ARD-Interview Wladimir Putin interviewt sich selbst

Der Kremlchef erläutert im ARD-Interview sein Weltbild – und versucht, die Zuschauer mit Halbwahrheiten und windigen Vergleichen einzuwickeln. Bleibt zu hoffen, dass die Deutschen dies auch kritisch einzuordnen wissen.

Wladimir Putin Quelle: dpa

Keine zehn Minuten läuft in der ARD das Interview mit Wladimir Putin – und schon ist klar, wie sehr sich der russische Präsident vom Westen und seinen Werten entfernt hat. Dabei ist es nur eine Geste, die die Distanz deutlich macht. Dieses anerkennende Nicken des mächtigen Russen bei der Feststellung des Interviewers Hubert Seipel, er habe ja auf den Putsch in Kiew „prompt reagiert“ und die „Krim annektiert“.

Der 62-Jährige, der im Interview überhaupt einen souveränen Eindruck macht, wirkt stolz in diesem Moment – wohl wissend, dass es zuhause das „Krim-ist-uns-Gefühl“ ist, das ihm trotz zunehmender Wirtschaftskrise Zustimmungsraten um die 70 Prozent beschert.

Und nicht nur dort. Putin punktet, indem er internationale Regeln verletzt. Sein Fanclub im In- und Ausland wächst, wenn er voller Souveränität den Hooligan der Weltpolitik spielt. Der Stammtisch grölt anerkennend, wenn er sich das Recht des Stärkeren nimmt und geopolitische Fakten schafft. An diesem Sonntag bietet ihm die ARD eingebettet im Talk von Günter Jauch ein Forum, um sein Weltbild des 19. Jahrhunderts gründlich zu erläutern.

Und weil der Interviewer ungern nachhakt, stellt sich Putin seine rhetorischen Fragen selbst: Was ist Völkerrecht? Was ist Demokratie? Wer hat seine Truppen in der ganzen Welt verteilt? Wir Russen? Oder die Amerikaner? Der Kremlchef spielt sich als Oberlehrer einer deutschen Öffentlichkeit auf – und erweist sich einmal mehr als äußerst schwierig zu fassender und kaum zu interviewender Machtmensch.

Putin spricht...

Es bleibt nur zu hoffen, dass der Zuschauer eine kritische Distanz zu Putins Thesen behalten hat. Denn Wladimir Putin spielt mit Lügen und Halbwahrheiten. In der Ukraine, sagt er, bestehe die Gefahr, dass das Land in Richtung Nationalsozialismus abdrifte. „Es sind ja Menschen mit dem Hakenkreuz am Ärmel unterwegs“, behauptet Putin.

Inszenierte Nazi-Bilder

Dabei wurden solche Bilder mit Nazi-Symbolik im kremlhörigen Staatsfernsehen für die russischen Zuschauer inszeniert. Es mag in der Armee rechte Spinner geben – aber in der Gesellschaft spielen sie kaum eine Rolle. Fakt ist, dass die Ukrainer weder bei den Präsidentschaftswahlen im Mai noch bei den Parlamentswahlen im Oktober in nennenswertem Maße für rechtsextreme Parteien gestimmt haben.

Die Ukraine ein Nazi-Land? Ein Mythos, der unwidersprochen stehen bleibt. Selten geht Interviewer Seipel dazwischen, der allenfalls als Stichwortgeber westliche Kritik kursorisch referiert. Dem längst evidenten Vorwurf russischer Waffenlieferungen an die Separatisten in der Ost-Ukraine darf Putin vollkommen ausweichen. „In der modernen Welt kann man sich die Waffen überall beschaffen“, so der Kremlchef – nur um mit dem blanken Unsinn fortzufahren, die ukrainische Armee wolle im Ostteil ihres Landes „alle vernichten“.

Wie Muskelprotz Putin sich fit hält
In Sotschi ließ sich Sportfan Wladimir Putin nicht nur auf den Tribünen blicken. Hier posiert er mit Teilnehmern der Paralympischen Spiele. Quelle: dpa
Mit schicker Sonnenbrille... Quelle: rtr
...verfolgte er die Wettkämpfe auf den Pisten von Krasnaya Polyana. An seiner Seite: der russische Sportminister Vitaly Mutko. Quelle: dpa
Hier geht es im Sessellift mit Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew (Mitte) auf den Berg – zur nächsten Abfahrt. Quelle: rtr
Um ein wenig Muskeln aufzubauen, hat Wladimir Putin als schmächtiger Junge den Nutzen von Judo erlebt. 2005 stieg er zu Showzwecken noch einmal auf die Matte. Quelle: AP
Mit seinen Kampfsportkenntnissen – die er hier bei einer Trainingsstunde in St. Peterburg noch einmal vorführte – konnte sich der als schwächlich beschriebene „Wolodja“ in seiner Heimatstadt gegen stärkere Nachbarjungs verteidigen. Quelle: REUTERS
Legendär sind die Aufnahmen, die Putin in freier Wildbahn zeigen. Hier als Indiana-Jones-Double in Sibirien... Quelle: AP

Zwischendurch gibt es immer wieder Momente, in denen Putin schlichtweg Recht hat. So hätte die Regierung in Kiew frühzeitig auch im Osten „erklären sollen, dass sie nichts Schlimmes im Schilde führt“. Sie hätte einen Dialog mit den Menschen im Südosten des Landes führen müssen, die den Umsturz nicht anerkennen.

Stimmt absolut. Nicht nur in der Kommunikation hat die Maidan-Bewegung wie die neue Regierung eklatante Fehler gemacht. Ihre vorbehaltlose West-Orientierung und die Abneigung gegen Russland ist naiv, falsch und absolut nicht zielführend. Und sicher tut der Westen zu wenig, um die Kiewer von ihrem Anti-Russland-Irrweg abzubringen.

Einordnung von Putins Positionen

Bei Putin aber dauert es wieder nur Sekunden, bis er dem Halbwahrheiten entgegensetzt. Erst als Kiew mit nächtlichen Verhaftungen von Andersdenkenden begonnen habe, hätten die Menschen im Osten zu den Waffen gegriffen. In Wahrheit stand die Mehrheit der Ost-Ukrainer jenen windigen Separatisten, die im Frühjahr mit Unterstützung aus Moskau öffentliche Gebäude in den Ostgebieten besetzten, von Beginn an skeptisch gegenüber – zumindest bis die Ukrainer dazu übergingen, die besetzten Gebiete unter Inkaufnahme von zivilen Opfern zurückzuerobern.

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Es braucht viel Hintergrundwissen, um Putins Positionen einordnen zu können. Das bringen weder Interviewer Hubert Seipel noch die Talkshow-Gäste um Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in der Nachbereitung mit. Gut möglich, dass der wohlstandsverwöhnte und von der hiesigen Politik enttäuschte deutsche Michel in Wladimir Putin seinen Meister gefunden hat.

Wovon Putin träumt

Etwa als dieser begründet, warum ein Großteil der Ukrainer den Umsturz in Kiew unterstützt habe: Nämlich in der Annahme, dass „Grenzen geöffnet werden und es möglich sei, in der Europäischen Union zu arbeiten, in Deutschland eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen“.

Putin ist klug genug zu wissen, dass solche Behauptungen bei manchem xenophoben Deutschen die Warnleuchten anspringen lassen. Dabei träumt in der Ukraine kaum jemand vom besseren Leben in Europa – denn wer das tut, ist längst schon drüben. Vielmehr zielten die Maidan-Proteste gegen die schlechte Regierungsführung und wuchernde Korruption im Heimatland ab.

Was übrigens auch die Hauptmotive für Proteste gegen das Putin-Regime in Russland vor drei Jahren waren. Davon träumt der machtversessene Kremlchef sicher noch heute.

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