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Neues Buch von Evi Hartmann Wo sind die Macher geblieben? Über eine Elite ohne Ambition

Glaubt man der BWL-Professorin Evi Hartmann, leben wir in einer Luschen-Gesellschaft. Gerade ist ihr Buch „Ihr kriegt den Arsch nicht hoch! Über eine Elite ohne Ambition“ erschienen - eine Streitschrift gegen die Faulheit.

Statt ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, verweigern sich immer mehr Talente im Job, wettert die BWL-Professorin Evi Hartmann in ihrem neuen Buch. Quelle: Getty Images

Bonn„Was? Auch das noch?“, „Wir haben noch genug anderes zu tun!“, „Muss das jetzt sein?“, „Heute nicht, morgen vielleicht.“ Sprüche, die sich die Laborleiterin eines Pharmaunternehmens von ihren Mitarbeitern ständig anhören muss. Das kommt Ihnen bekannt vor? Dann sind Sie bei der Pseudo-Elite, über die Evi Hartmann ein wütendes Buch geschrieben hat.

Pseudo-Elite ist, verkürzt gesagt, eine Elite ohne Leistungsethos. Menschen also, die von ihren Voraussetzungen, Qualifikationen und Fähigkeiten her durchaus in der Lage wären, die gestellten Aufgaben zu erledigen, dieses jedoch nicht tun. Sie leiden auch nicht darunter, dass sie es nicht tun.

Die Pseudo-Elite oder auch der Elitist ist, so definiert es Hartmann, ein Produktivitäts- und Effizienzkiller, eine „Weapon of Mass Destruction, die „durch ihre Leistungsverweigerung neben der Produktivität auch Arbeitsklima, Motivation, Teamgeist, Beziehungsqualität und Commitment zerstört“, indem sie andere angreift und bei der Arbeit behindert.

Auf der anderen Seite skizziert sie das Ideal der Leistungs-Elite, zu der sich die Autorin, erfolgreiche BWL-Professorin und vierfache Mutter, selber auch zählt. Hartmann meint damit jedoch nicht „Die da oben“, also Politiker, Akademiker, CEOs, Millionäre und Nobelpreisträger, sondern ersetzt die soziografische Definition durch ein eigenes Begriffsverständnis von „Elite“. Evi Hartmann geht es um ehrliche Leistung - und die könne jeder erbringen, ob er nun Azubi, junger Vater in Teilzeit oder Chefin eines Dax-Konzerns ist. „Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, welche Position in der Hierarchie eines Unternehmens sie einnehmen oder welcher sozialen Schicht sie angehören“, erklärt Hartmann. „Zur Leistungselite zählen alle, die ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten ausschöpfen, die vollen Einsatz zeigen und Überdurchschnittliches vollbringen.“

Die Kernfrage, die sich Evi Hartmann stellt: Wo sind die Macher geblieben, die immer mit anpacken und gerne die Extra-Meile gehen? Statt dessen sieht sie eine Menge intelligenter und gut ausgebildeter junger Menschen, die Status und Geld, aber keine Anstrengung und bloß nicht zu viel Verantwortung im Job wollen. „Posen statt Performen: Eine Pseudo-Elite, vermeintliche Säule der Zukunftsgesellschaft, ist selbstzufrieden, gierig und überschätzt sich maßlos selbst“, so ihr Urteil.

Die wahre Leistungselite, beobachtet die BWL-Professorin, würde immer kleiner. Stattdessen breite sich „epidemieartig" eine Kultur der Drückeberger aus, gut getarnt als Work-Life-Balance. „Wie kann es sein“, fragt sie, „dass sich in Zeiten riesiger wirtschaftlicher und politischer Herausforderungen immer mehr Menschen zurücklehnen statt anzupacken?"

Hartmanns Buch, das der Campus-Verlag als einen „Aufruf für ein neues Leistungsethos und ein verschärftes Leben" deklariert, zeichnet ein düsteres Szenario und wirft eine besondere Kontroverse auf. Die Dichotomie zwischen den normalen, vernünftigen, leistungsorientierten Menschen auf der einen Seite und den bösen Leistungsverweigerern, die sich für etwas Besseres halten, drüben in der Schmuddelecke. Gleichwohl gibt Hartmann sich redlich Mühe, nicht abwertend oder gar beleidigend zu sein.

Das Wort „faul" oder „Faulheit“ benutzt sie kein einiges Mal. Sie widmet den Minderleistern sogar ein eigenes Unterkapitel mit dem Titel „Elitisten sind auch nur Menschen“ und beschäftigt sich darin mit Motiven und Ursachen der Leistungsvermeidung. Ihr Fazit: Elitismus ist kein Charakterzug, sondern ein Zustand. Die „Leistungsindolenten" handeln meist weder vorsätzlich noch in böser Absicht. Hartmann: „Menschen werden zu Elitisten, weil sie die Kritik von anderen dazu treibt, oder ihr schwaches Ego, der Leistungsdruck, der hedonistische Lifestyle oder die Überforderung.“

Natürlich ist die Auseinandersetzung um das Nichtstun kein neues Phänomen. In der Antike galt die Muße (im Sinne von Kontemplation) sogar als erstrebenswertes Ideal. Oder denken wir an die Aristokraten des 18. Jahrhunderts, an die „Edlen“, die nichts taten, außer das Privileg zu genießen, Besitz zu haben, ohne dafür etwas tun zu müssen.

Der Philosoph Paul Lafargue, Schwiegersohn von Marx, hat 1880 gar das Recht auf Faulheit proklamiert; in Deutschland erst spät wiederentdeckt durch die 68er-Bewegung.

Ihr Buch endet nach acht Kapiteln im Grunde mit einem Appell an die Leistungswilligen, die Vormundschaft zu übernehmen für die Arbeitsvermeider. Denn wer leistet, stehe quasi auch in der Pflicht, auch das zu leisten: „Lehre die Unbelehrbaren“, heißt es und Hartmann spricht kämpferisch von der „Entelitisierung“.

Nicht von oben herab, sondern vorwurfsfrei und sachlich, beharrlich, geduldig, deeskalierend und betont diplomatisch. Etwa indem man den Kollegen auf sein Verhalten anspricht, ihm Konsequenzen in der Zusammenarbeit deutlich macht und wenn gar nix mehr hilft, darf sogar in die Trickkiste psychologischer Manipulation gegriffen werden.

Letztlich heiligt der Zweck für Evi Hartmann auch dieses Mittel. Denn: „Nichts zu sagen, macht es ganz sicher schlimmer.“ Auch der Faule sei lernfähig und „man kann den (jungen) Leuten Leistung wieder beibringen“, schließlich mangle es nicht an Fleiß oder der nötigen Disziplin, sondern: „Es mangelt an Verständnis dafür, dass Leistung etwas Schönes ist, Anerkennung findet, sich lohnt, ein gutes Gefühl macht, die anstehenden Aufgaben erledigt, das Selbstwertgefühl festigt und steigert, den Status hebt, Respekt verschafft.“

Sie ist überzeugt: „Nur Leistung ermöglicht Erfüllung und Glück- und „macht mehr Sinn als Chillen.“

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