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AbwanderungJunge hochgebildete Fachkräfte kehren der Türkei den Rücken

Viele türkische Ärztinnen, IT-Techniker und andere Fachkräfte suchen ein neues und aus ihrer Sicht besseres Leben im Ausland. Vor allem junge Leute zieht es weg. 10.11.2023 - 12:02 Uhr

Medizinische Fachkräfte und IT-Spezialisten neigen besonders zum Abwandern, aber auch hoch ausgebildete Personen aus allen anderen Sektoren suchten einen solchen Weg.

Foto: Reuters

Huseyin Buyukdag liebt die Türkei und seinen Job als Lehrer. Aber die schwere wirtschaftliche Krise in seinem Land und der zunehmende repressive Kurs der Regierung hätten ihn und seine Frau zum Entschluss gebracht, ein besseres Leben in Deutschland zu suchen, sagt er.

Das Ehepaar zählt zu einer wachsenden Zahl junger und gebildeter Leute, die ihre Heimat verlassen wollen, weil sie der Meinung sind, dass Rechte und Freiheiten unter dem zunehmend autoritären Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ausgehöhlt werden, oder weil die hohe Inflation ihre Gehälter auffrisst. 

Der 27-jährige Englischlehrer hält es für unwahrscheinlich, dass sich die Dinge ändern werden, nachdem sich Erdogan im Mai eine dritte Amtszeit gesichert hatte. „Auch wenn ich es nicht möchte, auch wenn ich es hasse, werde ich dieses schöne Land verlassen“, sagte er der Nachrichtenagentur AP.

Buyukdag und seine Frau, eine Krankenpflegerin, leben in der verarmten südöstlichen Provinz Simak. Ihre Jobs bringen ihnen monatlich umgerechnet bis zu 1630 Euro ein, was über der offiziellen Armutsgrenze von etwa 1460 Euro liegt.

In ihrer Provinz ist das genug, um damit auszukommen, aber es liegt deutlich unter dem, was man in großen Städten wie Istanbul und Ankara benötigt - und ist bei weitem nicht genug für ein junges Paar, um Geld ansparen zu können oder eine Familie zu gründen.  

Allein 2022 haben rund 140.000 Bürger Türkei verlassen

Die Türkei mit ihren 84 Millionen Einwohnern ist in den vergangenen Jahren von einer ganzen Reihe von Krisen getroffen worden, und nach offiziellen Angaben lag die Inflation im Oktober auf Jahresbasis bei 61 Prozent, wobei manche Ökonomen glauben, dass die wirkliche Zahl doppelt so hoch ist.

Viele sehen nun einen Ausweg in der Form von Ausbildungsvisa zum Studium im Ausland oder Arbeitsgenehmigungen. Der Statistikbehörde TurkStat zufolge haben 2022 fast 140 000 türkische Bürger das Land verlassen, im Vergleich zu knapp 104 000 im Jahr davor. Die größte Gruppe waren Leute im Alter von 25 bis 29 Jahren.

Der Braindrain ist getrennt von den Hunderttausenden irregulären Migranten und jenen, die vor Kriegen und Krisen daheim - etwa in Syrien oder im Irak - fliehen und die Türkei auf dem Weg nach Europa passieren.

Der Soziologe und Autor Besim Dellaloglu führt den Exodus der „am höchsten gebildeten Schichten der Gesellschaft“ zum Teil auf eine Erosion demokratischer Normen zurück. Eine Umkehr, so meint er, sei „ohne eine Verringerung der Polarisierung in der Türkei“ nicht zu erwarten.

>> Lesen Sie hier: Türkei – Hohe Inflation stürzt den Tourismus in eine Krise

Medizinische Fachkräfte und IT-Spezialisten neigten besonders zum Abwandern, aber auch hoch ausgebildete Personen aus allen anderen Sektoren suchten einen solchen Weg.

Ahmet Akkoc, ein IT-Techniker, ist vor zwei Jahren nach Dänemark übergesiedelt, um dort seinen Master-Abschluss zu machen. Dann fand er einen Job in Kopenhagen und blieb. „Ich hatte ein Gebiet, auf das ich mich spezialisieren wollte, und in der Türkei gab es absolut keinen Bedarf für diese Spezialisierung“, erklärt er seinen Schritt.

Nicht für alle ist weggehen die Lösung

2022 haben mehr als 2600 Ärztinnen und Ärzte bei der Türkischen Medizinischen Vereinigung die nötigen Papiere beantragt, um im Ausland praktizieren zu können. Die Mediziner gaben zumeist niedrige Einkommen, äußerst strapaziöse Arbeitsbedingungen und eine Zunahme von Gewalt seitens erboster Patienten als Gründe für ihre Entscheidung an.

Im vergangenen Jahr hatte ein wütender Erdogan in einer Rede gesagt, dass alle Ärzte, die es wollten, gehen könnten. Später fügte er dann hinzu, dass jene, die weggingen, bald zurückkehren würden, da die Türkei die Aussicht auf eine „glänzende Zukunft“ habe.

Viele andere Türken ziehen es vor zu bleiben. Dazu zählt Fatma Zehra Eksi aus Istanbul. Sie findet zwar auch, dass sich in der Türkei einiges wirklich ändern müsse, „aber wenn wir weggehen, weil wir uns hier nicht wohlfühlen, dann wird keiner mehr übrig bleiben, um Dinge zu ändern“, sagt sie.

Serap Ilgin, eine 26-jährige Texterin, sagt, dass sie mit den Werten einer säkularen Türkei und deren Gründer Mustafa Kemal Atatürk aufgewachsen sei. „Weggehen ist keine Lösung“, meint auch sie. „Ich denke, wir müssen bleiben und kämpfen.“

Die Türkei beging am 29. Oktober den 100. Jahrestag der Ausrufung einer säkularen Republik aus den Trümmern des Osmanischen Reiches, und Erdogan hat ein neues „Jahrhundert der Türkei“ ausgerufen mit einem wichtigen Platz auf der Weltbühne.

Manche von jenen, die auswandern möchten, sagen, dass es in diesen Tagen sogar schwerer werde, Touristenvisa zu erhalten, die für sie ein Sprungbrett für ein neues Leben im Ausland sein könnten.

Der Anteil abgelehnter Anträge bei Visanaträgen in europäischen Ländern habe sich erhöht, und die Antragsprozeduren seien komplizierter geworden, berichteten viele Auswanderungswillige, die von der AP interviewt wurden. 

Erdogan treibt Rückkehr-Kampagne voran

„All diese Behandlung gibt dir das Gefühl, dass du in einem Dritte-Welt-Land lebst. Ich nehme an, so ist es auch“, sagt Ahmet Batuhan Turk, der nach Dänemark reisen will. Nach seinen Angaben erfordern die Visaprozeduren jetzt mehr Dokumente. EU-Vertreter haben das aber zurückgewiesen, und auch die AP hat keine Beweise dafür gefunden.

Erdogan treibt inzwischen eine Rückkehr-Kampagne voran, bietet im Ausland arbeitenden Akademikern Stipendien und Stellen an. 6000 haben nach seinen Angaben bereits davon Gebrauch gemacht. Aber Buyukdag und seine Frau verstärken ihre Bemühungen, ein Land zu verlassen, in dem er, so klagt der junge Lehrer, seine Arbeit verlieren könne, wenn er etwas „Falsches““ sage.

„In Deutschland oder jedem westlichen Land bist du eine wertvolle Person“, so Buyukdag. In der Türkei sei man das nicht, da „kannst du jederzeit ein Verräter genannt werden“. 

AP
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