Notenbanken in Dänemark und der Schweiz Im Nullzins-Sog der EZB

Die Notenbanken in Dänemark und der Schweiz können sich dem Einfluss des Euro-Raums nicht entziehen. Sie gehen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Problem um, aber beide geraten mit den Zinsen tief ins Minus.

Der Chef der dänischen Notenbank hat nur ein Ziel: Die Anbindung an den Euro aufrecht zu erhalten. Quelle: imago/Dean Pictures

FrankfurtLars Rohde hat es beneidenswert einfach. Der Chef der dänischen Notenbank muss sich nicht mit Inflationszielen herumschlagen. Er braucht weder die dänische Konjunktur noch den Arbeitsmarkt in aller Tiefe zu analysieren. Denn er sagt: „In Dänemark hat die Geldpolitik nur ein einziges Ziel, und das ist, die Anbindung an den Euro aufrecht zu erhalten.“ Diese Tradition gibt es seit 35 Jahren, und niemand stellt sie infrage. Vor dem Euro war die D-Mark der Anker für die Krone.

Es gibt keine offizielle Definition, wie eng die Anbindung sein soll. Meist schwankt der Kurs um 7,43 und 7,44 Kronen für einen Euro, ganz selten ging es in den vergangenen zehn Jahren höher auf rund 7,47 Kronen je Euro.

Klar ist: Wenn sich der Währungskurs verschiebt, dann wird die Notenbank sofort aktiv. Und wie Rohde deutlich macht, hat er unbegrenzte Möglichkeiten, den Kurs stabil zu halten. Wenn die Krone abzuschmieren droht, kauft er seine eigene Währung. Wenn das zu sehr die Devisenvorräte aufzehrt, kann er die Zinsen theoretisch unbegrenzt erhöhen. Umgekehrt: Wenn die Krone zu stark wird, kann er mit den Zinsen zwar nicht beliebig nach unten gehen. Aber er kann unbegrenzt Kronen schöpfen, Geld drucken sozusagen, und auf den Markt werfen.

Doch der Preis, den Kurs stabil zu halten, ist hoch. So liegt der Einlagenzins der dänischen Notenbank bei minus 0,65 Prozent, und damit noch niedriger als der der EZB mit minus 0,4 Prozent. Zuvor waren die Dänen sogar bei minus 0,75 Prozent. Nur so können die dänischen Währungshüter den Kurs stabil zu halten, ohne neue Kronen zu produzieren. Weil das Land und damit der Kapitalmarkt klein ist, entsteht schnell ein Aufwärtsdruck für die Währung, wenn sich nicht mehr alle Investoren im großen, angrenzenden Euroraum wohlfühlen. Damit der Kur stabil bleibt, muss der Zins dort, ähnlich wie in der Schweiz, noch niedriger liegen als in der Eurozone.

Rohde und seine Landsleute nehmen das in Kauf. „In Dänemark können die Zinsen wahrscheinlich tiefer sinken als in vielen anderen Ländern, weil Bargeld nicht mehr so stark genutzt wird“, sagt der Notenbankchef gegenüber dem „Handelsblatt“.

Die enge Anbindung an den Euro hat aber noch mehr Nebenwirkungen. Sie führt dazu, dass die Notenbank auf den starken Anstieg der Immobilienpreise nicht reagieren kann. Das ist auch nicht Rohdes Auftrag, die Finanzaufsicht ist getrennt von der Notenbank. Trotzdem beruhigt es auch ihn, dass die dänischen Steuergesetze ab 2021 wieder zur Dämpfung des Preisanstiegs beitragen. Dann läuft eine Regelung aus, die den Markt eher beflügelt, weil die Steuern bei steigenden Preisen nicht mitklettern. Der Notenbankchef mahnt aber zusätzlich Beschränkungen bei der Vergabe von Baudarlehen an.


Schweizer legen mehr Wert auf Unabhängigkeit als Dänen

Warum nehmen die Dänen nicht gleich am Euro teil, wenn sie sich daran binden? „Das Paradox ist, dass die Anbindung aus jeder Ecke des Landes Unterstützung findet“, sagt Rohde. „Das ist nicht logisch, aber so ist es“, fügt er hinzu. Allerdings hat sich ja bewährt, dass die Dänen trotz der Ankoppelung an den Euro formal ihre eigene Währung behalten haben: So hatten sie mit der Eurokrise zwar in Form von Kapitalzuflüssen zu tun, aber weniger mit den daran hängenden politischen Problemen.

Die Schweizer legen noch mehr Wert auf Unabhängigkeit. Bei ihnen liegt der Leitzins bei minus 0,75 Prozent. Für eine Weile hatte die Schweizer Nationalbank sich de facto an den Euro gekettet, um eine zu starke Aufwertung der eigenen Währung zu verhindern. Im Januar 2015 hob sie diese Bindung relativ überraschend auf. Immer noch wird die Aufwertung des Franken aber auch dadurch in Schach gehalten, dass die Nationalbank angekündigt hat, im Notfall auch weiterhin in unbegrenztem Maß zu intervenieren, wie ihr Präsident Thomas Jordan vor kurzem in Frankfurt erläutert hat. Das heißt: Die Nationalbank würde noch mehr Euro-Papiere aufkaufen, obwohl ihre Bilanzsumme schon deutlich größer ist als die jährliche Wirtschaftsleistung. Das weckt Begehrlichkeiten, wie Jordan darlegte: Einzelne Politiker würden der Notenbank gerne vorschreiben, wo sie zu investieren hat.

Obwohl in der Schweiz Bargeld nach wir vor gerne genutzt wird, ist der Notenbankchef überzeugt, dass er im Notfall die Zinsen noch weiter absenken könnte. Diese Aussage ist auch für die Eurozone interessant und bis zu einem gewissen Grad beunruhigend, weil dort die Zinsen noch nicht ganz so weit im Minus stecken. Es könnte theoretisch noch tiefer gehen, auch wenn im Moment nichts darauf hindeutet.

Die Beispiele Dänemark und Schweiz zeigen: Egal, wie man es macht, freischwimmen können Nachbarländer der Eurozone mit kleinen Währungen sich nicht von der großen europäischen Einheitswährung. Sie haben nur die Wahl, welche Probleme sie im Tausch für diejenigen akzeptieren wollen, die sie als Mitglieder der Währungsunion möglicherweise hätten, wie die letzte Krise vor Augen geführt hat.

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