Naturkatastrophen Was bedeutet der Klimawandel für die Versicherer?

2017 war ein teures Jahr für die Versicherer - die Rückversicherer kamen gut zurecht. Wie kommt das? Ein Blick in die Zukunft.

Naturkatastrophen haben das vergangene Jahr 2017 für die Versicherer teuer werden lassen. Der Klimawandel kann die Naturkatastrophen heftiger und häufiger ausfallen lassen. Quelle: dpa

Hannover
Wirbelstürme, Überschwemmungen, Dürren, Erdbeben, Tsunamis – die Liste möglicher Katastrophen ist lang. Die globale Erwärmung könnte vieles noch verschlimmern, Naturkatastrophen könnten häufiger auftreten. Mit der Furcht vor diesen Ereignissen verdienen Rückversicherungskonzerne prächtig. Aber kann es passieren, dass die Schäden überhandnehmen und das Geschäftsmodell auf Dauer nicht mehr funktioniert – oder treibt die Angst vor der jeweils nächsten Katastrophe den Unternehmen neue Kunden zu?

„Der Klimawandel hat uns in den letzten 20 Jahren in der Rückversicherung nicht unerwartet stark getroffen“, sagt Ulrich Wallin, Chef des weltweit drittgrößten Rückversicherers Hannover Rück. Unsicher bleibt die künftige Entwicklung. Nähme die Häufigkeit von Stürmen vergleichsweise kurzfristig und nachhaltig zu, würde dies zu Verlusten bei den Rückversicherern führen. „Die Preisgestaltung ist nicht auf stark steigende Schadenlast eingestellt, dann würden Rückversicherer sicher Geld verlieren“, erklärt Wallin.

Dabei steht das Katastrophenjahr 2017 mit den Hurrikanen „Harvey“, „Irma“ und „Maria“ für den Manager in einer Reihe mit dem Horrorjahr 2005 mit den Wirbelstürmen „Katrina“, „Rita“ und „Wilma“ sowie 2011 mit dem Tsunami in Japan, einem schweren Erdbeben in Neuseeland und Überschwemmungen in Thailand. In den Daten des weltgrößten Rückversicherers Munich Re gibt es nur drei Jahre, in denen die versicherten Naturkatastrophen-Schäden inflationsbereinigt mit über 100 Milliarden Dollar zu Buche schlugen – und diese sämtlich binnen der vergangenen 13 Jahre. 2017 waren es 135 Milliarden Dollar.

Klima-Fachleute des Münchner Konzerns sehen in den Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte zwar keinen Beweis, aber starke Indizien für die Auswirkungen des Klimawandels. „Bei den Hurrikanen ist es wohl so, dass die Windstärke nicht vom Klimawandel geprägt ist, die Wassermenge allerdings schon“, sagt Munich-Re-Finanzchef Jörg Schneider. So sei die Wassertemperatur 2017 besonders hoch gewesen, was zu starken Regenfällen führte. Die Sturzbäche, die mit den Wirbelstürmen über die USA und Inseln in der Karibik hereinbrachen, lösten einen Großteil der Schäden aus.

Zu der steigenden Zerstörungskraft kommt dabei der Zufall, wie Munich-Re-Rückversicherungsvorstand Torsten Jeworrek immer wieder erläutert: Der eine Hurrikan weiß nichts davon, ob gerade ein anderer an einer stark besiedelten Küste auf Land getroffen ist. Und er ahnt nicht, ob er arme, kaum versicherte Menschen in Holzhäusern erwischt - oder eine hoch entwickelte, hoch versicherte Millionenstadt.


Der Klimawandel kommt schrittweise

Dabei geschehen die Entwicklungen beim Wetter als Folge des Klimawandels schrittweise und nicht sprunghaft. „Damit kann auch die Preisgestaltung für das Naturkatastrophenrisiko graduell angepasst werden“, erklärt Wallin. Rückversicherer, aber auch Erstversicherer wie Allianz und Axa müssen ihre Prämien so kalkulieren, dass diese im mehrjährigen Durchschnitt die Aufwendungen für Schäden, Verwaltung und Vertrieb abdecken – und am Ende ein Gewinn übrig bleibt.

Weil die Schäden von 2012 bis 2016 vergleichsweise gering blieben, sitzen vor allem die großen Rückversicherer Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück auf dicken Kapitalpolstern. Daher ist das Angebot an Rückversicherungsschutz riesig, getrieben auch von Großanlegern wie Pensionsfonds, die über Katastrophenanleihen etablierten Anbietern Konkurrenz machen. Preiskampf macht Rückversicherungsschutz billiger – und für die Konzerne weniger rentabel. Erst die Katastrophen von 2017 leiteten jetzt eine Preiswende ein.

Bei der Neuverhandlung der Rückversicherungsverträge zum Jahreswechsel konnten die Rückversicherer in schadenbelasteten Regionen die Prämien um zweistellige Prozentsätze anheben. Teils habe man die Preise sogar verdoppeln können, sagt Munich-Re-Manager Schneider. Im gesamten Schaden- und Unfallgeschäft gelang den Münchnern aber nur eine Preiserhöhung um 0,8 Prozent, die Hannover Rück konnte 1,4 Prozent durchsetzen. Und Wallin peilt für 2018 wieder über eine Milliarde Euro Gewinn an.

Wie der Klimawandel das Wetter verändert und mit welchen Schäden zu rechnen ist, kann aber auch er schwer vorhersagen: „Wir haben sicherlich eine steigende Zahl von Flutschäden und auch Hagel.“ Winterstürme in Europa hätten sich jedoch zuletzt eher lokal ausgewirkt. Ein Zusammenhang mit der Erderwärmung lässt sich daraus schwer ablesen. Dennoch: „Wir sehen starke Indizien dafür, dass mindestens in manchen Regionen der Welt und bei manchen Gefahren veränderte Wettermuster - Stichwort Klimawandel - sich heute schon mindestens teilweise in den Daten bemerkbar machen“, sagte Munich-Re-Klimaexperte und Geophysiker Ernst Rauch erst unlängst.

Dabei haben die Menschen in ärmeren Weltregionen ihre Häuser und Betriebe bisher oft kaum versichert. Vor allem der weltweit zweitgrößte Rückversicherer Swiss Re wirbt seit langem dafür, die Versicherungsdichte in Schwellen- und Entwicklungsländern zu erhöhen. Das würde im Katastrophenfall nicht nur den Menschen helfen, für Rückversicherer täten sich neue Einnahmequellen auf. Und sie könnten ihre Risiken besser streuen.

Denn große Gefahren sind die Existenzberechtigung der Branche. Selbst stark zunehmende Großschäden würden die Rückversicherer nicht bedrohen, sagt Wallin: „Wenn es jedes Jahr einen Sturm gibt, der in einer bestimmten Region einen Schaden von zehn Milliarden Euro erwarten lässt, dann ist das eigentlich nichts, was ich versichern kann. Versichern kann ich nur die Unsicherheit.“

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