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Analyse der Ausschreitungen in Charlottesville Wie Trump Hass und Gewalt bestärkt

Und dann kam Trump: Politikwissenschaftler werfen dem US-Präsidenten vor, die Gewalt von Charlottesville begünstigt zu haben. Die ethnischen Spannungen hätten sich lange aufgestaut – Trump bringe sie zum überkochen.

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Viele Bürger wehren sich mit Protesten auf der Straße gegen das Verhalten ihres Präsidenten. Quelle: dpa

Washington Die Fernsehbilder waren erschreckend: Amerikaner, die sich auf den Straßen einer ruhigen Uni-Stadt gegenseitig zusammenschlagen. Weiße Rassisten mit Fackeln, Gegendemonstranten, die sie zurückdrängen. Ein Flammenwerfer, gebastelt aus einer Spraydose. Flaschen mit gefrorenem Wasser, die wie Ziegelsteine geschleudert werden.

Kevin Boyle, Professor für amerikanische Geschichte an der privaten Nordwest-Universität in Illinois, verfolgte die Eskalation auf dem Bildschirm – mit Entsetzen und der Erkenntnis, dass Spannungen, die sich seit Jahren verschärft haben, nun schließlich übergekocht sind. „Ich bin schrecklich deprimiert, dass wir an diesem Punkt angelangt sind, aber ich bin nicht überrascht“, sagt er. „Es kam nicht aus dem Nichts.“

Historiker und Politikwissenschaftler haben schon länger davor gewarnt, die amerikanische Politik sei so etwas wie ein Dampfkochtopf voller ethnischer Spannungen geworden, die den Punkt tödlicher Eskalation erreicht haben – wie am vergangenen Samstag in Charlottesville, Virginia. Weißer Rassismus habe stets in Amerikas Schatten gelauert, sagt Boyle. Dann sei Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden, und die weißen Nationalisten hätten sich in ihrem Hass bestärkt gesehen.

„Donald Trump gab ihnen die Erlaubnis, in die wirkliche Welt zu treten“, sagt der Experte. „Solange sie in dieser traurigen kleinen Schattenwelt existierten, in der sie nur untereinander kommunizierten, war das beunruhigend. Aber nicht so grundlegend gefährlich, als wenn sie das Gefühl haben, sie können auf den öffentlichen Marktplatz.“

Die Gewalt in Charlottesville explodierte am Rand einer Kundgebung weißer Nationalisten, Neonazis, Skinheads und Ku-Klux-Klan-Mitglieder gegen einen Stadtratsbeschluss, ein Konföderierten-Denkmal zu entfernen. Mit mehr als 1000 Teilnehmern war es die möglicherweise größte Versammlung dieser Art seit einem Jahrzehnt. Hunderte Gegendemonstranten kamen ebenfalls zum Protest zusammen, es gab rasch gewalttätige Zusammenstöße. Dann fuhr ein Auto in eine Gruppe von friedlichen Anti-Rassismus-Demonstranten, eine Frau starb.

Die Gewalt hatte sich seit Monaten aufgestaut: Wiederholt kam es zu Konfrontationen zwischen der Alt-Right-Bewegung – einem Zusammenschluss weißer Nationalisten, Rassisten und Populisten gegen Einwanderung – und ihren Gegnern. Es begann am 20. Januar, dem Tag, als Trump vereidigt wurde. Am Rande der Zeremonie entwickelten sich Handgreiflichkeiten zwischen seinen Anhängern, darunter einige weiße Rechtsextremisten, und Gegnern.

Damals kam auch Richard Spencer, der Anführer der Alt-Right-Bewegung, nach eigenen Angaben zu der Erkenntnis, dass sich im politischen Diskurs etwas entscheidend geändert hatte. Er gab ein Interview, als jemand auf ihn losrannte und ihm einen Fausthieb versetzte. „Wir sind einer total neuen Welt“, habe er damals gedacht. „Politische Gewalt ist eine reale Sache.“

Tage später warfen Linksradikale auf dem Gelände der Universität von Kalifornien in Berkeley Rauchbomben und schlugen Fenster ein – aus Protest gegen die geplante Rede eines Provokateurs, der den Ultrarechen zugerechnet wird. Seither haben sich gewalttätige Zusammenstöße gehäuft, sei es vor oder während Auftritten von Rechtsextremen an Unis, vor der Entfernung von Denkmälern des Amerikanischen Bürgerkriegs oder ohne besonderen Anlass.


„Trump hat Hass geschürt“

Spencer und andere Anhänger des weißen Nationalismus machen die Gegenseite verantwortlich. „Trumps Wahl hat die radikale Linke in diesem Land aus den Angeln gehoben“, sagt Kyle Bristow, Gründer einer Anwaltsfirma, die sich um die juristische Verteidigung der Alt-Right-Bewegung kümmert.

Aber beide Seiten stimmen generell in ihrer Auffassung darüber überein, wie die Spaltung der Gesellschaft Wurzeln geschlagen hat: Einige weiße Amerikaner fingen an, sich vom Fortschritt ausgeschlossen zu fühlen. Und der Abstieg der weißen Arbeiterschicht fiel mit drastischen kulturellen Änderungen zusammen, mit einer zunehmend demografischen Vielfalt und der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten.

Als Barack Obama gewählt wurde, habe man viel davon gesprochen, dass nun Vorurteile von Herkunft und Abstammung überwunden seien, sagt Steven Hahn, Geschichtsprofessor an der New Yorker Universität. „Aber es dauerte nicht lange, bis der wirklich bösartige Rassismus zum Vorschein kam. Er erwies sich als Anheizer einer enormen Menge an Hass, und ich glaube, dass Trump ihn sowohl geschürt als auch geerbt hat.“

So war der Republikaner lange Zeit ein prominenter Vertreter der „Birther“-Bewegung, die Obamas amerikanische Staatsbürgerschaft und seine Legitimation als Präsident in Zweifel zog. Und in seiner Wahlkampf-Rhetorik über die Gefahren durch illegale Einwanderer schwangen Töne mit, durch die sich Rassisten ermutigt fühlen konnten. Hahn meint, dies habe sich jetzt in Trumps Präsidentschaft fortgesetzt.

Die Gruppen versuchen nun offenbar, sich zu etablieren und salonfähig zu werden. So rief der „Daily Stormer“, eine populäre Alt-Right-Webseite, im Vorfeld der Kundgebung in Charlottesville Anhänger auf, weiße Hauben oder Nazi-Outfits daheim zu lassen. Stattdessen sollten vielmehr Hemden und Anzüge getragen werden, um neue Gefolgsleute zu rekrutieren.

Ob sie bei der Verbreitung ihrer Botschaft Erfolg haben werden, hängt dem Experten Boyle zufolge zum großen Teil davon ab, wie Amerikas politische Führungspersonen reagieren. Trump geriet wegen seiner ersten Antwort, für Gewalt und Hass seien „vielen Seiten“ verantwortlich, ins Kreuzfeuer der Kritik. Auch Republikaner fanden Trumps Reaktion viel zu seicht gegenüber Neonazis und anderen Gruppen. Die Frage ist nun, ob und wie der Präsident einen moralischen Standard für sein Land setzen wird – und wie schnell eine giftige politische Spaltung gegebenenfalls in alle Teile des amerikanischen Lebens einsickert.

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