Arabische Welt Blinder Zorn - mit politischem Kalkül?

In der sudanesischen Hauptstadt Khartum haben Eindringlinge die deutsche Botschaft in Flammen gesetzt, heißt es in Agenturmeldungen. Und das nur wenige Tage, nachdem gewaltsame Demonstranten den amerikanischen Botschafter in Libyen ermordet haben, wenige Stunden nach neuen gewaltsamen Krawallen vor der US-Botschaft in Kairo. Setzt der Horror ein arabisches Land nach dem anderen in Brand? Oder kommt alles ganz anders?

Demonstranten in Khartoum Quelle: REUTERS

Angefangen hatte alles mit einem muslimischen Mob, der sengend und brennend die Häuser christlicher Nachbarn stürmte, während die örtliche Polizei tatenlos zuschaute und eher die Opfer als die Täter bedrohte. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Auf dem Monitor, an dem ich jetzt schreibe.
Keine wahre Geschichte: Bis zu dem Mord in Libyen hatte Youtube das erbärmlich schlechte amerikanische Hetzfilmchen weltweit ausgestrahlt, der Millionen Muslime erzürnt und Tausende auf die Straßen gebracht hat. Zur Idiotie des Geschehens gehört, dass diese Leute sich genau so aufführen wie die Laiendarsteller aus Kalifornien, denen ihr Hass gilt. Perfide, aber keineswegs idiotisch ist dagegen die Tatsache, dass der ermordete Botschafter zu den profiliertesten Freunden der arabischen Revolutionsbewegung unter Amerikas Top-Diplomaten zählte.

Das Jahr der Proteste
Arabischer Frühling Quelle: dpa
Occupy Wall Street Quelle: REUTERS
Stuttgart 21 Quelle: REUTERS
Euro (gegen Sparmaßnahmen) Quelle: dpa
Euro (gegen Euro-Rettung) Quelle: dapd
Tottenham Quelle: Reuters
Camila Vallejo Quelle: REUTERS
Anti-Putin-DemonstrationenIn Russland gilt das ungeschriebene Gesetz: Es darf nur demonstrieren, wer das Regime Putin unterstützt. Allein die Furcht vor den Schlagstöcken der Polizei dürften folglich viele Moskauer von der Teilnahme an einer Demonstration gegen die Führung Anfang Dezember abgeschreckt haben. Umso bemerkenswerter, dass dennoch Zehntausende Moskauer am 10. Dezember gegen die Kreml-Partei auf die Straße gehen. Sie schimpfen über angeblichen Betrug bei der Duma-Wahl und fordern den Rücktritt Putins. 52.000 Polizisten sind in der Hauptstadt aufmarschiert, in weiten Teilen halten sie sich zurück. Quelle: dpa
Hunderttausende gegen Atomkraft“Fukushima mahnt: Alle AKWs abschalten.” Gut zwei Wochen nach der Kernschmelze in dem havarierten Meiler Fukushima-Daiichi protestieren am 26. März mehr als 250.000 Menschen in Deutschland gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Allein in der Hauptstadt ziehen rund 100.000 Kernkraft-Gegner mit Trillerpfeifen und Transparenten vom Potsdamer Platz zu einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor. Auch in Hamburg, Köln und München gibt es Groß-Demonstrationen. Der GAU in Japan - oder die Stimmung im Volk!? - verändert schließlich auch die Risiko-Bewertung der Kernkraft von Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hatte sie noch ein halbes Jahr vor der Katastrophe von Fukushima eine Laufzeitverlängerung deutscher Meiler durchgesetzt, vollzog Merkel im Frühjahr und Sommer 2011 eine Kehrtwende. Ihr Kabinett beschließt: 2022 soll in Deutschland das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet werden. Quelle: dapd
Blockade des Castor-TransportsDer Atom-Ausstieg Deutschlands ist seit einem halben Jahr beschlossene Sache. Der Castor-Transport im November wird dennoch der längste und teuerste Atommüll-Transport der deutschen Geschichte. 125 Stunden braucht der hoch gesicherte Konvoi von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague bis zu seiner Ankunft im Zwischenlager Gorleben. Alleine in Deutschland schützen ihn 20.415 Polizisten, 400 Beamte mehr als beim letzten Castor-Transport. Bei Zusammenstößen mit Linksautonomen werden 133 Beamte verletzt, die Beamten setzen zum Teil Wasserwerfer und Schlagstöcke ein. Quelle: REUTERS
Rosenmarsch gegen Gewalt Quelle: dapd

Ob Bengazi in Libyen, Kairo in Ägypten, Khartum im Sudan: Nirgendwo hat einfach ein blinder Volkszorn spontan die Botschaften angegriffen. In Libyen gibt es ein Jahr nach dem Sturz der Gaddafi-Diktatur noch lange kein staatliches Gewaltmonopol, Parteien und bewaffnete Cliquen kämpfen um die Macht. Darunter verbissene Islamisten, die bei den freien Wahlen im Sommer grandios gescheitert sind und jetzt vor allem das Interesse haben, Amerikaner und Europäer aus dem Land zu ekeln. Der Anschlag von Bengazi war gut vorbereitet und organisiert und hatte mit dem ärgerlichen amerikanischen Film eigentlich nichts zu tun. Manche Spuren scheinen darauf hin zu deuten, dass das angeschlagene Terrornetzwerk Al-Kaeda dahinter steckte. Amerikanische Spezialtruppen haben nicht nur letztes Jahr den Terroristenchef Osama Bin Laden getötet, sondern dieses Jahr auch den wichtigen Operationschef der Kaeda, Abu Jahja al-Libi. Der Familienname heißt „der Libyer“, und das war der Spitzenterrorist auch. Zur Machtübernahme in seinem Heimatland sind seine Kampfgefährten viel zu schwach, zu terroristischem Störfeuer aber immer noch in der Lage.

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