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OECD-Studie zur Zukunft des Arbeitsmarktes Digitalisierung gefährdet Millionen von Jobs

Sind Digitalisierung und KI Job-Fresser? Eine Studie der OECD sagt: Ja. Doch es gibt auch Hoffnung – wenn die Politik klug handelt.

Künstliche Intelligenz gefährdet hauptsächlich die Arbeitsplätze von Geringqualifizierten. Quelle: obs

DüsseldorfViele Menschen fürchten, dass Computer und Roboter ihre Jobs irgendwann überflüssig machen werden. Eine neue Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) legt nun nahe, dass diese Sorge nicht unbegründet ist: Etwa die Hälfte aller Arbeitsplätze der 32 Staaten, die an der Untersuchung teilgenommen haben, werden durch Algorithmen und Maschinen ganz oder teilweise bedroht, heißt es in dem Arbeitspapier zur Studie.

Das Risiko hängt dabei sowohl von der Branche als auch vom Standort ab. Etwa 14 Prozent der untersuchten Jobs werden als „hoch automatisierbar“ eingestuft. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Arbeit in Zukunft von Maschinen oder Programmen übernommen wird, bei mehr als 70 Prozent liegt. Dieses hohe Risiko betrifft OECD-weit über 66 Millionen Arbeitnehmer.

Bei weiteren 32 Prozent der Jobs liegt das Risiko, dass Automatisierung und Digitalisierung bedeutende Veränderungen im Arbeitsablauf mit sich bringen, bei 50 bis 70 Prozent. So würden dort vermutlich nicht alle, aber viele Aufgaben wegfallen.

Dabei wird die Entwicklung nicht alle Länder gleich hart treffen: In der Slowakei etwa ist ein Drittel aller Arbeitsplätze hoch automatisierbar, in Norwegen sind es jedoch nur sechs Prozent.

Generell sind nördliche OECD-Länder besser für den digitalen Umbruch der Arbeitswelt gewappnet als die südlichen. Doch mit Wohlstandsunterschieden hat das nicht unbedingt etwas zu tun. So sind deutsche Jobs deutlich gefährdeter als die Südkoreas, obwohl beide Länder vergleichbar wohlhabend sind.

Arbeitsplätze von Geringqualifizierten besonders gefährdet

Entscheidend sei eher, inwieweit die Jobs aus Routineaufgaben – die automatisierbar sind – oder sozialen oder kreativen Aufgaben bestehen, die nur schwer von Computern übernommen werden können. Fabrikarbeiter, Küchen- und Reinigungskräfte können in Zukunft also leichter von Maschinen ersetzt werden als Manager, Politiker oder Lehrer.

In diesem Fall unterscheide sich die Revolution 4.0 auf dem Arbeitsmarkt von bisherigen Umbrüchen, analysiert die Studie. Während die technischen und maschinellen Fortschritte in der Vergangenheit hauptsächlich die Mittelschicht betrafen, gefährden Digitalisierung und Künstliche Intelligenz hauptsächlich die Arbeitsplätze von Geringqualifizierten. Letztendlich zementiere sich so auch die steigende Lohnungleichheit, worauf auch eine Analyse der britischen Personalberatung Hays hinweist.

Laut OECD ist das wirksamste Mittel, um dem Jobverlust Einhalt zu gebieten, Bildung – vor allem auch die Fort- und Weiterbildung von Erwachsenen, die in gefährdeten Branchen arbeiten. Dabei müssten insbesondere die Geringqualifizierten ins Boot geholt werden: Gerade sie nähmen deutlich seltener an Bildungsmaßnahmen teil als Beschäftigte in weniger betroffenen Branchen.

Dabei können Fortbildungen das Risiko verringern, in einem Job zu verharren, der in Zukunft von Computern oder Maschinen ausgeführt werden kann, schreiben die Autoren und verweisen als positives Beispiel auf Deutschland. Dort suchten sich Arbeitnehmer in gefährdeten Branchen nach Weiterbildungsmaßnahmen für Stellen, die sicherer seien.

Ein Manko bleibe jedoch: Wer sich weiterbilde, erweitere meist nur sein Wissen im Beruf. In Zukunft dürfte aber mehr Mut nötig sein, um eine Branche, die auf dem absteigenden Ast ist, vollends hinter sich zu lassen, prophezeien die Forscher. Sie appellieren an die Länder, verstärkt in die Erwachsenenbildung zu investieren.

Ist die Digitalisierung also ein wahrer Jobfresser? Ganz so düster ist der Ausblick dann doch nicht. Zwar werden vor allem Fabriken in Zukunft stärker automatisiert sein, doch innovative Technik hat in der Vergangenheit mehr Arbeitsplätze erschaffen, als sie vernichtet hat.

Das zeigen beispielsweise Zahlen aus den USA: Im Februar 2017 hatten 145,8 Millionen Menschen in den USA einen Job – 205 Prozent mehr als 1970, als Computer noch in den Kinderschuhen steckten. Die Bevölkerung ist im selben Zeitraum nur um 58,8 Prozent gewachsen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis für Deutschland kommt eine Berechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB): In einer bis 2035 voll digitalisierten Arbeitswelt könnten in Deutschland fast 1,5 Millionen Jobs verloren gehen.

Es würden aber auch ähnlich viele Arbeitsplätze neu entstehen. Allein in der deutschen IT-Branche sollen es in diesem Jahr 42.000 Jobs sein, Fachkräfte werden händeringend gesucht. Unter dem Strich habe die Digitalisierung mit einem Verlust von etwa 60.000 Arbeitsplätzen insgesamt „kaum Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung“.

Dadurch, dass einfache Arbeiten wegfallen, stehen für die neuen Aufgaben sogar mehr Ressourcen zu Verfügung. Beispielsweise, weil Computer nun zeitintensive Berechnungen anstellen können, die vorher noch von Menschenhand erledigt werden mussten, bleibt mehr Zeit zum Überarbeiten, Testen, Interpretieren – die neue Arbeitswelt wird also immer produktiver.

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