Argentinien verarmt: „Wenn man denkt, man stecke in einer schlechten Lage, wird es immer noch schlimmer“
Ein Wohnungsloser schläft auf dem Bürgersteig in Buenos Aires, Argentinien.
Foto: AP.Mit müden Gesichtern stellen sich die Bewohnerinnen und Bewohner einer Obdachlosenunterkunft an, um ein heißes Getränk und ein Stück Kuchen als Nachmittagssnack zu bekommen. Einrichtungen wie das Bepo-Ghezzi-Zentrum in Buenos Aires erfahren wachsenden Zulauf: Angesichts einer Inflation von mehr als 100 Prozent kommen immer mehr Menschen in Argentinien kaum noch über die Runden.
Der Anteil der Argentinierinnen und Argentinier, die in Armut leben, stieg im ersten Halbjahr 2023 auf 40,1 Prozent, wie die Statistikbehörde INDEC vor wenigen Tagen mitteilte. Im zweiten Halbjahr des Vorjahres hatte der Wert noch bei 39,2 Prozent gelegen.
Er habe sich seine Wohnung nach einer Mieterhöhung nicht mehr leisten können, sagt der 37-jährige Lionel Pais, der seit drei Wochen im Bepo-Ghezzi-Heim im Viertel Parque Patricios der Hauptstadt lebt. Unmittelbar zuvor hatte die Regierung die Landeswährung Peso um fast 20 Prozent abgewertet, was einen weiteren Preisanstieg auslöste. „Wegen dieser plötzlichen Verteuerungen, der wirtschaftlichen Situation im Land, kann ich meine Grundausgaben nicht mehr decken,“ sagt Pais.
Lionel Pais, 37, hängt seine Wäsche am Bepo-Ghezzi-Heim in Buenos Aires, Argentinien, auf. Pais, der seit drei Wochen in der Notunterkunft wohnt, sagt, dass die wirtschaftliche Situation im Land ihm es nicht erlaubt, seine Lebenserhaltungskosten zu stemmen.
Foto: APIm 20. Jahrhundert hatte sich in Argentinien eine große Mittelklasse entwickelt, was das südamerikanische Land zu einer Ausnahmeerscheinung in der Region machte. Doch die guten Zeiten sind vorbei, seit 20 Jahren liegt die Armutsquote bei mehr als 25 Prozent, und das Land steckt in einer Wirtschaftskrise fest. Die Preise stiegen zwischen August 2022 und August 2023 um 124,4 Prozent.
Der 26-jährige Sebastián Boned musste ebenfalls in die Obdachlosenunterkunft in Parque Patricios ziehen, weil sein Gehalt als Hotelrezeptionist nicht mehr für seine Miete reichte. „Es ist ein friedlicher Ort“, sagt er über das Bepo-Ghezzi-Zentrum.
Alejandro Heredia, 53, posiert für ein Foto in Buenos Aires, Argentinien. Heredia, der einen Universitätsabschluss in Umweltwissenschaften hat, hat seinen seinen Job als Hausmeister verloren und konnte seine Miete nicht mehr bezahlen. Daher begann er in Zügen zu schlafen, bis ihm ein Freund erlaubte, in seinem Haus zu übernachten. Tagsüber sammelt er Dosen auf der Straße, um diese dann zu verkaufen.
Foto: APDoch für Boned und die übrigen Bewohnerinnen und Bewohner tickt die Uhr: Denn solche Einrichtungen gewähren nur für bis zu drei Monate Obdach. Während dieser Zeit erhalten die Bedürftigen Hilfe bei der Jobsuche und mit Anträgen auf Sozialhilfe. „Bei den meisten reicht das Gehalt nicht, um den Bedarf abzudecken“, sagt Sozialarbeiterin Mercedes Vucassovich, die das Zentrum leitet.
Yesica Leone, 30, und ihre 6-jährige Tochter Mia, posieren für ein Foto. Leone, zurzeit arbeitslos, hat zuvor ihren Lebensunterhalt als Kosmetikerin verdient. Dann kam die Corona-Pandemie. Obwohl sie staatliche Unterstützung erhält, reicht diese nicht aus um ihre Grundbedürfnisse zu decken, sagt sie.
Foto: APDas monatliche Durchschnittseinkommen in Argentinien lag laut INDEC im zweiten Quartal dieses Jahres bei 87.310 Pesos (225 Euro). Eine typische Familie braucht mehr als 280.000 Pesos, um nicht in die Armut abzurutschen.
Im Vorort Morón westlich der Hauptstadt haben María de los Ángeles García und Adrián Viñas Coronel mit ihren fünf Kindern im Alter zwischen drei Monaten und 13 Jahren eine provisorische Unterkunft in einem einkommensschwachen Viertel gemietet. Zuvor hatte die Familie sechs Monate lang auf der Straße gelebt. Mit einer festen Adresse können sie nun ihre Kinder in einer staatlichen Schule anmelden.
María de los Ángeles García und Adrián Viñas Coronel halten ihre Söhne Byron und Jonas im Arm. García, ihr Mann und ihre fünf Kinder im Alter von drei Monaten bis 13 Jahren, leben in einer Mietwohnung nachdem sie sechs Monate auf der Straße gewohnt haben. Da sie jetzt eine dauerhafte Adresse haben, können sie endlich ihre jüngsten Kinder an einer öffentlichen Schule anmelden.
Foto: APDas einzige stabile Einkommen des Paares sind etwa 90.000 Pesos Sozialhilfe im Monat. Ein Viertel davon brauchen sie für ihre Miete. „Wir müssen den ganzen Tag auf der Straße arbeiten, weil wir nicht genug Geld für Essen und für die Windeln der Kinder haben“, sagt die 31-jährige García.
Wirtschaftsminister Sergio Massa, der für das Präsidentenamt kandidiert, hat in den vergangenen Wochen eine Reihe von Hilfsmaßnahmen für die verarmte Bevölkerung vorgestellt. Zuletzt versprach er, dass Arbeitslose ohne Unterstützung im Oktober und November insgesamt 94.000 Pesos erhalten sollen. Massa versucht aktuell, Boden gut zu machen, denn in Umfragen zur Präsidentenwahl am 22. Oktober liegt der Rechtspopulist Javier Milei vorn. Dieser kündigte die Einführung des Dollars an, um die Inflation zu stoppen, sollte er Präsident werden.
García und ihre Familie erhalten Hilfe von der Nichtregierungsorganisation Corazón Azul, die Notleidende in der Gegend mit Snacks, medizinischer Unterstützung und Sachspenden versorgt. Zu den Bedürftigen gehört auch Alejandro Heredia. Er schläft in Zügen und sammelt Getränkedosen, die er an Recyclingunternehmen verkauft. „Wenn man denkt, man stecke in einer schlechten Lage, wird es immer noch schlimmer“, sagt der 53-Jährige. „So geht es uns jetzt seit 40 Jahren, und es waren schon einige Regierungen an der Macht.“
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