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Analyse amerikanischer Ingenieure Grafiken zeigen: So schlecht steht es um die US-Infrastruktur

Bild: dpa; Illustration: WirtschaftsWoche

Mehr als zwei Billionen US-Dollar will US-Präsident Joe Biden für sein Infrastruktur-Programm ausgeben. Ob Straßen, Schulen oder Flughäfen: Eine Analyse der American Society of Civil Engineers zeigt ungeschönt, wie nötig diese Investitionen sind.

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Es ist noch nicht lange her, dass der Begriff „Infrastructure Week“ in Washington zu einer Lachnummer geworden war. Regelmäßig hatte die Administration von Donald Trump einen großen Aufschlag zur Sanierung der amerikanischen Straßen, Häfen und Schienen angekündigt, doch ein konkreter Plan erblickte nie das Licht der Welt. Stattdessen lenkten die zahlreichen Skandale und Skandälchen des damaligen Präsidenten regelmäßig vom vermeintlichen Ziel ab – ein Muster, das sich ständig wiederholte. Derweil verkamen die Transportwege, Schulen und Stromnetze des Landes immer weiter.

Geht es nach Joe Biden, wird sich daran jedoch bald etwas ändern. Zuletzt legte der Demokrat ein massives Investitionsprogramm in die US-Infrastruktur vor, das dem Land einen dringend benötigten Modernisierungsschub geben soll. „Ist es groß? Ja. Ist es mutig? Ja. Und wir können es schaffen“, so der Präsident als er das Paket in einer Gewerkschaftshalle in der ehemaligen Kohlemetropole Pittsburgh vorstellte. Es handle sich um ein Generationenprojekt, so Biden, vergleichbar mit dem Bau der amerikanischen Highways oder dem „Space Race“ mit den Sowjets. Der Kostenpunkt: Mehr als zwei Billionen US-Dollar.

Experten halten die Größenordnung des Pakets für einen guten Anfang. Die American Society of Civil Engineers (ASCE), die der US-Infrastruktur alle vier Jahre ein Zeugnis ausstellt, hält diese Summe für dringend notwendig, um allein die Investitionslücke für die kommenden zehn Jahre zu schließen. Zusätzlich müssten die Ausgaben dauerhaft steigen, schreibt die ASCE in ihrem Bericht – auf allen staatlichen Ebenen und im Privatsektor.

Denn mit dem Zustand der amerikanischen Infrastruktur sind die Bauingenieure alles andere als zufrieden. Löchrige Leitungen ließen jeden Tag mehr als 22 Milliarden Liter Wasser versickern, heißt es im Bericht – genug um 9000 Schwimmbäder zu füllen. 43 Prozent der amerikanischen Straßen seien in schlechter oder gerade noch durchschnittlicher Verfassung. Und über den Zustand von rund 10.000 Meilen Dämme wisse man schlicht zu wenig, um ihn abschließend zu beurteilen. Kein gutes Zeichen. Unterm Strich reicht es laut ASCE für die amerikanische Infrastruktur gerade noch für die Schulnote C-. Gerade noch befriedigend. Für die größte Volkswirtschaft der Welt ein Armutszeugnis.

17 Kategorien hat der Verband ausgewertet. Gut abgeschnitten hat der amerikanische Bestand lediglich in zweien davon. Demnach seien die Schienen für Güterzüge in gutem Zustand und die Häfen in akzeptabler Verfassung. In fast allen anderen Bereichen steht die Schulnote D – also ausreichend. Und das hat Folgen.



Beispiel Straßen: Die Umwege, die durch kaum noch befahrbare Strecken notwendig werden, kosten den durchschnittlichen Autofahrer demnach rund 1000 Dollar pro Jahr in zusätzlicher Zeit und Benzin. Allein die existierenden Wege und Brücken wieder in Stand zu setzen würde laut ASCE mehr als 500 Milliarden Dollar kosten. Bidens Plan sieht 115 Milliarden Dollar für die Beseitigung der gröbsten Schäden vor. Die soll laut Weißem Haus ausreichen, um 20.000 Meilen an Straßen wieder in Stand zu setzen – und so die rund 160 Milliarden Dollar Extrakosten senken, die jährlich durch Staus und Verzögerungen anfallen.

Beispiel Flughäfen: Lauft ASCE verwaltet die amerikanische Luftfahrt bereits heute einen Investitionsrückstand von rund 111 Milliarden Dollar. Die Folge: Jährlich rund 96 Millionen Minuten Flugverspätung. Derzeit rangiert keine amerikanische Destination mehr auf der Liste der 25 besten Flughäfen der Welt. Um hier wieder aufzuholen, sieht die Vorlage des Präsidenten nun Investitionen von 25 Milliarden Dollar in die Airports vor.



Beispiel öffentlicher Nahverkehr: Hier schneiden die USA besonders schlecht ab. 45 Prozent der US-Bevölkerung hat der Auswertung zufolge überhaupt keinen Zugriff auf Busse und Bahnen. Und die existierenden Systeme sind häufig veraltet. Jedes fünfte öffentliche Verkehrsmittel ist in schlechtem Zustand, gleiches gilt für zahlreiche Tunnel. Schon jetzt beläuft sich der Investitionsrückstau laut ASCE auf 176 Milliarden Dollar. Die Biden Administration kommt zu leicht anderen Zahlen, sieht aber ebenfalls den Bedarf. Rund 85 Milliarden Dollar sollen deshalb im Rahmen des Infrastrukturpakets in den öffentlichen Nahverkehr gepumpt werden – auch um das Netz auszubauen.

Dabei handle es sich auch um eine Bürgerrechtsfrage, so das Weiße Haus. „Haushalte, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, haben eine doppelt so lange Pendelzeit – und Minderheiten-Haushalte nutzen doppelt so häufig öffentliche Verkehrsmittel“, heißt es. Diesen Missstand wolle man abstellen.



Und so geht es immer weiter. Die Administration will sämtliche Wasserrohre mit Bleigehalt ersetzen, Schulen sanieren und das Stromnetz modernisieren. Und sie will jeden Haushalt an Breitband-Internet anschließen, sowie durch ein massives Förderprogramm die E-Mobilität voranbringen. Alle Probleme der US-Infrastruktur wird sie damit nicht abstellen können. Auch können sich erste Kongressabgeordnete wie die linke Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez durchaus ein noch ambitionierteres Programm vorstellen, doch die ersten Rückmeldungen zu Bidens Plänen sind positiv.

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Nun muss er sie mit knappen Mehrheiten durch den Kongress bekommen – alles andere als ein Selbstläufer. Eins hat der Präsident jedoch bereits erreicht: Das Thema Infrastruktur ist in Washington kein Witz mehr.

Mehr zum Thema: Infrastrukturpläne und Staatshilfen beflügeln die US-Baubranche. Maschinenhersteller CAT könnte davon profitieren. Trotz schwacher Geschäftszahlen notiert die Aktie auf Höchstkursen. Bleibt dennoch Luft nach oben?

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