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Arbeitsmarkt Großbritanniens verlorene Generation

Deutsche Unternehmen in Großbritannien beklagen die Mängel der britischen Berufsausbildung – ein Grund für die steigende Jugendarbeitslosigkeit.

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Jugendlicher auf Arbeitssuche Quelle: Reuters

Die Dusche leckt, und John ist hilflos. Wie gut, dass es Piotr gibt, seinen polnischen Kollegen. Der hat den Schaden schnell behoben. Polnische Klempner werden in Großbritannien wegen ihrer Qualitätsarbeit geschätzt. Die einheimischen Handwerker und Facharbeiter schneiden im Vergleich dazu wesentlich schlechter ab. Hauptsächlicher Grund: Ihre Ausbildung ist längst nicht so fundiert.

Die Mängel des beruflichen Bildungssystems in Großbritannien machen nicht nur der britischen Jugend den Start in das Berufsleben schwer, sondern auch der dort vertretenen deutschen Industrie zu schaffen. „Das Ausbildungssystem ist zu unübersichtlich und uneinheitlich“, kritisiert Bernd Atenstaedt, Vorsitzender des Vereins German Industry UK und Repräsentant des BDI im Vereinigten Königreich. Weil deutsche Manager das als Belastung für ihre Unternehmen empfinden, engagiert er sich auf der Insel für die Einführung einer einheitlichen dualen Berufsbildung nach deutschem Muster.

Jugendliche in England oft schlecht ausgebildet

So etwas wie eine dreistufige Ausbildung – Lehrling, Geselle, Meister – kennen britische Handwerker und Industriebetriebe nicht. Stattdessen gibt es eine unüberschaubar große Zahl definierter Fertigkeiten (National Vocational Qualifications oder NVQ). Die werden den jungen Leuten in verschiedenen Ausbildungsmodulen nahegebracht. Nach dem Ende der Schulpflicht mit 16 Jahren entscheidet jeder Einzelne, wo und wie er sich welche Fertigkeiten aneignet und von einer Zertifizierungsstelle bescheinigen lässt.

Doch so „ein Training im Job reicht einfach nicht aus, um Qualitätsarbeit und Produktivitätssteigerung zu erzielen“, sagt Bob Bischof, der als Chef der Gabelstaplerspezialisten Jungheinrich UK und Lancer Boss jahrelang Erfahrung mit britischen Arbeitskräften gesammelt hat. Dies gelte sowohl für Berufe im technischen wie im administrativen Bereich.

Ausbildung nach deutschem Vorbild

Einige große deutsche Unternehmen nehmen die Ausbildung junger Mitarbeiter daher selbst in die Hand. Dabei dient „das deutsche System in vielerlei Hinsicht als Vorbild“, sagt BMW-Personalvorstand Harald Krüger. Das Automobilunternehmen bildet derzeit an seinen britischen Standorten Oxford, Swindon, Hams Hall und Goodwood insgesamt 149 Lehrlinge in neun verschiedenen Berufsqualifikationen aus.

Ergänzend dazu bietet eine Reihe britischer Partner-Colleges theoretische Schulungen an. Meistens verbringen die Azubis das erste Ausbildungsjahr am College und wechseln danach ins Unternehmen. Auch Bosch bietet in seiner Niederlassung im walisischen Cardiff eine vierjährige Ausbildung an, die sich am deutschen dualen System orientiert.

Ohne Job (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Dennoch musste Bosch-Personalchef Andrew Castle feststellen, dass viele britische Teenager heute nicht mehr in die verarbeitende Industrie wollen. Für Christine Gaskell, Vorstandsmitglied und Personalchefin bei der VW-Tochter Bentley Motors, hat das viel mit Imageproblemen zu tun: „In Großbritannien ist das verarbeitende Gewerbe fast ein Schimpfwort geworden“, sagt sie.

Die Folge: „Unser Erziehungssystem behandelt die berufliche Bildung stiefmütterlich“, so die Personalchefin. Ex-Bildungsstaatssekretär Lord Tony Young räumt in diesem Zusammenhang auch Fehler der Labour-Regierung ein. „Viel zu lange haben wir uns darauf konzentriert, die Hälfte unserer Jugendlichen an die Universitäten zu bringen“, sagt er. Alternativen zum Studium gelten als zweitklassig.

Aussichten in Deutschland sind besser

In Deutschland, wo nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung rund 65 Prozent der Jugendlichen eine Berufsausbildung absolvieren und sich nicht selten auch Abiturienten für diesen Weg entscheiden, sind Image und Zukunftsaussichten besser. „95 Prozent der Jugendlichen, die eine Berufsausbildung durchlaufen, schließen diese mit dem Gesellenbrief ab“, sagt Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Fast alle – 91 Prozent – finden binnen zwölf Monaten einen Job.

Im Gegensatz dazu schließen nur zwei Drittel der jungen Briten ihre Berufsausbildung mit Erfolg ab. Und die Arbeitslosigkeit unter den 18- bis 24-Jährigen erreichte in Großbritannien zuletzt mit 19,2 Prozent den höchsten Stand seit 16 Jahren. Für diese sogenannten „Neets“ (Not in Education, Employment or Training) sind die Zukunftsaussichten besonders düster.

Manche britischen Kommentatoren sprechen schon von einer verlorenen Generation. Schuld daran hat auch die seit zwölf Jahren regierende Labour-Partei. Sie macht es sich zu einfach, wenn sie die Jugendarbeitslosigkeit nur mit der aktuellen Rezession begründet. Das eigentliche Problem liegt eher darin: Wer nichts richtig kann, wird eben auch nicht wirklich gebraucht.

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