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Arabische Revolten Volksarmee mit fetter Beute

Das Schicksal Ägyptens liegt in der Hand des Militärs. Es will Ruhe - und Schutz für seine Wirtschaftsinteressen.

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Soldaten Quelle: dapd

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Einige Gebäude in Kairo sind so sicher, dass kein Panzer davorstehen muss. Die Militärakademie im Stadtteil Heliopolis etwa, ein mehrere Hektar großes Gebiet mit Universität, Moschee, Sporthalle und Fußballarena. Dort hat der Chef der Armee und derzeit mächtigste Mann Ägyptens eine eigene Tribüne: Feldmarschall Mohammed Tantawi. Er war die rechte Hand Mubaraks, ein loyaler Verteidigungsminister, bis er am elften Tag der Proteste auf den Tahrir-Platz zu den Demonstranten ging. Da zeichnete sich ab, dass die Armee nicht eingreifen würde wie 1986, als sie im Auftrag des Präsidenten einen Aufstand der Sicherheitskräfte erstickte. Diesmal weigerte sich der Generalstab, die Revolte niederzuschießen. Das war das Ende Mubaraks.

In das lichtgelbe Hauptgebäude der Akademie geht es durch einen Ehrenhof, vorbei an Säulen mit korinthischen Kapitellen, Marmortreppen. Ein Dozent der Akademie erzählt von seinen Schülern, hohen Offizieren und Generälen. „Sie kommen aus der ägyptischen Mittelklasse.“ Das unterscheide sie von der alten Mubarak-Elite, deren schamlose Bereicherung sie verachteten. Überhaupt verdächtigen sie die Gesellschaft außerhalb des Kasernentors, korrupt zu sein. „Sie sind sehr konservativ“, sagt der Dozent. Ruckartige Veränderungen fürchten die Offiziere ebenso wie die mögliche Stärke der Muslimbrüder. Der militärische Geheimdienst achte darauf, dass sie ihren Einfluss in den Streitkräften nicht ausdehnten. Dabei seien die Offiziere meist selbst religiös, aber nicht im Sinne des politischen Islams. Der Dozent unterbricht seine Lektionen während der Gebetszeiten. „Die Soldaten sind aus dem Volk, sie sind wie das Volk.“

Das war in den Tagen des Aufstands gut zu beobachten. Die Truppen auf dem Platz der Befreiung in Kairo hatten keine Berührungsängste. In der Nacht, in der Mubarak stürzte, küssten sich Soldaten und Revolutionäre vor Glück. Hätte es zuvor einen Schießbefehl gegeben, wären die Streitkräfte wahrscheinlich zerbrochen, sagen viele Ägypter. Die Armee stand Spalier für den Umsturz und rettete sich dabei selbst – als wichtigste intakte Institution des Staates. Auch für die Demonstranten bleibt sie der Stolz der Nation.

Strategischer Zickzackkurs

Unweit der Militärakademie hat der Stolz ein Museum: das Panorama des Kriegs gegen Israel von 1973. Im Garten mähen Soldaten in bordeauxroten Pullis den Rasen, Sprenger befeuchten die Blumenbeete. Drei Panzer erzählen vom strategischen Zickzackkurs der Armee im 20. Jahrhundert. Ein englischer Mark-IV-Churchill aus den dreißiger Jahren, als König Faruks Ägypten unter britischer Kuratel stand. Ein sowjetischer T-54 aus den frühen sechziger Jahren, als Präsident Gamal Nasser Ägypten an die Seite Moskaus führte. Ein amerikanischer M-60, geliefert in den siebziger Jahren, als Staatschef Anwar al-Sadat Richtung Washington schwenkte.

Heute kommt die ganze Ausrüstung aus den USA. Die Armeen sind technisch, finanziell und personell eng verwoben. Ägyptische Soldaten studieren an US-Militärakademien. Die Generalstabschefs hielten während der Revolte engen Kontakt. „Die besten Kontakte Amerikas zu Ägypten überhaupt“, sagt Paul Sullivan von der National Defense University in Washington und langjähriger Dozent in Kairo, „bestehen zwischen unseren Armeen.“ Im vorigen Jahr stellte das Pentagon 210 Millionen Dollar für die Modernisierung ägyptischer Fregatten bereit – zusätzlich zu den jährlich rund 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe. Ein ehemaliger ägyptischer Offizier, der sein gutes Russisch an der Frunse-Akademie in Moskau gelernt hat, sagt: „Unsere Armee kann und will darauf nicht verzichten.“

Harte Fakten

Was immer der einzelne Soldat über die USA denken mag, die harten Fakten bestimmen den außenpolitischen Kurs der Armee. Das gilt auch für Israel. Im kreisrunden Gebäude des Museums läuft ein 3-D-Film, der besingt, wie heroisch die Armee auf dem Sinai 1973 vorstieß. Die israelische Gegenoffensive bleibt unerwähnt. „Wir feiern 1973 als Sieg“, sagt der Ex-Offizier. So schaut die Armee auf Israel: Man hatte es ihnen 1973 gezeigt, sich dann 1979 versöhnt. Seither herrscht Frieden. Aber man ist sich fremd geblieben. Die besten ägyptischen Divisionen wachen an der Nordostfront. „Für uns bleibt Israel eine Bedrohung“, sagt er. Deshalb sei der Friedensvertrag so wichtig. Niemand wolle ein Wettrüsten mit Israel, niemand wolle die einträgliche Beziehung mit Amerika zerstören. „Die Armee hat klare Interessen“, sagt der Ex-Offizier. Keine Einmischung von außen. Keine Unruhe an den Grenzen. Keinen Krieg. Das würde in einem demokratischen Ägypten nicht anders sein.

Das Wesen der Armee steht in starkem Kontrast zum Tempo der Umwälzung. Im Generalstab bestimmen längerfristig denkende und bedächtig agierende Soldaten das Geschehen, stets mit Blick auch auf ihre Sonderinteressen. Der Stadtteil Heliopolis ein Parcours der Militärpfründen. Überall stehen solide gebaute Hochhäuser mit den Wohnungen der Soldatenfamilien. Hinter der Militärakademie unterhält die Armee ein Kaufhaus. Auf fünf Etagen gibt es dort Fernseher, Staubsauger, Kühlschränke zu kaufen, der Discounter hält griechische Schokolade, türkische Unterhosen der Marke Osman brothers und deutsches Bier bereit, alkoholfrei natürlich. Die Armee führt die Waren zollfrei oder stark ermäßigt ein und verkauft sie hier an die Soldaten und an die Bevölkerung – weit unter Marktpreisen. Daran verdienen alle, die Ägypter und die Armee. In den oberen Stockwerken ist die Möbelabteilung. Voluminöse Schminktische, Ebenholzschränke und die Sitzgruppe Mohammed Ali mit Brokatbezug und Goldfüßchen stehen hier zum Verkauf – frisch lackiert aus den Möbelfabriken der Armee. Dort arbeiten Soldaten und bekommen ein kleines Salär, werden Analphabeten zu Schreinern herangezogen, überwachen ehemalige Offiziere die Produktion. Die Streitkräfte lassen Bekleidung und Spielzeug, Brot und Hühnerfilets herstellen, sie betreiben Wasserwerke und Getreidefarmen, schrauben amerikanische Panzer zusammen. Ein Fünftel der Wirtschaft soll unter Armeeaufsicht stehen.

Das locker bebaute Heliopolis ist gespickt mit Klubs der Landstreitkräfte und der Luftwaffe. Tennisplätze, Golfrasen und große Schwimmbäder, Hotels und Tanzpaläste gehören zu diesen Anlagen. Doch ähnlich wie das Kaufhaus reservieren die Offiziere diese nicht nur für sich selbst. Jeder Ägypter kann seine Hochzeit im Armeeklub buchen. Auch das ist billiger als in der zivilen Welt. Ägypter besuchen in Scharen das bestens ausgestattete Galaa-Familien-Militärkrankenhaus in Heliopolis, wo Soldaten die Wäsche waschen, den Granitboden polieren und den Stechpalmengarten pflegen. Die Unternehmen der Volksarmee haben beides im Blick: staatliche Fürsorge und postsozialistischen Profit.

So wurde das Militär in den letzten Jahren zum natürlichen Rivalen der Mubarak-Familie. Auch das erklärt, warum die Revolte am 11. Februar erfolgreich war. Gamal Mubarak, der Sohn des gestürzten Herrschers, leitete das einflussreiche Politkomitee der Regierungspartei NDP. Als Investment-Experte bei einer US-Bank in London hatte er gelernt, was den Offizieren missfiel: schnelle Privatisierung und wirtschaftliche Liberalisierung. Die Reformen nach Wall-Street-Muster, dazu die ausufernde Korruption der Minister, die Bereicherung des Mubarak-Clans, die undurchsichtigen Beteiligungen an US-Firmen widerten das Offizierskorps zunehmend an. Da half auch nicht, dass Mubarak selbst ein hochdekorierter Luftwaffengeneral war.

Steht die Armee also aufseiten der jungen Revolutionäre vom Tahrir-Platz, die nun auf Demokratie hoffen? Oder hat sie einen autoritären Geheimplan für das neue Ägypten? „Wir sind alt“, sagt der Ex-Soldat über seine Generation, zu der auch der augenblickliche Machthaber Feldmarschall Mohammed Tantawi gehört. „Alte Leute machen sich viele Sorgen.“ Die hohen Offiziere und Generäle fürchten, dass Ägypten aus den Fugen geraten könnte. Kaum dass der Herrscher gestürzt sei, gingen nun alle mit ihren Forderungen auf die Straße. Eine Welle von sozialen Unruhen erschüttere das Land. „Das beunruhigt Soldaten“, sagt der Ex-Offizier. Was der Generalstab wolle: Stabilität, Ordnung, Sicherheit.

Unabhängiges Juristenkomitee

Das sind ganz andere Ziele als jene der türkischen Armee, die in diesen Tagen gern zum Vergleich herangezogen wird. Die Streitkräfte in Ankara gründeten die Türkei, sie wollten die Bevölkerung nach der Lehre von Kemal Atatürk erziehen. In vier Putschen stürzten sie vom Volk gewählte Regierungen. Sie diktierten Verfassungen und befahlen, wie man zu denken und sich zu kleiden habe. Es ist die Ideologie, die der ägyptischen Armee abgeht. Sie bemächtigte sich in der Militärrevolte 1952 des Staates, aber sie wurde seit den siebziger Jahren allmählich aus dem politischen Geschäft herausgedrängt. Zwischen den ehemaligen Generälen, die sich ans Regieren machten, und den Soldaten wuchs der Abstand. „Die Armee will den Staat erhalten, nicht umkrempeln“, sagt der Ex-Offizier.

Die jungen Revolutionäre vertrauen darauf. „Bei uns haben die Streitkräfte einen besonderen Platz“, sagt Schadi al-Ghasaly, ein 32-jähriger Chirurg und Planer des Aufstands. „Wir wollen ihre Revolte von 1952 nicht in den Schmutz ziehen, aber nun müssen sie unsere Revolution von 2011 unterstützen.“ Etwas unwohl war al-Ghasaly und seinen Mitstreitern schon angesichts der Macht, die am Freitag voriger Woche Ägypten übernahm. Er empfand es als Erleichterung, dass der Hohe Militärrat die junge „Revolutionäre Koalition“ zu Gesprächen lud. Nun ist ein unabhängiges Juristenkomitee eingesetzt, um eine demokratische Verfassung auszuarbeiten. Ein General verkündete am Dienstag, dass schon in einer guten Woche Ergebnisse vorliegen sollen. „Wir haben ein gesundes Verhältnis zum Militär aufgebaut“, sagt al-Ghasaly über die ersten Tage. Die Privilegien der Streitkräfte, ihr Geschäftsimperium möchten die jungen Revolutionäre übrigens nicht antasten. So könnte ein demokratischer Deal mit der Armee am Ende aussehen.

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