Nutzloser Arbeitsweg Pendler sollten öfter zu Hause arbeiten

Von Beschäftigten wird erwartet, immer erreichbar und vernetzt zu sein. Doch in Wirklichkeit gibt es etwas, das ihre Produktivität ziemlich stark und auf subtile Weise beeinträchtigt – ihr täglicher Arbeitsweg.

Berufspendler haben viel weniger Freizeit Quelle: dpa

Die Sache mit dem Pendeln ist keine Spirituelle, die Fragen zu Partnerschaft und Liebe beantwortet. Sie ist eine Existenzielle. Gebe ich im Internet „Pendeln macht...“ ein, ergänzt die Suchmaschine Google binnen Millisekunden automatisch den Satz und schlägt mir vor: „Pendeln macht krank“, „Pendeln macht müde“, „Pendeln macht unglücklich“ und - ich glaube, hier irrt die Maschine allerdings gewaltig – „Pendeln macht schlank.“

Bevor wir uns gleich mit den Studienergebnissen von Regus beschäftigen (die, wenn man ehrlich ist, nun keine brandheiße Neuigkeit sind), möchte ich Ihnen meine innere Einstellung zum Thema Arbeitsweg mit auf den Weg geben. Die geht so und stammt mutmaßlich von Alf (Sie erinnern sich? Alf ist der Außerirdische, der in einer US-Sitcom mit einem Raumschiff in der Garage der Familie Tanner bruchlandet): „Was nützt es, über verschüttete Milch zu jammern!“

Heißt: Ich habe vor ziemlich genau anderthalb Jahren damit aufgehört, mich über die permanenten Verspätungen der Bahn aufzuregen, nachdem es mich über vier Jahre lang fast wahnsinnig und krank gemacht hat. Es war ganz einfach. Eine Entscheidung in meinem Kopf, die auch im Stau funktionierten dürfte, wenn man nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern mit seinem eigenen Auto ins Büro kommt. Sich über Verspätungen aufzuregen, die man damit doch sowieso nicht beeinflussen kann, ist eine masochistische Zerstörung von Lebensenergie.

So überstehen Sie das Pendeln
Die Deutschen sind eine Pendler-Nation Quelle: dpa
Die leeren Waggons findenEin ICE ist auf vielen Strecken nicht genug - dann spannt die Bahn zwei vollständige ICE hintereinander. Das ist die "Doppeltraktion", erklärt @pendlomator. Der Profi-Pendler und Twitterer rät, beim Einsteigen entweder ganz ans Ende oder ganz an den Anfang des Zuges zu gehen, auch wenn das einen Fußmarsch von einiger Länge auf dem Gleis erfordert. Diese Mühe sparen sich viele. "Deswegen sind in den Waggons weniger Menschen, das heißt mehr Ruhe, also angenehmeres Reisen." Quelle: AP
Waggon richtig wählen Wählen Sie bei der Reservierung den Waggon , der beim Aussteigen den kürzesten Weg zum Taxistand hat, empfiehlt, Sascha Hüsing, der seine Reiseerlebnisse in dem Blog im-zug-unterwegs.de niederschreibt. Im Kopfbahnhof Frankfurt wäre das der vordere Waggon, bei Bahnhöfen wie Hamburg oder Düsseldorf eher mittig gelegene Waggons. Das spart Zeit und lange Fußmärsche. Quelle: dpa
Eine clevere Bahnhofswahl treffenDer vermeintliche Startbahnhof der Reise ist nicht unbedingt immer die beste Wahl, um bei vollen Zügen einen Sitzplatz zu ergattern. Es lohnt sich, gegen die Fahrtrichtung eine Station mit S-Bahn oder Regionalexpress zurückzulegen, raten Profipendler. Das funktioniert in Berlin beispielsweise mit den Stationen Gesundbrunnen oder Ostbahnhof, in Hamburg mit Altona und Dammtor und in Frankfurt mit Fernbahnhof oder gar Darmstadt und Marburg. Quelle: dpa
Hauptsache vorankommenWer keine Direktverbindung hat, ist von Verspätung oft noch ärger betroffen, da die Anschlusszüge nicht warten. Profipendler @pendlomator rät deswegen als eiserne Regel: "Strecke machen. Grundregel bei verspäteten Zügen: Nimm das erste, was fährt." Das bedeutet auch, gegebenenfalls die Reservierung verfallen zu lassen und in den nächsten Zug zu steigen, der einem dem Ziel näher bringt, wenn schon nicht ganz dorthin. Verspätungen können sich auch noch auf dem Bahnsteig verlängern und der Zug, der einen zumindest etwas näher bringt, ist fort. Quelle: dpa
Mit dem leider alltäglichen Horror umgehenFür die Lokführer ist es am schlimmsten. Die schnellen ICE werden immer wieder von Menschen gewählt, um sich das Leben zu nehmen. Die Personalunfälle, kurz PU, erfordern den Einsatz von Rettungskräften, auch wenn diese in der Regel nichts mehr ausrichten können. Auf den Ablauf des Schienenverkehrs haben diese Vorfälle eine große Auswirkung. Die Verspätungen, die ein PU auf dieser Strecke verursachen, gehen schnell auf mehr als 120 Minuten. Die Bahn leitet dann nachfolgende Züge um. Das nimmt jedoch deutlich mehr Fahrtzeit in Anspruch. Pendler Hüsing rät, möglichst mit Geschick und Einfühlungsvermögen von den Zugbegleitern zu erfahren, wie lange der Unfall her ist und dann zu entscheiden. Ist der PU länger als zwei Stunden her, dann keine Umleitung fahren. Die Schwierigkeit liegt darin, den Zeitpunkt zu erfragen. Quelle: dpa
Den Zub und Twitter fragenDie Zugbegleiter, kurz Zubs, sind die Überbringer der schlechten Nachricht. Im Zug müssen sie - kaum besser informiert als die Passagiere - mitteilen, dass eine Verspätung anfällt und wie lange es noch dauert. Alle Profi-Pendler raten deshalb zur Höflichkeit gegenüber den Mitarbeitern. Auch wenn sie die Bahn in dem Moment vertreten - für die Ursache können sie nichts. Als Informationsquelle empfiehlt der twitter-Pendler @pendlomator auch diesen Kurznachrichtendienst. Entweder über das Social Media Team der Bahn oder Menschen an Bahnhöfen bekommt man so bisweilen früher Infos über die Ursachen einer Verspätung als vom Zugbegleiter. Quelle: dpa
Ruhe bewahren!Ruhe ist schwer zu finden in einem überfüllten Zug. Pendler Hüsing setzt auf Kopfhörer mit Noise-Cancelling, die Umgebungsgeräusche ausblenden, selbst wenn keine Musik spielt. Quelle: dpa
Bodenhaftung behaltenSelbst in der ersten Klasse herrscht bei beliebten Verbindungen oft Gedränge. Und manchmal ist der Zug einfach voll. Überall. Dann heißt es, den richtigen Ort am Boden zu wählen. Die Profi-Pendler empfehlen den Platz neben der Tür. "An die Wand ohne den Ausströmer", rät Stella Pechmann, die früher als Mitarbeiterin der Bahn pendelte und heute für einen Autohersteller arbeitet und pendelt. Aus den Schlitzen kommt Luft, das könnte kalt werden. Ein Dreibein, so Pechmann, ist unter Umständen eine gute Idee, wenn man berufsbedingt ebenfalls öfter pendeln muss. Dann bleibt die Hose sauber und trocken. "Keine helle Kleidung!", ist deswegen Pechmanns Rat. Quelle: REUTERS
Handtuch-Sitzer austricksenWas dem deutschen Klischeetouristen am Swimmingpool des Urlaubshotels ist, um die Liege zu reservieren, ist dem ICE-Reisenden die Jacke, der seinen Platz sichern will, während er im Speisewagen sitzt. Pendlerin Stella Pechmann nutzt das aus. "Viele bleiben fast die ganze Zeit im Speisewagen. Ich setze mich hin. Notfalls muss ich aufstehen. Erfahrungsgemäß passiert das oft erst kurz vor deren Zielbahnhof." Doch wie erkennt man, ob ein Fahrgast nur kurz auf Toilette oder lang im Speisewagen verweilt? Pechmann erkennt es oft an der Anordnung der Jacken und spätestens die Mitreisenden weisen sie daraufhin, dass da besetzt sei und die Mitfahrer nur im Speisewagen seien. Erst mal hinsetzen gilt auch für reservierte Plätze. Sitzplatzlotto nennt das Sascha Hüsing, der oft genug erlebt hat, dass die reservierten Plätze nicht genutzt wurden. Quelle: dpa
Den Mönch in sich weckenFlugverspätungen, Stau auf der Autobahn - Reisen bedeutet heute oft Stress. Und bei der Bahn sind Verspätungen an der Tagesordnungen ebenso wie Zugausfälle und geänderte Wagenreihungen. Und manchmal kommt alles zusammen. Dann geht gar nichts mehr. Für Pendler Hüsing gibt es nur eine Möglichkeit: „Sich der Gegebenheit hingeben und es einfach zulassen, denn so spart man definitiv Nerven und Stress.“ Quelle: dpa

Stattdessen besteige ich in der Regel um 8.21 Uhr den Zug, schotte mich mit meinen Kopfhörern von der Außenwelt ab, lese Bücher, die ich rezensieren muss (momentan übrigens gerade von Robert Wringham „Ich bin raus - Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“ – wie passend) oder bearbeite schon die ein oder andere Arbeits-Mail, denn der Chef ist ja immer wach. Sogar Texte kann ich als Digitalnomadin von unterwegs aus – Cloud sei Dank – schreiben.

Damit gehöre ich allerdings, jetzt sind wir wieder bei der Regus-Studie, zu einer kleinen Minderheit (17 Prozent), die den Arbeitsweg auch als sinnvolle Arbeitszeit für sich nutzt. Der viel größere Teil der Beschäftigten überall auf der Welt ist ziemlich genervt von der Pendelei und betrachtet die tägliche Fahrt ins Büro und wieder nach Hause als massive Beeinträchtigung der Produktivität.

Steuertipps für Pendler

Regus ist übrigens ein Anbieter von flexiblen Arbeitsraumlösungen, dürfte also hocherfreut sein über solche Empfindungen aus der arbeitenden Bevölkerung. Verdient das Unternehmen doch ganz gut daran, überall auf der Welt Büros und Co-Working-Spaces zu vermieten. Laut Regus also ist für eine Vielzahl der Befragten der Arbeitsweg weder effektive Arbeits- noch angenehme Freizeit, sondern vielmehr ein Hindernis, um sich nützlicheren oder unterhaltsameren Dingen zu widmen.

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