WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Karriereleiter Duzen oder Siezen im Job? So machen Sie es richtig

Mit dem „Du“ und „Sie“ ist es im Deutschen ja so eine Sache. Duzt man jemanden einfach so, kann das respektlos wirken. Aber siezt man jemanden, mit dem man per Du war, ist das oft auch ein Affront. Also: Wann im Job wen wie lange siezen und ab wann duzen und wer fragt zuerst und was, wenn das alles schief läuft? Ja, meine Güte, das muss mal geklärt werden.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:


Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Erlauben Sie mir, dass ich Sie in den folgenden Minuten einfach mal duze. Als Experiment. Damit wir erleben, wie sich das anfühlt. Ok, du? Es ist ja tatsächlich so, dass das Duzen immer häufiger wird. Zumindest in unserer alltäglichen Wahrnehmung. Erinnere dich dran, wie damals IKEA angefangen hat, uns in der Werbung zu duzen. Und im Katalog. Das war damals großes Thema. Ist das eine Frechheit? Nein, nein, in Schweden duzt man nun einmal die Menschen. Das ist bis heute die offizielle IKEA-Begründung. Aber letztendlich wäre es unprofessionell, alle nationalen Märkte über einen Kamm zu scheren, nur weil es in Schweden so ist, wie es ist. Man duzt hier natürlich aus Marketing-Kalkül. In Frankreich werden IKEA-Kunden online gesiezt. Und bis heute ist es so, dass IKEA Deutschland in den Medien duzt, aber wenn wir mit Verkäufern in den Möbelhäusern sprechen, dann werden wir Kunden gesiezt

Wie passt das zusammen? Antwort: Im Geschäft spricht nicht die abstrakte Marke IKEA zu dir, sondern hier gehen Menschen miteinander um. Das Du, das in der Werbung Nähe erzeugt, das wäre im wahren Leben aus Sicht vieler einfach eine Anmaßung.

Ähnliches gilt für die Aufschnittmarke „Du darfst“. Die wenigsten von uns würden sich wohl von einem Päckchen magerer Schnittlauchleberwurst auf den Schlips getreten fühlen. Aber es ist eben ein Du. Wenn auch nur ein Marketing-Du.

Dann wiederum die sozialen Medien. Wer bei Facebook, Instagram und Twitter siezt, fällt eher aus dem Rahmen, andere würden vielleicht sagen: zeigt, dass er keine Ahnung hat. Nach dem Motto: „Entschuldigung, seit wann siezen wir uns?“

So kommt es zu der kuriosen Konstellation, dass etwa Medienhäuser, die Fernsehen machen aber die Menschen auch über Facebook und Instagram ansprechen, je nach Plattform Fernsehen, Radio, Website und Soziale Medien vom Sie aufs Du umspringen. Ich kenne das aus meinem Job auch: Im Fernsehen sage ich Sie, auf Facebook „Ihr“. Es ist wahrscheinlich eine Übergangszeit.

Während in den Siebzigerjahren sich sogar Studierende des eigenen Semesters unter einander gesiezt haben, ist man als Mitte 40-Jähriger heute ja schon gekränkt, wenn man im Adidas-Store gesiezt wird. Würde ich einen Bagel bei Starbucks kaufen: duzen. Kaufe ich eine Stulle beim klassischen Bäcker um die Ecke: eher siezen. Im Fitnessstudio du, im Sportgeschäft irgendwie eher Sie. Rewe.de duzt, Amazon.de siezt. Erklär das mal einem Amerikaner oder eben einer Schwedin.

So. Und in dieser Gemengelage stellt sich auch die Frage: Was ist mit du und Sie im Job? Wenn du meine persönliche Meinung wissen willst: Von mir aus können wir das Sie abschaffen. Aber was ich hier sage, soll ja für den Job-Alltag nützlich sein. Und da gelten andere Gepflogenheiten.

In den meisten Unternehmen hierzulande wird immer noch gesiezt. Und viele Mitarbeiter finden das gut. Einige Branchen bilden Ausnahmen, wie etwa die Medienbranche. Hier wird in Redaktionen und oft auch in der Produktion fast automatisch geduzt, nur die Führungsebene und manchmal auch die Verwaltungsebene eher gesiezt mit der Tendenz zum schnellen Wechsel hin zum Du.

Aber in allen Branchen gibt es bei diesem Übergang genaue gesellschaftliche Regeln. Denn so sehr wir alle sonst mehr oder weniger Spaß daran haben, Konventionen links liegen zu lassen, wie in der Mode, in der Musik, in der Fernsehunterhaltung oder beim Essen, wo althergebracht schnell langweilig wirkt: Der zwischenmenschliche Umgang lebt von Normen. Je näher sich Menschen kommen, je besser sie sich kennen und je mehr sie sich gegenseitig schätzen, desto weniger wichtig sind diese gesellschaftlichen Regeln. Weil man einfach längst weiß, wie der andere drauf ist. Und mit wachsendem Vertrauen braucht es weniger von außen gesetzte Regeln.

Aber gerade im Geschäftsleben, wo wir höflich und respektvoll mit Menschen umgehen wollen, zu denen eine gewisse professionelle Distanz besteht (weil viele von ihnen eben Kollegen sind, nicht Freunde), da geben uns diese Regeln Sicherheit. Siezen zeigt dort eine gewisse Distanz, demonstriert aber vor allem Respekt. Duzen kann falsch gesetzt respektlos wirken, nämlich als Eindringen in den zu privaten Bereich des Einzelnen im professionellen Umfeld.

Das Du bedeutet wiederum aber auch eine sympathische Nähe, schafft selber Vertrautheit, motiviert zu offenerer Kommunikation und schafft durch gefühlt abflauendes Hierarchiedenken ein stärkeres Teamgefühl.

Also: Wann duzen? Wer schlägt es vor? Darf man das Du ablehnen? Gibt es ein Zurück von du auf Sie?

1. Im Job zählt die Duz-Hierarchie

„Frau schlägt vor“, „der Ältere schlägt vor“. All das gilt nicht im Berufsleben. Dort schlägt der Ranghöhere vor, aufs Du zu wechseln. Gesetzt den Fall, du bist Geschäftsführer oder Firmeninhaberin, also an der Spitze des ganzen Ladens, könntest du zum Beispiel mit einem Duz-Generalangebot an alle die Firmenkultur prägen.

Kompliziert wird es, wenn du als Chef oder Chefin das Du als Auszeichnung verteilst. Wenn nur die aus dem Team das Du angeboten bekommen, mit denen du besonders zufrieden bist oder mit denen du besonders gut klar kommst. Dann wird duzen und siezen zum Sozialprestige und spaltet die Belegschaft. „Oho, du duzt den Chef. Was musstest du denn dafür tun?“

Und: Die Chefin duzen zu dürfen, ist auch eine Einladung zu mehr Nähe. Rechne dann auch mit einer etwas distanzloseren Kommunikation zwischen Tür und Angel. Was ja sehr hilfreich sein kann. Wer keine Angst hat, dass Duzen zu respektloser Annäherung führt, kann von einer Duz-Kultur nach meiner Einschätzung in seinem Unternehmen sehr profitieren. Zumal Duzen in unserem Alltag mittlerweile ohnehin so häufig geworden ist.
Generell gilt aber:

2. Alt eingesessen geht vor Neuankömmling

Selbst in Unternehmen, in denen sich die Leute im Team duzen, kann es taktvoll sein, einen neuen Kollegen erst einmal zu siezen. Dann kann ihm jeder nach und nach das Du persönlich anbieten. Sozusagen als das Siegel: Du gehörst zu uns.

Ausnahme sind hier wieder Branchen, in denen Duzen seit Jahrzehnten Standard ist. Hier wäre Siezen einfach zu ausgrenzend.

Im Zweifel gilt: Diejenigen mit mehr Dienstjahren haben das Du-Angebots-Vorrecht. Aber meine Güte: Letztendlich zählt hier Fingerspitzengefühl. Und an allen alten Etikette-Regeln vorbei kann auch die Neue fragen: „Ich merke, Sie duzen sich alle. Darf ich auch oder wollen wir erst noch ein bisschen warten…?“ Weil es trotzdem respektvoll ist. Ich sag ja: Fingerspitzengefühl. Die klassischen Regeln gelten nur als Hilfe im Zweifelsfall.

3. Darf man das Du ablehnen?

Antwort: Ja. Aber es kommt auf den Ton an. Wer ein Du als zu nah empfindet, sollte das Angebot nicht ablehnen mit: „Sie duzen? Um Gottes Willen. Nä! Was kommt als nächstes? Ein Heiratsantrag?“ Ist ja klar. Ist sensibel.

Und als der Anbietende sollte man bei einer höflichen Ablehnung nicht gekränkt sein. Allerdings fühlt es sich trotzdem komisch an. Ich habe das selber mal erlebt: Da habe ich dem Pförtner das Du angeboten, weil sonst fast alle im Team mich geduzt haben. Seine Antwort dann aber in etwa: „Ach, Herr Werner, vielen Dank. Aber ich würde lieber beim Sie bleiben. Es ist ja mein Job. Und da halte ich es immer so.“
Wer so höflich ablehnt, macht meist nichts kaputt. Aber seien wir uns dessen bewusst: Eine Ablehnung kann für den Zurückgewiesenen schmerzhaft sein. Wenn du deinem Vorgesetzten die angebotene Nähe verweigerst, mag das sehr gute Gründe haben. Etwa, weil die gewünschte Nähe etwas Unprofessionelles anbahnen könnte und es sich etwas „übergriffig“ anfühlt, was womöglich auch an der Persönlichkeit von Chef oder Chefin liegt. Wir müssen aber je nach deren Charakter damit rechnen, dass er oder sie unser Nein als Zurücksetzung empfindet und das unbewusste Bedürfnis entwickelt, uns die Ablehnung heimzuzahlen, um wieder oben auf zu sein. Es ist eben eine Abwägungssache und wieder ein Ding mit Fingerspitzengefühl.

Ich habe es zumindest schon häufiger erlebt, dass gerade ältere Kollegen sich als einzige im Team von ihren Vorgesetzten haben siezen lassen. Das ging gut. Ist aber aufgefallen.

4. Gibt es ein Zurück zum Du?

Es ist schon verrückt. Wenn wir einfach so duzen, könnte das respektlos wirken. Aber wenn wir jemanden plötzlich wieder siezen, den wir seit langem geduzt haben, dann ist es auch wieder ein Affront.

Diese Fälle, in denen man aus Verletzung oder Ärger heraus nicht mehr ertragen kann, den anderen zu duzen oder von ihm geduzt zu werden, dass man sagt: „Ab heute wieder Sie“, die sind so selten und da muss so viel vorgefallen sein, dass ich dir an dieser Stelle keine allgemeinen Ratschläge dazu geben möchte. Aber zwei Sonderfälle will ich doch erwähnen:
Zum einen das Weihnachtsfeier-Du - oder Betriebsausflugs-Du. Wenn aus einer Sauflaune heraus der Chef um halb drei nachts mit den Duz-Angeboten um sich wirft. Hier würde ich sagen: Achte als der oder die zweifelhaft Umschmeichelte in der nächsten Zeit darauf, ob dein Vorgesetzter auch noch im nüchternen Zustand duzt. Wenn nein: einfach deinerseits zurück zum Sie. Ansonsten bleibt das Du besiegelt.

Zum anderen könnte es ja passieren, dass man das Du zu schnell annimmt, weil man höflich sein will, aber es direkt wieder bereut. Ich kenne es am häufigsten aus der Praxis, dass gerade jungen Kolleginnen und Kollegen, etwa Praktikantinnen oder Azubis älteren Kollegen gegenüber das Du einfach nicht über die Lippen gehen will. Denn sie kennen es noch aus der Schule und die ist nicht lange her: Sie selber werden von den Älteren, den Lehrern, geduzt, sie aber siezen das ältere Gegenüber. Da fällt die Umstellung einigen schwer. In diesen Fällen stellt sich die nächste Frage:

5. In eine Richtung Du, in die Gegenrichtung Sie?

Ist es hinnehmbar, dass der von dir Gesiezte dich duzt? Klare Antwort: nein. Das geht nur zwischen Kindern und Erwachsenen. Im Job ist das ein Zeichen von Unterwürfigkeit des siezenden Geduzten und von Überheblichkeit des duzenden Gesiezten. Entweder beide du oder beide Sie. Ich hatte das mal: Einer von mir gecoachten jungen Frau hatte ich direkt das Du angeboten, weil wir uns in einem beruflichen Umfeld kennengelernt hatten, wo Duzen üblich war. Sie hatte erfreut eingewilligt, mich danach aber ständig gesiezt. Ich habe dann mehrmals darauf hingewiesen, dass wir uns doch duzen wollten. Nach einigen Malen habe ich dann den Rückzug angetreten und habe sie wieder gesiezt. Für eine Kommunikation auf Augenhöhe.

Und damit die Frage an dich: Wie fühlt es sich an, hier geduzt zu werden? Ist ja auch irgendwie ein berufliches Umfeld. Heißt hier ja Karriereleiter. Möchtest du, dass ich dich wieder sieze?
Ihre Meinung würde mich echt mal interessieren. Schreiben Sie mir. Auf Twitter. @mwerner3000. Da dürfen Sie mich allerdings duzen. Und sollten es auch. Weil das da ja so üblich ist. Und merken wir uns eins fürs gute Gefühl: Man kann auch respektlos Siezen und sehr höflich und mit dem richtigen Zungenschlag etwas zu früh duzen. Respekt zeigt sich durch viel mehr als durch Sie und du. Fragen Sie mal die Engländer. Und bis zum nächsten Mal. Ihr und dein Marcus Werner.

Dem Autor auf Twitter folgen:



Die Podcasts der WirtschaftsWoche

Hören können Sie die Podcast-Folgen auf www.wiwo.de/podcast und überall, wo Sie Podcasts abrufen:

  • „Chefgespräch“: Der Podcast der WirtschaftsWoche – mit und für Weltmarktführer und alle, die es werden wollen. Chefredakteur Beat Balzli diskutiert mit den spannendsten Unternehmern, Top-Managerinnen, Ökonomen und Wirtschaftspolitikerinnen Deutschlands, wie es in der aktuellen Situation gelingt, erfolgreich ein Unternehmen zu führen – und wie sie selbst erfolgreich wurden.
  • „Karriereleiter“: Fernsehmoderator, Autor und Coach Marcus Werner gibt wertvolle Tipps für den Büroalltag, die Sie im Job voranbringen.
  • „Supermaster“: Woher weiß ich überhaupt, was ich nach dem Studium kann? Soll ich bei einem Startup einsteigen oder doch gleich selbst gründen? Und wie kriege ich meine Finanzen in den Griff? Damit Studierende nicht unvorbereitet vom Hörsaal ins Büro stolpern, helfen Lena Bujak, Mareike Müller und Jan Guldner bei der Orientierung.
  • „Money Master“: Wie lege ich als junger Mensch mein Geld am besten an? Dieser Frage gehen die beiden WirtschaftsWoche-Redakteure Tina Zeinlinger und Matthias Rutkowski im Selbstversuch nach.
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%