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Analyse Die Euro-Länder im Check

Die WirtschaftsWoche hat die zehn wichtigsten Euro-Länder geprüft und analysiert, wie wichtig sie für den Euro sind. Nicht alle schaffen den Härtetest.

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Die Länder der Eurozone unter Quelle: dapd

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler hat nur gesagt, was viele Politiker und Experten denken: Eine Staatspleite Griechenlands ist letztlich nicht auszuschließen. Angeblich arbeitet Finanzminister Wolfgang Schäuble auch schon an Notfallsmaßnahmen für den Pleitefall. Wie eine geordnete Insolvenz - wie sie Rösler nicht ausschließen mag und wofür er heftige Kritik einstecken müsste - aussehen könnte, ist weiter völlig unklar. Zumal die rechtlichen Instrumente für einen solchen bislang beispiellosen Vorgang fehlen. Offensichtlich ist hingegen, dass sich die Lage in Griechenland und somit in der gesamten Eurozone weiter zuspitzt.

Stabilitätsanker gesucht

Bis alle Reformen greifen und sich die Schuldenstaaten hoffentlich wieder stabilisieren, wird es allerdings noch Jahre und viele Milliarden Euro benötigen. Bleibt die Frage, wer das innerhalb der Eurozone finanziert und welche Staaten als Stabilitätsanker für die Gemeinschaftswährung dienen. Die WirtschaftsWoche hat deshalb ausgesuchte Länder der Eurozone auf den Prüfstand gestellt und Wirtschaftskraft und Staatsfinanzen unter die Lupe genommen. Den Anfang macht Europas Wirtschaftsprimus Deutschland. Die Analyse von zehn Ländern zeigt: Das Fundament der Währungsunion ist fragil.

Deutschland: Abschwung droht

Angela Merkel Quelle: dpa

Deutschland ist der Zahlmeister der Euro-Zone - daran ändert sich nichts.

Ohne Zweifel: Die Deutschen sind das Zugpferd der Euro-Zone. Wirtschaftlich ist die Bundesrepublik so stark wie seit dem Einheitsboom nicht mehr. Und politisch steht die Bundesregierung in fester Solidarität zu den Euro-Sündern aus dem Süden. Fraglich ist, wie lange sie noch aus dem Vollen schöpfen kann. "Die Deutschen dürfen sich jetzt auf gar keinen Fall auf ihren Lorbeeren ausruhen, sondern müssen weitere, wichtige Reformen anpacken", mahnt ifo-Ökonom Kai Carstensen. Insbesondere das Steuersystem müsse endlich vereinfacht und der Schuldenberg entschlossener als bisher abgetragen werden.

Handlungsbedarf

Deutschland

Tatsächlich hat die Bundesregierung bisher zu wenig unternommen, um das strukturelle Defizit zu reduzieren.

Das könnte gefährlich werden. Derzeit spült zwar der konjunkturelle Aufschwung viel Geld in die Staatskassen, doch die Einnahmen sind nach wie vor niedrig und die Ausgaben zu hoch, um die Gesamtverschuldung deutlich nach unten zu drücken. Das ist aber notwendig: Laut Carstensen könnte die Gesamtverschuldung der Deutschen durch eine erneute Krise auf 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen. Das würde das Land deutlich schwächen und sehr anfällig machen.

Ende des Booms

Und vieles spricht dafür, dass der Abschwung vor der Tür steht: So sank der wichtigste Frühindikator für die deutsche Wirtschaft, der ifo-Geschäftsklimaindex, im August auf den tiefsten Stand seit Juni 2010. Auch der PMI, der Frühindikator für die Industrie, deutet ebenfalls auf eine geringere Wachstumsdynamik hin. Grund ist vor allem die Abkühlung der Weltkonjunktur, die der Exportnation zu schaffen macht.

Fazit: Auf Deutschlands Schultern ruht die Währungsunion - doch geht das Land in die Knie, kommt auch der Euro ins Rutschen.

Finnland: Hilfe nur gegen Pfand

Der finnische Außenminister Quelle: dpa

Die Finnen sind die Musterschüler der Euro-Zone. Gefahr droht trotzdem.

Die Finnen sind Euro-Musterschüler. Sie sind die Einzigen in der Währungsunion, die den strengen Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspaktes genügen: Im vergangenen Jahr lag ihre Verschuldung bei 48 Prozent. 2011 wird laut Schätzungen des IWF das Haushaltsdefizit gerade mal 1,2 Prozent betragen. Ihre Solidarität mit den Euro-Sündern im Süden hält sich in Grenzen. Hilfskredite wollen sie nur gegen ein Pfand gewähren. Eine Euro-Rettung um jeden Preis kommt für sie nicht infrage, dafür sorgt schon die Protestpartei „Wahre Finnen“.

Finnland

Seit Anfang des Jahres stottert das Wachstum. Industrie und Handel leiden unter der Abschwächung des Welthandels und den hohen Rohstoffpreisen. Seit Jahresbeginn sinken die Industrieproduktion und die Handelsumsätze. Die Achillesferse der finnischen Wirtschaft ist die starke Abhängigkeit vom Export - und von Nokia. Zur Jahrtausendwende zahlte die Firma 21 Prozent der Unternehmenssteuern im ganzen Land. Doch diese Zeit ist vorbei.

Top-Rating bleibt

Positiv ist, dass im Umfeld des Konzerns eine neue, erfolgreiche High-Tech-Industrie entstanden ist. Schatten wirft hingegen die schwache demografische Entwicklung. Das wird die bisher niedrige Verschuldung nach oben treiben. Der IWF rechnet für 2016 mit einer Verschuldungsquote über 60 Prozent.

Fazit: Finnland bleibt stark und als Geldgeber zur Euro-Rettung gefragt, solange die Politik mitspielt.

Frankreich: Kurz vor dem Absturz

Nicolas Sarkozy Quelle: dpa

Haushaltslöcher, Überschuldung und strauchelnde Banken gefährden das Top-Rating.

Unter den Euro-Mitgliedern mit der höchsten Bonitätsbewertung hat Frankreich die meisten Schulden. Die ausstehenden Zahlungen betragen 88 Prozent der Wirtschaftsleistung. Sollte Frankreich weitermachen wie bisher, so haben die Analysten Olivier Bizimana und Elaine Lin von der Investmentbank Morgan Stanley errechnet, wird die Verschuldung bis 2020 auf 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen. Schon jetzt muss das Land allein für die Tilgung der Zinsen jährlich 50 Milliarden Euro aufbringen.

Neue Löcher

Frankreich

2011 dürfte das Etatdefizit bei 5,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen - beinahe doppelt so viel wie der Maastricht-Vertrag erlaubt. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy will deshalb eisern sparen. Doch der Erfolg ist ungewiss: Anders als erhofft, wird die Wirtschaft 2012 nicht um 2,25 Prozent wachsen, sondern laut IWF allenfalls um plus 1,9 Prozent. Für den Staat heißt das: Er wird weniger Steuer- und Sozialabgaben einnehmen. Die Morgan-Stanley-Ökonomen warnen: Frankreich hat es in den vergangenen 40 Jahren nicht geschafft, eine einzige Haushaltskonsolidierungen erfolgreich durchzuziehen.

Ein zusätzliches Risiko geht vom Finanzsektor aus. In den vergangenen Jahren hat der französische Staat den fragilen Bankensektor mit zusätzlichen Garantien und Krediten gepäppelt. Laut Daten der EU-Kommission beliefen sich diese indirekten Verbindlichkeiten Ende 2010 auf 90 Milliarden Euro. Das sind 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Eine weitere Eskalation der Euro-Krise könnte die Banken stark in Bedrängnis bringen und die bereits sehr hohe Staatsverschuldung noch weiter nach oben treiben.

Fazit: Das zweitgrößte Euro-Land könnte leicht den Anschluss verlieren. Eine Herabstufung des Ratings ist sehr wahrscheinlich.

Niederlande: Stütze für den Euro

Hafen in den Niederlanden Quelle: dpa

Die Wirtschaft wächst, die Ratingagenturen vergeben Bestnoten.

Die Ratingagenturen bewerten die Niederlande mit der höchsten Bonitätsnote - zu Recht, denn die kleine Exportnation hat sich zu einem wichtigen Stabilitätsanker der Euro-Zone entwickelt.

Niederlande

Mit einer Staatsverschuldung von etwa 65 Prozent und einem Haushaltsdefizit von 5,2 Prozent im vergangenen Jahr entspricht das Land zwar noch nicht den Maastricht- Kriterien, doch die Regierung ist ehrgeizig: Laut IWF werden die Niederländer es 2012 schaffen, die Drei-Prozent-Grenze zu unterschreiten und ab 2014 ihr Budgetdefizit unter zwei Prozent zu drücken. Hinzu kommt: Die Niederländer sind sehr produktiv. Pro Arbeitsstunde erwirtschaften sie mehr als 40 Euro - und hängen damit sogar die Deutschen ab. Dank ihrer hohen Wettbewerbsfähigkeit verbuchen sie kräftige Zahlungsbilanzüberschüsse: 2011 werden die Forderungen gegenüber dem Ausland fast acht Prozent des BIPs betragen.

Doch die Exportabhängigkeit macht das Land auch anfällig. So schrumpfte das BIP 2009 um fast vier Prozent, weil die Exporte im Zuge der Weltwirtschaftskrise um fast neun Prozent einbrachen. Eine weitere Zuspitzung der Euro-Krise und eine Abkühlung der Weltkonjunktur könnte deshalb der niederländischen Wirtschaft schaden, die derzeit mit Raten zwischen 1,5 und 1,7 Prozent wächst. Erste Anzeichen gibt es: So fällt etwa der Geschäftsklimaindex der EU-Kommission seit März für die Niederlande.

Fazit: Die Niederländer sind zwar exportabhängig, aber eine Stütze für den Euro. 

Belgien: Königreich ohne Regierung

Brüssel Quelle: dpa

Die Wirtschaft läuft prächtig, aber die Schulden sind gigantisch hoch.

Die Verschuldung ist fast so hoch wie die Wirtschaftsleistung eines Jahres, und schon seit mehr als einem Jahr gibt es keine Regierung mehr. Kein Zufall, dass das Land der Flamen und Wallonen ins Visier der Finanzmärkte geraten ist. Zwei Ratingagenturen drohten bereits mit der Herabstufung.

Gut im Wettbewerb

Belgien

Die wirtschaftliche Entwicklung des Kunststaates ist indes vorbildhaft: Das Land kann hohe Wachstumszahlen, Investitionen und Leistungsbilanzüberschüsse vorweisen.

Die Wettbewerbsfähigkeit ist dank niedriger Lohnstückkosten hoch. Hinzu kommt, dass die Belgier sehr produktiv sind. Pro Arbeitsstunde erwirtschaften sie laut OECD-Statistik 41,70 Euro und liegen damit vor den Deutschen, die nur auf 39,10 pro Stunde kommen. In Zukunft hängt viel daran, wie sich die globale Wirtschaft entwickelt. Mit seinen vielen kleinen Unternehmen ist das Land stark vom Welthandel abhängig. Was die Verschuldung betrifft, sind Experten optimistisch.

Schon in der Vergangenheit haben die Belgier bewiesen, dass sie sich an strikte Sparprogramme halten können. Allerdings brauchten sie dafür sehr lange. Zwischen 1993 und 2007 senkten sie ihre Verschuldung von 136 auf 84 Prozent.

Fazit: Belgien muss seine Schulden schnell und drastisch senken, um in der Euro-Zone bestehen zu können. Sollte die Konjunktur deutlich abkühlen, könnte das exportabhängige Land ins Schleudern geraten.

Spanien: Fast jeder zweite Jugendliche arbeitslos

Gewitter über San Sebastian, Quelle: dpa

Die Wirtschaft schrumpft, die Immobilienblase schwächt Sparkassen und Unternehmen.

Seit 2008 ist Spanien am Ende, die Wirtschaftskraft schrumpft, die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent, unter den Jugendlichen sind es sogar 45 Prozent. Das Haushaltsdefizit betrug im vergangenen Jahr 9,2 Prozent. Doch nicht der Staat ist in Spanien das größte Problem, sondern die Privatwirtschaft. Die private Verschuldung liegt nach Schätzung der Ratingagentur Standard & Poor?s bei 178 Prozent des BIPs. Die geplatzte Immobilienblase schwächt Sparkassen und Unternehmen. Vor allem kleine und mittelgroße Institute haben Probleme, sich zu refinanzieren.

Beim Stresstest für Europas Banken kamen im Juli fünf der insgesamt acht durchgefallen Geldhäuser aus Spanien - und das, obwohl die Kriterien relativ lasch waren.

Löhne runter

Spanien

Madrids schwerste Aufgabe ist es, das Vertrauen der Märkte wiederzuerlangen Doch das wird schwer. Die EZB griff den Spaniern bereits unter die Arme und kaufte Staatsanleihen. Nur so konnte der Druck der Märkte etwas gelindert werden.

Für die Zukunft sieht es düster aus, die Iberer müssen sich mächtig anstrengen, um in der Währungsunion mitzuhalten: Die Exporte an wirtschaftlich starke Länder der Euro-Zone wie Deutschland und der Tourismus sind die einzigen Wachstumspfeiler des Landes. Ansonsten ist Spanien kaum wettbewerbsfähig. Bereits vor der Schuldenkrise stellte eine EU-Studie fest, dass Löhne und Gehälter um zweistellige Prozentsätze sinken müssten. Die Produktivität ist mit 24,80 Euro pro Arbeitsstunde zwar deutlich höher als in Griechenland, wo nur 17,50 Euro erwirtschaftet werden. Allerdings hinken die Spanier deutlich hinter hoch entwickelten Ländern wie Deutschland her, deren Arbeitsproduktivität bei mehr als 39 Euro liegt.

Fazit: Spanien befindet sich in einer lang anhaltenden Krise und hält auf Dauer mit stärkeren Euro-Ländern nicht Schritt.

Italien: Wachstum mickrig, Schulden turmhoch

Italiens Premierminister Quelle: Stringer/REUTERS

Die Italiener wollen sparen - aber bitte nur ein bisschen. Aber das reucht nicht.

Italiens Staatsverschuldung ist schon seit über zehn Jahren astronomisch hoch, jetzt erreichte sie 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Wachstum ist mickrig und die Wirtschaft reformbedürftig. Trotzdem galt die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone lange als einigermaßen robust. Die Wirtschaft ist im Kern - zumindest im Norden - gesund, das Leistungsbilanzdefizit hält sich mit etwa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Grenzen, Auslandsschulden machen nur 39 Prozent an den gesamten Staatsverbindlichkeiten aus.

Zudem sind die Schulden mit einer durchschnittliche Restlaufzeit der Anleihen von sieben Jahren eher langfristig.

Italien

Dennoch geriet das Land in den Fokus der Märkte. Die Kurse stürzten ab, die Renditen schossen in die Höhe. Die EZB griff ein, kaufte italienische Staatsanleihen und sorgte so für Beruhigung. Italiens Kabinett beschloss rasch Kostensenkungen und Steuererhöhungen im Volumen von 45,5 Milliarden Euro. Damit wollte das Land bereits 2013 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Tatsächlich wäre eine Sanierung der italienischen Finanzen möglich: Die Neuverschuldung lag 2010 nur bei 4,7 Prozent. Doch die Italiener neigen zu Dolce Vita.

Nachdem sich die Turbulenzen auf den Märkten gelegt hatten, lockerten sie ihr Sparprogramm. EZB-Chef Jean-Claude Trichet warnte die Italiener davor, ihre bisher drittbeste Bewertung im Schuldendienst zu verspielen. Nun will Ministerpräsident Silvio Berlusconi vielleicht doch ernsthafter sparen.

Herabstufung droht

Dennoch stellen sich die Finanzmärkte auf schlechte Nachrichten ein. Die Ratingagentur Moody´s, heißt es, werde nächst Woche das Land herabstufen, die beiden andern Agenturen würden folgen.

Fazit: Italien könnte stabil bleiben, doch die politische Führung vergrätzt die Märkte.

Irland: Bangen um die Banken

Die irische Flagge vor dem Quelle: dpa

Die Zukunft der Insel liegt in der Hand der Banker.

Die Zahlungsfähigkeit des irischen Staates hängt am Schicksal der Geldhäuser, denn die Regierung bürgt für die Banken. Bereits nach dem Platzen der Immobilien-Blase hat sich die Regierung bei der Rettung der maroden Geldhäuser übernommen: Die Staatsverschuldung wird von 65 Prozent in 2009 auf 114 Prozent in 2011 steigen. Die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich und lag zuletzt bei 14,7 Prozent. Eine Erholung ist nicht in Sicht.

Irland

Der IWF erwartet 2011 ein Wachstum von mickrigen 0,5 Prozent, und auch Frühindikatoren wie der PMI für die deutsche Industrie signalisieren bisher keinen Aufschwung. Mitte Juli senkte die Ratingagentur Moody´s die Bonität des Landes auf Ramschstatus und trieb die Renditen für Staatsanleihen auf Rekordhöhe. Ist Irland dem Untergang geweiht? Positive Nachrichten kommen von der Troika aus EU, EZB und IWF: Die Sanierung laufe wie geplant, heißt es. Die Märkte honorieren die Sparbemühungen: Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ist in den vergangenen Wochen von 14 auf 8 Prozent gesunken.

Rainer Guntermann von der Commerzbank ist deshalb optimistisch, dass Irland in zwei Jahren wieder private Gläubiger findet. Hinzu kommt: Die irische Wirtschaft ist sehr wettbewerbsfähig. Allerdings müssten die Iren, um ihre Staatskassen zu füllen, Unternehmen nicht mit Steuervorteilen ködern, sondern die bisher sehr hohen Lohnstückkosten senken.

Fazit: Solange keine neuen Hiobsbotschaften von den Banken kommen, drohen Irland keine weiteren Herabstufungen.

Portugal: Viel Wille, wenig Kraft

Proteste gegen Moody´s in Quelle: Hugo Correia/REUTERS

Die Regierung drückt bei der Sanierung mächtig aufs Tempo. Doch das Land braucht mehr.

Geht es nach Portugals Ministerpräsident Pedro Passos Coelho, erlebt sein Land den härtesten Belastungstest seit der Nelkenrevolution 1974. Gemeint ist das Sanierungsprogramm, mit dem das Land wirtschaftliche Stabilität und das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen will. Ab 2013 peilt Portugal die Rückkehr auf den privaten Kapitalmarkt an. Geht es aber so weiter wie bisher, werden die Gläubiger weiterhin hohe Risikoprämien fordern - die nächste Rettungsrunde wäre fällig.

Portugal

Noch steuert Coelho dagegen: Senkung der Staatsausgaben, Einfrieren der Löhne im öffentlichen Dienst, Steuererhöhung für höhere Einkommen und für Unternehmen: Von einem Jahresgewinn von 1,5 Millionen Euro an werden Letztere mit einer zusätzlichen Körperschaftsteuer von drei Prozent belastet. Coelho will so das Defizit, das 2010 noch 9,1 Prozent des BIPs betragen hat, bis 2015 auf 0,5 Prozent drücken. Doch der Spareifer könnte die Konjunktur gefährlich schwächen.

2011 wird die Wirtschaft laut Schätzungen des IWF um 1,5 Prozent schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als zehn Prozent. Hinzu kommt: Das Land braucht dringend Strukturreformen. Portugals Wirtschaft ist kaum wettbewerbsfähig, das Zahlungsbilanzdefizit liegt bei mehr als zehn Prozent, die Produktivität ist mit 16 Euro pro Arbeitsstunde äußerst gering. Außerdem braucht das Land dringend Investitionen.

Fazit: Portugal strengt sich an, bleibt aber ein Sorgenkind der Euro-Zone.  

Griechenland: Tragödie ohne Ende

George Papandreou Quelle: dapd

Die Lage ist aussichtslos. Die Zukunft in der Euro-Zone ungewiss.

In Griechenland gelten zwei Gesetze. Erstens: Es kommt schlimm. Zweitens: Es kommt noch schlimmer. Zu Beginn des Sanierungsprogramms im Mai 2010 ging Athen noch davon aus, dass die Wirtschaft 2011 um 2,6 Prozent schrumpfen wird. Ein Jahr später lag die Minus-Schätzung schon bei 3,5 Prozent. Im August korrigierte Finanzminister Evangelos Venizelos die Prognose auf minus 4,5 Prozent. Zuletzt waren es mehr als fünf Prozent.

Im Staatshaushalt sinken die Einnahmen und steigen die Ausgaben. Überflüssige Staatsbetriebe oder -behörden werden nicht geschlossen, zugesagte Kürzungen nicht verabschiedet.

Griechenland

Das Haushaltsloch war Ende Juli 15,57 Milliarden Euro groß. Statt des ursprünglich angepeilten Defizits von 7,6 Prozent des BIPs werde es 2011 über acht Prozent liegen, so griechische Offizielle. Die Troika-Experten gehen von mindestens 8,6 Prozent aus.

Das grundsätzliche Dilemma der Griechen sind die katastrophal niedrige Produktivität von 17,50 Euro pro Arbeitsstunde und ein unerträgliches Defizit in der Leistungsbilanz. Um wettbewerbsfähig zu werden, müssten die griechischen Löhne um 20 bis 30 Prozent sinken - das ist politisch nicht durchsetzbar.

Hinter Äthiopien

In einer Weltbank-Studie, die das Investitionsklima misst, fiel Griechenland 2011 von Rang 97 auf 109 zurück und liegt nun hinter Äthiopien und Bangladesch. Ausländische Direktinvestitionen schrumpften 2010 um zehn Prozent auf mickrige 2,18 Milliarden Dollar. Eine Unternehmensgründung erfordert in Griechenland 15 Schritte, im Durchschnitt der OECD-Staaten sind es weniger als sechs.

Fazit: Die Sanierung kommt kaum voran, die Euro-Retter werden wohl noch viel mehr Geduld und Geld investieren müssen, um Griechenland in der Währungsunion zu halten.

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