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Adrian Zenz über China „Was dort passiert, ist ein gigantisches Menschheits-Verbrechen“

Chinas Regierung verfolgt die Minderheit der Uiguren in Chinas Nordwesten. Quelle: dpa

Adrian Zenz hat quasi im Alleingang die Menschenrechtsverstöße in der chinesischen Provinz Xinjiang aufgedeckt. Nun hat China Sanktionen gegen ihn verhängt. Deutschen Unternehmen wirft er Doppelzüngigkeit vor.

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Von den massiven Menschenrechtsverstößen in Chinas Xinjiang-Provinz weiß die Weltöffentlichkeit erst, seit ein deutscher Forscher handfeste Beweise dafür erbracht hat. Adrian Zenz dokumentiert in akribischer Kleinarbeit, wie Chinas Regierung die Minderheit der Uiguren in Chinas Nordwesten verfolgt. Aus öffentlichen Dokumenten wie Bauausschreibungen hat der Anthropologe Details zu Internierungslagern, Zwangsarbeit und Zwangssterilisationen herausgefiltert.

Schon als Schüler interessierte sich der heute 47-Jährige für Daten, Statistik und Computer. Weil er die Anthropologie oftmals als ideologisch empfand, hat er sich auf das empirische Arbeiten verlegt. Seine Enthüllungen zeigen Wirkung. US-Präsident Joe Biden spricht – stark gestützt auf Zenz´ Forschung – von einem Genozid an den Uiguren. Bidens Vorgänger Donald Trump hatte bereits im Januar ein Importverbot von Baumwolle aus Xinjiang erlassen, ebenfalls stark beeinflusst von Zenz´ Studien. Ende März verhängte China Sanktionen gegen Zenz, der an der Washingtoner Victims of Communism Memorial Foundation forscht und in Minnesota lebt. China reagierte damit auf EU-Sanktionen gegen Chinesen wegen der Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang – und nahm einen Forscher ins Visier, dessen Arbeit dem Regime schon seit Jahren missfällt.

WirtschaftsWoche: Herr Zenz, China hat Sie auf eine Sanktionsliste gesetzt, Sie dürfen nicht mehr ins Land reisen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Adrian Zenz: Ich habe mich schon 2019 entschieden aus Sicherheitsgründen auf keinen Fall mehr nach China oder Hongkong zu reisen. Meine Arbeit basiert auf Dokumenten.

Wo finden Sie die?
Im chinesischen Internet, etwa auf Webseiten der verschiedenen Regierungen, manchmal bei Regionalregierung, manchmal bei Lokalregierungen, bei Staatsmedien, teilweise auch recht frei fliegend im Internet. Bei meiner letzten Arbeit zur Zwangsarbeit, habe ich sehr viele chinesische akademische Veröffentlichungen ausgewertet. Zu 95 Prozent stammen meine Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen. Der Rest stammt aus geleakten Daten.

Die chinesische Regierung hat versucht, ihre Ergebnisse zu dementieren oder zu diskreditieren. Was ärgert die Chinesen mehr: Der Gesichtsverlust oder der wirtschaftliche Schaden, der durch das US-Importverbot für Baumwolle entstanden ist?
Beides. Das chinesische Außenministerium hat vor drei Wochen öffentlich gesagt, dass massive wirtschaftliche Verluste wegen meiner Forschung zur Baumwolle bevorstehen. Gleichzeitig hat die chinesische Führung extrem Angst vor Problemen mit den Olympischen Spielen. Die „New York Times“ und die „Washington Post“ haben im vergangenen Jahr unter Berufung auf meine Forschung zum Boykott der Olympischen Spiele aufgerufen.

Wie groß sind die Auswirkungen des US-Importverbots von Baumwolle?
Die Konsequenzen sind dramatisch. Xinjang stellt 20 Prozent der Baumwolle weltweit her. Daran hängen ganze Produktions- und Lieferketten. Ein Großteil der Baumwollvorprodukte, die in vielen Teilen Asiens eingesetzt werden, kommt aus China und hat oft Xinjang-Baumwolle beigemischt, weil die als die beste weltweit gilt. Das US-Exportverbot ist sehr weitgehend, es bezieht sich auf Baumwolle, die auch nur einen Anteil aus Xinjiang enthält. Weil es kaum möglich ist, die Produktion aus Xinjiang zu entkoppeln, müssten sich westliche Modemarken eigentlich aus China zurückziehen.

Werden die das tun?
Ich erwarte, dass die Unternehmen das tun, was sie in der Vergangenheit getan haben: Zwei Gesichter zeigen und auf ihren Profit achten. Ein Unternehmen wie Hugo Boss sagt ja öffentlich, dass es keine Baumwolle aus Xinjiang verarbeitet. Im chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo sagt es dann, dass es weiterhin Baumwolle aus Xinjiang einsetzen wird und lobt die hohe Qualität.

Was muss passieren?
Dieses Problem muss auf Regierungsebene gelöst werden. Man kann das nicht von den Unternehmen erwarten. Lieferkettengesetze müssen her – und zwar so schnell wie möglich. Und die Verbraucher müssen mobilisiert werden, sonst machen die Unternehmen weiter wie bisher.

Der Automobilhersteller Volkswagen produziert in der Provinz Xinjiang. Ist es für ein europäisches Unternehmen dort möglich, sich den Praktiken des chinesischen Regimes zu entziehen?
Wenn man in dem System drinnen ist, gibt es immer – auch über zwei Ecken – einen Bezugspunkt. Direkte Zwangsarbeit kann man Volkswagen nicht nachweisen. Aber es lässt sich nicht sicher sagen, ob da nicht doch einmal ein Mitarbeiter im Lager war oder durch die Zwangsumschulungen im Rahmen der Armutsbekämpfung gegangen ist. Die chinesische Regierung schlachtet die Präsenz von VW für die Staatspropaganda auf Regierungswebseiten aus. Der Standort von VW wird genutzt, um die Unterdrückungskampagne zu rechtfertigen.

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Wird sich daran etwas ändern, wenn die Politik dazu schweigt?
Es ist essentiell, dass die Politik Stellung bezieht und die Zwangsarbeit in Xinjiang anspricht. Was dort passiert, ist ein gigantisches Menschheits-Verbrechen. Die US-Regierung hat ihre Firmen gewarnt und Sanktionen eingesetzt. Es gibt so vieles, was von Angela Merkel noch nicht gesagt wurde. Die Deutschen haben geschichtlich eine besondere Verantwortung. Wenn es um China geht, dann scheint die deutsche Verantwortung aber wie ausgelöscht zu sein.

Wird in Deutschland zu sehr auf die Gewinne geachtet, die der chinesische Markt verspricht?
Die deutschen Exporte sind über Jahre von China abhängig gewesen und das möchte man nicht verscherzen. Der Erfolg bei der Pandemiebekämpfung ist meiner Ansicht nach auch der Grund, warum die Chinesen Ende März so selbstbewusst aufgetreten sind. Die Chinesen denken, sie sind auf dem aufsteigenden Ast und nehmen ein kalkuliertes Risiko auf. Sie wissen, dass die anderen abhängig sind.

Mehr zum Thema: Der Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke, über die Eiszeit zwischen Peking und Brüssel, die wachsende Abhängigkeit vom Boommarkt und nächtliche Anrufe aus den Weißen Haus.

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