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Arabische Welt Achse des Misstrauens

Zehn Jahre nach den Terroranschlägen belastet noch immer großes Misstrauen das Verhältnis zwischen dem Orient und dem Westen. Geschäfte lassen sich so nicht machen.

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Hauptsache Spektakulär Quelle: DPA

Ende August fallen zehn Soldaten im Gefecht mit al-Qaida-Kämpfern. Ein Aufständischer beklagt 26 Tote auf der eigenen Seite, rühmt aber die Hartnäckigkeit seiner Truppe, die der verhassten Regierung seit Monaten die Provinzhauptstadt Dschindschibar streitig macht.

Auch das ist arabische Wirklichkeit zehn Jahre nach den Anschlägen Osama Bin Ladens auf die USA. Nur ist der Kriegsschauplatz eine abgelegene Gegend im armen Bürgerkriegsland Jemen, wo die wilden Männer mit dem al-Qaida-Etikett lediglich eine von mehreren gegeneinander kämpfenden Formationen sind. Stark genug, ein schwaches Land zu terrorisieren und von dort gelegentlich Paketbomben in die Welt zu schicken. Aber viel zu schwach, um heute noch die Ereignisse in den Zentren der arabischen Welt von Tunis und Kairo bis Dschidda und Abu Dhabi zu beeinflussen. In Libyen und Syrien ist viel Blut geflossen. Im revolutionären Ägypten und in den unter der Oberfläche unruhigen Öl-Monarchien am Golf können die politischen und ökonomischen Konflikte jederzeit zu gewaltsamen Dramen führen. Aber mit Bin Ladens Idee vom Dschihad, dem Heiligen Krieg gegen innere und äußere Feinde des Islams, hat das wenig zu tun.

Zufällige Ziele

„Die Dschihadisten des 21. Jahrhunderts“, sagt der Nahostexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, „sind in der Lage, groß dimensionierte Anschläge zu verüben, bei denen Hunderte, vielleicht sogar Tausende zu Tode kommen könnten. Damit sind sie in der Lage, Gesellschaften zu erschüttern und zu verändern, nicht aber die Existenz von Staaten zu gefährden.“ Noch nicht einmal die des Irak, wo seit der amerikanischen Invasion Dschihadisten mit Mordanschlägen erst das Chaos und dann den großen Glaubenskrieg herbeibomben wollen.

Die meisten Opfer des Dschihadismus sind Muslime, vor allem im Irak und in Pakistan oft Anhänger von Konfessionen, die den Terroristen verhasst sind, immer wieder aber auch völlig zufällige Ziele wie dieses Jahr zum Beispiel in Marokko und immer wieder im Jemen. Mit dieser Taktik haben sich die Terroristen auch unter sehr frommen und fanatischen Muslimen in der arabischen Welt isoliert. Es ist einfach unangenehm, von der Polizei im eigenen Land und erst recht von den Grenzbeamten in Europa und Amerika nur des Aussehens oder gar des Namens wegen kontrolliert und beschattet zu werden.

Unmittelbar nach Osama Bin Ladens Tod Anfang Mai bat die „New York Daily News“ einen Geschäftsreisenden aus Dubai um eine Stellungnahme. Der äußerte gegenüber dem amerikanischen Reporter natürlich Abscheu gegenüber den Terroristen, sagte dann aber etwas für manche New Yorker Leser Überraschendes: „Bin Laden hat uns die Rede- und Reisefreiheit weggenommen, wegen ihm sind wir verdächtig, zu Hause und vor allem im Ausland.“ Wer je nach 2001 die Grenzkontrolle an einem amerikanischen Flughafen passiert hat, weiß, wovon der Mann spricht. Die „Homeland security“ in den USA hat wahrscheinlich mehr als der Irakkrieg von 2003 das Image Amerikas in den muslimischen Ländern beschädigt – ein notwendiges Übel, um eine Wiederholung des 11. Septembers auszuschließen, aber doch ein Übel: Das Vertrauen zwischen Westen und Orient hat einen schwer heilbaren Riss bekommen. Kontrolle ist gut, aber Misstrauen schadet allen Beteiligten.

Er brachte Amerika den Terror Quelle: dapd

Und zwar vor allem den nach „Nine eleven“ jahrelang generell verdächtig anmutenden Arabern. Die Sicherheitskontrollen der USA haben den Graben zwischen ihnen und der westlichen Führungsmacht deutlich vertieft; Araber hörten auf, in Scharen nach Amerika zu reisen, dort zu investieren, zu konsumieren und zu studieren. In Harvard, der renommiertesten amerikanischen Universität, sank die Zahl der arabischen Studenten von 2000 bis 2010 von ungefähr 380 auf 80. Niemand hält die Außenstellen amerikanischer Universitäten in Abu Dhabi und Dubai für einen vernünftigen Ersatz.

Übles Vermächtnis

Wirtschaftlich gelitten haben die wohlhabenden arabischen Länder kaum unter der Entfremdung von Amerika. Dafür hat schon der fast immer steigende Ölpreis gesorgt. Trotzdem: Das geschwundene Vertrauen schmerzt. Als Politiker in Washington 2006 dafür sorgten, dass der Staatskonzern DP World aus Dubai keine Seehäfen in den USA auf Dauer erwerben konnte, brach ein großes Stück Vertrauen aus den Beziehungen zwischen dem Westen und den reichen Arabern. Ein Zustand, dessen unangenehme Folgen in der Schuldenkrise Dubais 2009 und 2010 deutlich wurden.

Das fehlende Vertrauen – in beiden Richtungen – zeigt sich gelegentlich auch zwischen Arabien und dem Westen. Was das größte saudische Bauunternehmen wenigstens nicht daran hindert, deutsche Subunternehmer für Spezialaufgaben beim atemberaubenden Umbau der Pilgerstadt Mekka zu einer Hochhausmetropole heranzuziehen. Nichts in der Tätigkeit des Familienunternehmens Saudi Bin Ladin Group erinnert an das üble Vermächtnis des missratenen Halbbruders von Vorstandschef Bakr Bin Mohammed Bin Ladin, abgesehen vielleicht von der Maßlosigkeit der Ziele.

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