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Karriereleiter Corona und Aerosole: So machen Sie Büro und Team winterfit

Trimmen Sie Ihr Team rechtzeitig auf den Corona-Winter. Etwa mit einer messbaren Lüftdisziplin. Denn eins ist ja klar: Das Coronavirus kann in Aerosolen durch die Raumluft fliegen. Das könnte heikel werden.

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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Ich habe mir vor ein paar Tagen ein Set Thermounterwäsche gekauft. Atmungsaktiv, winddicht, mit Fleece gefüttert. Dabei habe ich weder vor, demnächst Ski zu fahren noch im Schnee zu wandern.
Nein, aber ich gehe einfach gerne mal auswärts Kaffee trinken. Und hoffe sehr, dass es unserer Gastronomie gelingen wird, auch in der kalten Jahreszeit Gäste anzulocken. Drinnen dürfte das für viele zu eklig und unhygienisch sein. Aber solange es draußen nicht stürmt oder regnet, kann man ja auch vor der Tür sitzen. Das habe ich vor.

Ich bin bereit, mich für die hoffentlich als Ausnahme-Winter in die Geschichte eingehende Saison 20/21 umzustellen. Auf warme Unterwäsche für meinen geliebten doppelten Espresso am Vormittag draußen. Auch bei klirrender Kälte.

Aber es gibt Momente im Leben, da kann man nicht in Thermounterwäsche Kaffee trinken. Da muss man arbeiten. Aber ich frage Sie: Warum nicht an den Schreibtisch in Thermounterwäsche?

Worauf ich hinaus will: Nach Meinung vieler Experten werden die Infektionen mit dem SARS-CoV2 in der kalten Jahreszeit wieder ansteigen. Es gibt überhaupt keinen Grund, die AHA-Regeln wieder sein zu lassen. Aber es gibt eben viele Konstellationen, da ist Homeoffice nicht möglich. Da müssen sich die Kollegen eben doch im Großraum treffen.

Und jetzt? In jeder Belegschaft wird das Thema Corona und wie wir uns alle davor schützen müssen, unterschiedlich bewertet. Einige werden jede Vorsichtsmaßnahme dankbar annehmen, andere werden dieses und jenes als übertrieben ansehen und vielleicht haben Sie ja auch Corona-Leugner und Verschwörungs-Anhänger im Team, die etwa Maskenträger verspotten und sich weigern, am Eingang Desinfektionsmittel zu verwenden.

Diese unterschiedlichen Typen gemeinsam und in Frieden durch den Winter zu lotsen, ist eine wahre Herausforderung – auch für Ihre Kommunikation.

Ich würde es zweigeteilt angehen. Legen Sie zumutbare Maßnahmen fest. Entweder als Vorgesetzte. Oder gemeinsam im Team. Und überzeugen Sie dann alle davon, dass es wunderbar ist, die Maßnahmen mitzutragen. Fangen Sie jetzt schon an, die anderen einzustimmen. In zwei, drei Wochen wird es schon aktuell sein.

A. Lüften, lüften, lüften. Dank CO2-Messgerät

Überzeugen Sie Ihr Team mit einem CO2-Messer. Ich bin weder Virologe, noch Hygieniker, Aerosol-Fachmann oder Epidemiologe. Aber ich verfolge die Wortbeiträge der Experten genau. Und finde es faszinierend: Man kann zwar die Aerosole in der Luft nicht genau messen und schon gar nicht, ob diese mit Coronaviren belastet sind. Aber man kann die CO2-Werte in der Atemluft messen und seine Schlussfolgerung ziehen. Ist der CO2-Wert in der Raumluft hoch, wird auch die Aerosol-Belastung hoch sein. Denn beide Werte steigen, je mehr ausgeatmete Luft im Raum steht. Und die Aerosole verbreiten sich in einem ungelüfteten Raum in wenigen Sekunden bis Minuten bis in jeden Winkel. Und dass Aerosole Coronaviren tragen können, ist nachgewiesen.

Ich habe mir mal einen CO2-Messer gekauft, um herum zu experimentieren. Sollten Sie das auch vorhaben und genau messen wollen, dann achten Sie darauf, dass Sie einen echten CO2-Messer erwischen. Bei Amazon etwa gibt es nämlich auch Geräte, die lediglich die „Luftqualität“ messen und dazu etwa die Luftfeuchtigkeit als Messlatte heranziehen. Einen CO2-Messer bekommen Sie für rund 70 Euro.

Ich habe es ausprobiert. Und war wirklich erschrocken. Seit Frühling war es ja fast durchgängig möglich, die Büroräume zu lüften. Dort, wo das Gerät in einem leichten Durchzug steht, sind die CO2-Werte mit 430 ppm (parts per million, also 430 Millionstel in der Luft) nahe denen, wie sie unter freiem Himmel erreicht werden.

Doch dann habe ich das Gerät in einen rund 10 Quadratmeter großen Raum mit geschlossenen Fenstern neben mir auf den Schreibtisch gestellt, habe die Tür geschlossen, und habe gemessen, wie schnell ich mir auf diese Weise die Atemluft selber schlecht atme. Innerhalb von rund zwei Stunden ohne Lüften war der CO2-Wert bereits auf mittelgute Werte gestiegen, nach rund vier Stunden näherte der Pegel sich dem häufig genannten Grenzwert für akzeptable Luft von 1000 pm, also einem Promille.
Und da bin ich ganz allein gewesen und konnte mich nicht selber mit irgendetwas anstecken. Was, wenn in einem doppelt so großem Raum zwei Leute sitzen?

Das Gute: Nachdem ich nur die Tür zum gut gelüfteten Flur geöffnet hatte, ist der CO2-Wert ruckzuck wieder in Richtung 600 ppm gesunken.

Demonstrieren Sie das dem Team. Lassen Sie es erkennen, dass wir einfach kein Gespür dafür haben, wann Luft „schlecht“ ist. Dass wir nicht erst darauf warten dürfen, bis einer umkippt. Wir müssen lernen, drastisch zu lüften. Weil wir es leider seit Jahrzehnten versäumt haben, Lüftungsanlagen einzubauen (die Experten nach effektiver für frische Luft sorgen als mal eben kurz geöffnete Fenster).

Geben Sie kritischen Kollegen das Messgerät mal mit nach Hause. Damit sie im vertrauten Umfeld messen können, wie etwa im Schlafzimmer trotz geöffneter Tür die Werte klettern, wenn überall in der Wohnung die Fenster zu sind.

Und machen Sie klar: Im Zweifel ist es besser, eine Vorsicht walten zu lassen, die sich im besten Fall ein halbes Jahr später als übertrieben herausstellt, als dass aus der Befürchtung, es zu überziehen, zu wenig Vorsorge getroffen wird. Es geht ja nicht darum, den Betrieb einzustellen, sondern die Konventionen zu ändern. Für ein paar Monate.

Und der CO2-Messer führt allen objektiv vor: Wir müssen lüften, lüften, lüften, um nicht in der Aerosol-Suppe zu hocken. Und um das Ansteckungsrisiko zu senken. Und das wird im Winter kalt.

B. Die Zumutung gemeinsam definieren

„Wie lange darf das Fenster geöffnet sein?“ Das ist der Winter-Klassiker der Streitgründe unter Kollegen. Denn meist gibt es keinen messbaren Lüfterfolg. Das Fenster wird geschlossen, wenn die ersten quengeln, dass es nun aber wirklich reiche, sie würden bald erfrieren.

Raumtemperaturen von angenehmen 23 Grad werden sich aber nicht durchgängig halten lassen, wenn alle halbe Stunde oder so die Aerosole nach draußen gelüftet werden müssen und es dort stürmt und schneit. Weil wir – genauso wie in Schulen – in vielen Gewerbeimmobilien keine moderne Lüftungsanlagen verbaut haben, die etwa die frische Luft mit Erdwärme erwärmen, sondern auf Fensterlüften setzen, was zwar frisch klingt, aber weniger effizient und angenehm ist.

Legen Sie gemeinsam eine objektiv überprüfbare Lüftdisziplin fest, etwa wieder mithilfe des CO2-Messers. Weil der so schön objektiv ist: „Die Fenster bleiben auf, bis das Gerät auf der der Fensterfront abgewandten Seite des Großraumbüros einen Wert von 500 ppm unterschreitet und wird wieder geöffnet, wenn der Wert 800 ppm überschreitet.“ Oder für häufigere, aber kürzere Lüftintervalle: Solange das Messgerät grün leuchtet – Fenster zu. Bei gelb – Fenster auf, bis es wieder grün leuchtet.
Messen Sie dabei die Raumtemperatur: Offiziell dürfen 20 Grad am Arbeitsplatz bei leichter körperlicher Tätigkeit mit den Händen (also beim typischen PC-Arbeitsplatz) nicht unterschritten werden. Das besagt die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.5, die der Arbeitsstättenverordnung angehängt ist. Eine Pandemie war bei der Festlegung dieser Grenzwerte allerdings sicherlich nicht berücksichtigt.
Und was ist besser: Warm anziehen oder höheres Risiko, sich eine potenziell tödliche Infektion einzuhandeln? Ich kann Ihnen hier nicht dazu raten, gemeinsam offizielle Grenzwerte zu missachten, auch wenn ich persönlich solche in besonderen Zeiten für zu starr halte. Aber vielleicht lässt es sich ja gerade in kleineren Teams gemeinsam vereinbaren, dass es besser ist, sich etwas wärmer anzuziehen, damit gut gelüftet werden kann, statt im mollig warmen Großraum die Aerosole der anderen in vollen Zügen einzusaugen. Warum nicht mal eine Saison in Ski-Unterwäsche am Schreibtisch sitzen? Nehmen wir es mit Corona-Humor. Es gibt Schlimmeres als warme Kleidung. Nur diesen einen Winter. Den werden wir nie vergessen. Und die Impfung soll ja bald kommen.

Wenn Sie noch überlegen, was Sie Ihren Mitarbeitern oder Kolleginnen zu Weihnachten schenken könnten: Mein Set Thermounterwäsche hat knapp 25 Euro gekostet. Ein paar mollige Einlegesohlen aus Lammfell kosten weniger als 10 Euro, eine moderne dünne Steppweste knapp 30 Euro. Zeigen Sie dem Team, dass Sie die Lage selber als belastend empfinden, aber mit allen an einem Strang ziehen wollen, um es gut erträglich zu machen. Ein Geschenk, das zur Lage passt, beweist Ihren festen Willen und Ihre Empathie.

Diese ganze verdammte Pandemie hat so wenigstens einen Vorteil: Man weiß wieder, was man schenken kann.

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