- und Führungskräfte für ihren Weg zur Arbeit täglich investieren. Mehr als jeder dritte Berufspendler ist täglich bis zu 30 Minuten für eine Strecke unterwegs. 21 Prozent pendeln bis zu 45 Minuten am Tag, immerhin noch 15 Prozent nehmen bis zu 50 Minuten Fahrzeit in Kauf. „Fach- und Führungskräfte sind grundsätzlich bereit, täglich auch längere Strecken für den Job zurückzulegen. Mobilität ist entscheidend für einen funktionierenden Arbeitsmarkt. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass aus Sicht von vielen Berufstätigen derzeit keine Alternative zum Auto existiert“, sagt Sebastian Dettmers, Geschäftsführer bei Stepstone.

Dabei ist Pendeln eigentlich total unbeliebt. Den einen nervt der Stau, den anderen das Warten am zugigen Bahnhof, den dritten die Nähe der riechenden oder redenden Menschen. Kein Wunder, dass es Dutzende Studien gibt über die gesundheitlichen Folgen des Pendelns: Es stresst, macht krank und unglücklich.

Das US-Forschungsinstitut Gallup befragte vor einigen Jahren mehr als 170.000 Amerikaner. Das Ergebnis: Von Pendlern, die täglich über 90 Minuten unterwegs waren, litt jeder Dritte unter Nacken- oder Rückenproblemen. Der britische Stressforscher David Lewis wiederum maß für eine Studie fünf Jahre lang den Blutdruck und die Herzfrequenz von 125 Pendlern. In belastenden Situationen stieg deren Stresspegel nicht nur stärker als der von Kampfpiloten. Sie vergaßen häufig sogar Teile ihres Weges zur Arbeit – die sogenannte „Pendler-Amnesie“.

Und der renommierte Schweizer Ökonom Bruno Frey kam zu dem Ergebnis: Wer für den Weg zur Arbeit eine Stunde benötigt, müsste theoretisch 40 Prozent mehr verdienen, um genauso glücklich zu sein wie jemand, der seinen Job direkt um die Ecke hat.

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