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Partnerland der Hannover Messe Mexiko – Die Werkbank der USA sucht neue Märkte

Das Partnerland der Hannover-Messe lockt die Europäer mit niedrigen Löhnen und hohen Wachstumsraten – trotz der stetigen Querschüsse aus Washington.

Viele deutsche Firmen produzieren in Mexiko – und nutzen Maschinen aus heimischer Produktion Quelle: Ralf Baumgarten

Mexiko-StadtBeim Thema Qualität macht ABB auch in Mexiko keine Kompromisse. Ein gutes Dutzend Schweißnähte hält den aus zehn Teilen geformten Unterbau für die hintere Sitzbank eines Chevrolets zusammen. Die oberste Verbindungsnaht auf dem hellgrauen Stahlblech genügt aber nicht den Qualitätsansprüchen. Rau ist sie, leicht gewölbt und nicht präzise gesetzt.

Verantwortlich für das Malheur ist ein Industrieroboter des schwedisch-schweizerischen Industriekonzerns. Und so beugen sich ein Elektriker, ein Mechaniker und ein Ingenieur über die Fülle bunter Kabel im offenen Innenleben des Roboters, während daneben ein Softwarespezialist im Laptop nach einem Fehler in der Programmierung fahndet.

In der offenen und lichtdurchfluteten Halle mit Blick auf die nahe Bergkette der Sierra San Miguelito in San Luis Potosí erhalten die Roboter von ABB den letzten Schliff, bevor sie an die Kundschaft in den nahen Autofabriken ausgeliefert werden. Dort installiert, erledigen sie Tag für Tag vieltausendfach immer wieder die gleiche Arbeit – und dann auf den Punkt genau.

„Der Markt für Industrieroboter in Mexiko wächst gewaltig“, sagt Vicente Magaña, Geschäftsführer von ABB in dem Land, das im Aufwind des nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta nach Brasilien zur zweitgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas aufgestiegen ist. Der wesentliche Treiber ist die Autoindustrie: 21 Fabriken der zehn größten Hersteller haben sich mittlerweile angesiedelt. Besonders das Bajio profitiert davon, eine Region rund 350 Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt und an den Highways Richtung USA strategisch gut gelegen.

Mexiko ist mittlerweile der siebtgrößte Autohersteller der Welt mit 3,8 Millionen Fahrzeugen im Jahr. Schon in zwei Jahren will das Land zum fünftgrößten Produzenten von Pkw und leichten Lkw aufsteigen, die Marke von fünf Millionen Fahrzeugen fest im Blick. Bis zu 90 Prozent davon gehen in den Export, überwiegend gleich zum großen Nachbarn USA. Mexiko ist damit auch für die europäische Industrie ein lukrativer Markt, speziell für die deutsche. Aus gutem Grund wurde es in diesem Jahr als Partnerland für die Hannover-Messe ausgewählt, die am Sonntag eröffnet wird.

Auch die einstige Bergbaustadt San Luis Potosí profitiert vom Zulauf der Autobranche. Grund für ABB, sich hier anzusiedeln. GM produziert nur wenige Kilometer entfernt das Erfolgsmodell Silverado, Volkswagen lässt in der Nähe Motoren fertigen. Sieben größere Fabriken befinden sich in der Umgebung, dazu haben sich rund 850 Zulieferer gesellt.

Nähe zum Kunden

Mexiko lockt mit niedrigen Löhnen, die nicht einmal ein Zehntel des deutschen Niveaus erreichen. Trotzdem sind Automatisierungslösungen für eine effizientere Produktion hier ebenso gefragt wie in den anderen Autofabriken weltweit. Auch um die internationalen Qualitätsstandards zu erfüllen, werden digital vernetzte Produktionsbänder ebenso eingesetzt wie Industrieroboter, die die Rohkarossen zusammenschweißen und Teile der Montage übernehmen.

Für ABB, zweitgrößter Hersteller solcher Roboter nach Fanuc aus Japan, ist das ein gutes Geschäft. „Mexiko liegt noch im Mittelfeld, deutlich hinter Südkorea oder auch Deutschland“, sagt Magaña. „Aber die Wachstumsraten sind deutlich.“

2016 wurden im Land gut 6 000 neue Industrieroboter installiert, nachdem zahlreiche Autohersteller wie Audi, GM, Nissan oder auch Kia neue Werke aufgebaut oder Kapazitäten erweitert hatten. Das ist zwar noch wenig im Vergleich zu Deutschland mit rund 20 000 Einheiten jährlich, entspricht aber ungefähr dem Niveau Italiens.

Die Nähe zu den Kunden ist für ABB entscheidend: Im Werk in San Luis Potosí werden Roboter aus den ABB-Werken in den USA, Schweden oder China nach den Kundenwünschen programmiert und können von hier aus überwacht werden. Ziel ist es, bei vorausschauender Wartung vorher zu wissen, wann ein Ausfall droht. Diesen Service bietet ABB von hier aus für den ganzen Kontinent an.

Weniger auf Roboter als auf klassische Handarbeit setzt Steckerspezialist Harting aus dem ostwestfälischen Espelkamp, der im 160 Kilometer südlich gelegenen Silao vor knapp zwei Jahren eine kleine Fertigungsstätte für Kabel und Kabelbäume in einem weitflächigen Industriepark eröffnet hat.

Abnehmer sind Zulieferer für die Autoindustrie und Automatisierungsspezialisten, aber auch große Datenzentren der IT- und Internetbranche. Gut 50 Mitarbeiter bringen die zweifingerdicken Kabel auf die erforderliche Länge und statten sie mit Steckern aus. „Wir kommen hier an die Grenzen der Automatisierung“, sagt Amerikachef Jon DeSouza. „Bei Stückzahlen von zehn oder 15 Teilen ist noch viel Handarbeit nötig.“

Harting profitiert wie die anderen Firmen aus den USA, Asien und Europa von den niedrigen Löhnen, die in Mexiko gezahlt werden. Umgerechnet sieben Dollar pro Tag verdienen die meist jungen Frauen an den Arbeitstischen, die geschickt die Kabelstränge von überflüssigen Kunststoffschnipseln befreien, bevor die Normstecker damit verschweißt werden. Einer der sieben Ingenieure in dem Werk verdient etwa 15.000 US-Dollar im Jahr – sein Gegenpart im Harting-Werk im US-Bundesstaat Illinois dagegen 70.000.

Rund 80 Prozent der Kabel kommen in den US-Markt. Das ist die Quote, die im Durchschnitt für all die Industrieprodukte gilt, die in Mexiko hergestellt werden – ob Autos, Kühlschränke, Bauteile für Flugzeuge oder Züge. „Das wird sich auch nicht ändern“, ist DeSouza mit Blick auf die laufenden Verhandlungen zwischen den USA, Kanada und Mexiko über eine Neuordnung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta überzeugt.

Gelassenheit nach den ersten Schockwellen

Seit der Amtsübernahme durch Präsident Donald Trump drängen vor allem die USA auf bessere Bedingungen. Trump hatte das Nordatlantische Freihandelsabkommen, das seit 1994 existiert, mehrfach als Hauptgrund für den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen in der US-Industrie bezeichnet und bei einem Scheitern der Neuverhandlungen mit dem Ausstieg gedroht. In der Tat hat Mexiko dank niedriger Löhne und einer unternehmensfreundlichen Politik stark von Nafta profitiert. Tag für Tag passieren rund 70.000 schwer beladene Lastwagen die vielen Übergänge an der 3200 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko.

Der trilaterale Handel hat sich seit Inkrafttreten des Abkommens im Jahr 1994 auf rund 930 Milliarden Euro vervierfacht. Der Binnenmarkt der USA sowie von Kanada und Mexiko umfasst 460 Millionen Menschen und verfügt über eine gemeinsame Wirtschaftsleistung von umgerechnet rund 16,8 Billionen Euro.

Die US-Konzerne konnten durch die günstigen Einkaufsmöglichkeiten beim Nachbarn ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Je verbissener Trump den Freihandel kritisiert, umso energischer schütteln US-Manager deshalb den Kopf und verweisen auf die vielen Vorteile der geübten Arbeitsteilung. Darauf setzt auch Mexiko.

Nach den ersten Schockwellen ist in den Unternehmen und der mexikanischen Politik eine gewisse Gelassenheit zurückgekehrt. „Vor einem Jahr haben die USA gesagt: Nafta ist tot“, sagt der mexikanische Nafta-Verhandlungsführer Salvator Bahar. „Jetzt haben wir schon sieben Verhandlungsrunden hinter uns – und es geht weiter.“

Gleichzeitig bemüht sich das Schwellenland, neue Märkte zu erschließen. „Ja, wir sind zu abhängig von der Nafta“, räumt der Staatssekretär im mexikanischen Wirtschaftsministerium Rogelio Garza Garza ein. „Aber wir versuchen das zu ändern und stärker im Rest der Welt präsent zu sein.“

Mit 46 Ländern hat das lateinamerikanische Land mittlerweile Freihandelsabkommen erzielt und kann damit rund eine Milliarde Menschen zollfrei mit in Mexiko hergestellten Waren erreichen. Nach wie vor sind die USA der größte ausländische Investor des Landes. Doch machte der Anteil bislang stets über 50 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen aus, sank er im vergangenen Jahr auf unter 40 Prozent – auch weil andere Nationen mehr Geld ausgegeben haben.

So stiegen die ausländischen Direktinvestitionen 2017 gegenüber dem Vorjahr um gut elf Prozent auf knapp 30 Milliarden US-Dollar. Nach den USA waren die wichtigsten Industriepartner Kanada, Spanien und Deutschland. Die Exporte zum großen Bruder im Norden legten zwar in den vergangenen zehn Jahren weiter zu, aber längst nicht so stark wie die Ausfuhren nach Afrika, Asien oder Europa – mit Deutschland an der Spitze.

Auch deshalb ist die weltgrößte Industrieschau in Hannover für die mexikanische Wirtschaft von so großer Bedeutung. Politisch liegt man mit dem Wunsch nach offenen Märkten ohnehin auf einer Wellenlänge. Aber Deutschland ist auch wirtschaftlich ein wichtiger Ansprechpartner für die Mexikaner: Das Land ist innerhalb der EU der Haupthandelspartner. Zwischen 1997 und 2017 sind die mexikanischen Exporte nach Deutschland um 867 Prozent gestiegen, wie die staatliche Wirtschaftsagentur Pro México errechnet hat.

Aber auch als Technologielieferant und Investor ist die deutsche Industrie gefragt. Laut einer Umfrage der Deutsch-Mexikanischen Handelskammer Camexa wollen gut zwei Drittel der in Mexiko ansässigen Firmen im laufenden Jahr investieren. Das entspricht einem Plus von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Über 1 900 deutsche Firmen haben sich bislang dort niedergelassen. Sie beschäftigen 130.000 Mitarbeiter.

Wenn da nur nicht die wachsende Kriminalität wäre: Viele deutsche Unternehmen schätzen die Sicherheitslage zunehmend kritisch ein. Befragt, ob die verbreitete Kriminalität Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit habe, gaben elf Prozent an, diese sei für sie sehr relevant. Ende 2016 waren es noch sechs Prozent gewesen. Als „relevant“ bezeichnen das Thema derzeit 45 Prozent der Unternehmer. Tatsächlich hat sich die Sicherheitslage in Mexiko 2017 noch einmal dramatisch verschlechtert.

Knapp 300.000 Menschen wurden ermordet – 23 Prozent mehr als 2016. Die ganz überragende Zahl der Opfer starb bei Kämpfen des organisierten Verbrechens untereinander oder mit den Sicherheitskräften.
Wusste man früher, wo man sich sicher in Mexiko bewegen kann, verschwimmen diese Grenzen immer mehr. Es gibt inzwischen nur noch wenige Regionen, in die das organisierte Verbrechen seine Tentakel nicht ausgestreckt hat. Selbst das Bajio leidet mittlerweile unter einer steigenden Kriminalität.

Ausbildung als Anreiz

Auch Mittelständler Harting spürt die Bedrohung – lässt sich aber davon nicht entmutigen. Amerikachef DeSouza will in spätestens zwei Jahren seine Belegschaft vervierfachen – auf dann 200 Mitarbeiter. Doch diese langfristig an die Firma zu binden wird bei quasi Vollbeschäftigung in den Industriezonen des Landes zur Herausforderung. „Es ist nicht das Problem, Leute zu finden“, sagt DeSouza mit Blick auf eine junge Bevölkerung, deren Altersschnitt knapp über 25 liegt. „Die Kunst ist es, die Menschen zu halten.“

Dass die Hälfte der mühsam angelernten Arbeiter binnen eines Jahres den Arbeitgeber verlässt, ist keine Seltenheit. Dabei können schon minimal höhere Löhne und Gehälter bei einem Konkurrenten den Ausschlag für einen Wechsel geben.

Wie Harting versuchen viele deutsche Firmen mit Extrazahlungen, ihre Mitarbeiter zum Bleiben zu bewegen. Da werden Transporte zum Arbeitsplatz organisiert, es gibt ein warmes Essen in der Kantine, Zuschüsse zum Bau eines Hauses oder einmal in der Woche ein Lebensmittelpaket für die ganze Familie. Gerade deutsche Unternehmen locken zudem mit einer besseren Aus- und Weiterbildung.

Gefördert von der Bundesregierung und der Camexa wird in einigen Universitäten und Unternehmen nach deutschem Vorbild eine duale Ausbildung angeboten, eine Kombination aus Theorie und Praxis. „Die steht erst in den Anfängen“, sagt Bernd Noack, Mexikochef des schwäbischen Pneumatik- und Automatisierungsspezialisten Festo. Über seine Bildungssparte „Festo Didaktik“ bietet der Mittelständler entsprechende Ausbildungsgänge in mehreren Regionen des Landes an.

Zehntausend Ingenieurstudenten haben inzwischen eine duale Ausbildung durchlaufen – das ist rund ein Zehntel aller Absolventen von mexikanischen Hochschulen. „Bislang ist Mexiko vor allem die verlängerte Werkbank für den US-Markt“, sagt Festo-Manager Noack. „Doch das Land steht mittlerweile an der Schwelle zur Automatisierung, und dafür ist eine bessere Ausbildung notwendig.“

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