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Arabische Revolten Volksarmee mit fetter Beute

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Das locker bebaute Heliopolis ist gespickt mit Klubs der Landstreitkräfte und der Luftwaffe. Tennisplätze, Golfrasen und große Schwimmbäder, Hotels und Tanzpaläste gehören zu diesen Anlagen. Doch ähnlich wie das Kaufhaus reservieren die Offiziere diese nicht nur für sich selbst. Jeder Ägypter kann seine Hochzeit im Armeeklub buchen. Auch das ist billiger als in der zivilen Welt. Ägypter besuchen in Scharen das bestens ausgestattete Galaa-Familien-Militärkrankenhaus in Heliopolis, wo Soldaten die Wäsche waschen, den Granitboden polieren und den Stechpalmengarten pflegen. Die Unternehmen der Volksarmee haben beides im Blick: staatliche Fürsorge und postsozialistischen Profit.

So wurde das Militär in den letzten Jahren zum natürlichen Rivalen der Mubarak-Familie. Auch das erklärt, warum die Revolte am 11. Februar erfolgreich war. Gamal Mubarak, der Sohn des gestürzten Herrschers, leitete das einflussreiche Politkomitee der Regierungspartei NDP. Als Investment-Experte bei einer US-Bank in London hatte er gelernt, was den Offizieren missfiel: schnelle Privatisierung und wirtschaftliche Liberalisierung. Die Reformen nach Wall-Street-Muster, dazu die ausufernde Korruption der Minister, die Bereicherung des Mubarak-Clans, die undurchsichtigen Beteiligungen an US-Firmen widerten das Offizierskorps zunehmend an. Da half auch nicht, dass Mubarak selbst ein hochdekorierter Luftwaffengeneral war.

Steht die Armee also aufseiten der jungen Revolutionäre vom Tahrir-Platz, die nun auf Demokratie hoffen? Oder hat sie einen autoritären Geheimplan für das neue Ägypten? „Wir sind alt“, sagt der Ex-Soldat über seine Generation, zu der auch der augenblickliche Machthaber Feldmarschall Mohammed Tantawi gehört. „Alte Leute machen sich viele Sorgen.“ Die hohen Offiziere und Generäle fürchten, dass Ägypten aus den Fugen geraten könnte. Kaum dass der Herrscher gestürzt sei, gingen nun alle mit ihren Forderungen auf die Straße. Eine Welle von sozialen Unruhen erschüttere das Land. „Das beunruhigt Soldaten“, sagt der Ex-Offizier. Was der Generalstab wolle: Stabilität, Ordnung, Sicherheit.

Unabhängiges Juristenkomitee

Das sind ganz andere Ziele als jene der türkischen Armee, die in diesen Tagen gern zum Vergleich herangezogen wird. Die Streitkräfte in Ankara gründeten die Türkei, sie wollten die Bevölkerung nach der Lehre von Kemal Atatürk erziehen. In vier Putschen stürzten sie vom Volk gewählte Regierungen. Sie diktierten Verfassungen und befahlen, wie man zu denken und sich zu kleiden habe. Es ist die Ideologie, die der ägyptischen Armee abgeht. Sie bemächtigte sich in der Militärrevolte 1952 des Staates, aber sie wurde seit den siebziger Jahren allmählich aus dem politischen Geschäft herausgedrängt. Zwischen den ehemaligen Generälen, die sich ans Regieren machten, und den Soldaten wuchs der Abstand. „Die Armee will den Staat erhalten, nicht umkrempeln“, sagt der Ex-Offizier.

Die jungen Revolutionäre vertrauen darauf. „Bei uns haben die Streitkräfte einen besonderen Platz“, sagt Schadi al-Ghasaly, ein 32-jähriger Chirurg und Planer des Aufstands. „Wir wollen ihre Revolte von 1952 nicht in den Schmutz ziehen, aber nun müssen sie unsere Revolution von 2011 unterstützen.“ Etwas unwohl war al-Ghasaly und seinen Mitstreitern schon angesichts der Macht, die am Freitag voriger Woche Ägypten übernahm. Er empfand es als Erleichterung, dass der Hohe Militärrat die junge „Revolutionäre Koalition“ zu Gesprächen lud. Nun ist ein unabhängiges Juristenkomitee eingesetzt, um eine demokratische Verfassung auszuarbeiten. Ein General verkündete am Dienstag, dass schon in einer guten Woche Ergebnisse vorliegen sollen. „Wir haben ein gesundes Verhältnis zum Militär aufgebaut“, sagt al-Ghasaly über die ersten Tage. Die Privilegien der Streitkräfte, ihr Geschäftsimperium möchten die jungen Revolutionäre übrigens nicht antasten. So könnte ein demokratischer Deal mit der Armee am Ende aussehen.

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