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Attentat auf russischen Botschafter in Ankara Besonnene Reaktion auf eine kaltblütige Tat

Das Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara dürfte Russland und die Türkei sogar näher zusammenbringen.

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Porträt des ermordeten russischen Botschafters Andrej Karlov. Quelle: dpa

Für einen Moment sah es aus, als würde dieses Attentat den Auftakt zum Dritten Weltkrieg bedeuten. Ein türkischer Polizist außer Dienst erschoss am Montagabend den russischen Botschafter Andrej Karlow auf einer Foto-Ausstellung in Ankara. Die Bilder, die ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP schoss, zeigen einen kaltblütigen Mord. Der erst 22-jährige Polizist schoss sein Opfer in den Rücken. Karlow erlag seinen Verletzungen kurze Zeit später.

Die ersten Kommentatoren zogen Vergleiche zum serbischen Attentäter Gavrilo Princip, der im Sommer 1914 den österreichischen Thronfolger erschossen hatte, und so den Ersten Weltkrieg ausgelöst hatte. 

Sowohl die türkische als auch die russische Regierungsspitze dürften in den darauf folgenden Stunden unter Stress gestanden seien.

Das russisch-türkische Verhältnis hatte sich gerade erst wieder gebessert. Vor etwas über einem Jahr hatte die türkische Flugabwehr einen russischen Kampfjet an der syrisch-türkischen Grenze abgeschossen. Das führte zu einem Eklat: Russland verhängte Wirtschaftssanktionen, die die Türkei erheblich trafen. Baufirmen verloren Aufträge, Exporteure von Agrar-Produkten einen wichtigen Markt und vor allem blieben vier Millionen russische Touristen aus, die sich sonst im Sommer an den Mittelmeerstränden der Türkei entspannen. Der Handel zwischen beiden Staaten brach in dieser Zeit um über 40 Prozent ein. Die Türkei traf das wesentlich härter als Russland. Die Türkei ist nach Deutschland der größte Abnehmer von russischen Erdgas, und deckt damit 55 Prozent ihres Energiebedarfs.

Putin forderte eine persönliche Entschuldigung von Präsident Erdoğan. Die bekam er, aber erst als im Sommer auch klar wurde, dass nicht nur die russischen, sondern auch die deutschen Touristen ausblieben und der Zustand der türkischen Wirtschaft immer bedrohlicher zu werden schien.

Diesen Sommer nun hatten sich beide Länder wieder angenähert. Die ersten russischen Touristen kamen im Frühherbst wieder. Ankara und Moskau unterzeichneten daraufhin einen Deal über Erdgas-Pipeline. Erdoğan baute eine Drohkulisse gegen die EU auf, indem er eine engere Kooperation mit der Shanghai5-Organisation, in der unter anderen Russland und China Mitglied sind, als Alternative zur Europa ins Spiel brachte. Zudem sollen eine Tochter des russischen Staatskonzern Rosatom das erste, sich gerade im Bau befindliche türkische Atomkraftwerk Akkuyu betreiben.

Vor allem aber waren sich Russland und die Türkei in der Syrien-Frage näher gekommen. Ankara tritt momentan als Vermittler in der bis vor kurzem hart umkämpften Ostteil der Stadt Aleppo auf.

Tatsächlich dürfte der Anschlag die beiden Länder noch näher zusammenbringen. Erdoğan meldete sich weniger Stunden später bei Putin und sprach davon, dass sich beide darauf geeinigt hätten, im Kampf gegen den Terrorismus noch enger und solidarischer zusammenzuarbeiten.

Beide Staatschefs sehen sich zudem gerne als Opfer eines westlichen Komplotts. Der türkischen Regierung nahe stehende Medien sprachen von einer Verschwörung, Ministerpräsident Yıldırım von "dunklen Mächten". Auch war man schnell dabei, Anhänger des Predigers Fetullah Gülen, der auch der Drahtzieher des Putschversuchs vom 15. Juli dieses Jahres sein soll, hinter dem Attentat zu vermuten.

18-köpfiges Ermittlerteam aus Moskau nach Ankara entsandt

Auch in Moskau bemüht man sich, die politische Bedeutung des Attentats herunterzuspielen. Präsident Wladimir Putin nannte den Vorfall eine „Provokation“, die die Wiederannäherung zwischen der Türkei und Russland, sowie den Friedensprozess in Syrien sprengen solle. Der Kremlchef vereinbarte mit Erdoğan, den Anschlag gemeinsam zu untersuchen. Moskau hat inzwischen ein 18-köpfiges Ermittlerteam nach Ankara entsandt.

Beide Partner brauchen einander. Diesen Dienstag treffen in Ankara hochrangige Vertreter aus Russland, Iran und der Türkei zusammen, um über die Lösung des Syrienkriegs zu beraten. In Moskau hofft man offenbar, dass das Autokraten-Triumvirat den Krieg im Alleingang beenden kann – ein diplomatisches Glanzstück, das westlichen Staaten nicht gelungen ist und Russland mit seinen weltpolitischen Ansprüchen international aufwerten könnte. Damit dies ansatzweise gelingen kann, müssten die Türken ganz in Putins Sinne die Herrschaft Baschar al-Assads anerkennen.

Entsprechend bemüht sich der Kreml, die Türken und ihre Sicherheitsorgane nicht mitverantwortlich zu machen für den Mord.

Die Position Erdoğans und der Türkei ist hierbei nicht konsistent. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien unterstützte Ankara die Gegner Assads. Zum Schwenk kam es in den letzten Monaten - die Türkei marschierte in den Nordirak und in den Norden Syriens ein, um dort gegen den IS und Kurdenmilizen vorzugehen. Unter allen Umständen will Ankara das Entstehen eines zusammenhängenden Kurdengebiets in Syrien verhindern. Putin schien Erdoğan gewähren zu lassen - im Austausch bekam er freie Hand in Aleppo. Die strategische Neuausrichtung droht jetzt, Präsident Erdoğan auf die Füße zu fallen.

Laut Angaben von UN-Organisationen, die auch Moskau mitträgt, beschränkt sich der russische Luftkrieg in Syrien nicht auf Attacken gegen IS-Terroristen. Vielmehr greifen die Russen an der Seite des Diktators Baschar al-Assad die Regimegegner an, was zu vielen Opfern unter Aleppos ziviler Bevölkerung führt. Zwar trat die Türkei in den letzten Wochen noch als Vermittler zwischen Assad und den Rebellengruppen auf, und konnte freies Geleit für einen Teil der Bevölkerung aushandeln.

Doch vor allem unter den religiösen Türken ist die Solidarität zu den Glaubensbrüdern in Syrien stark ausgeprägt. Auf der Istiklal-Straße in Istanbul protestierten seit Tagen Türken wie Syrer vor dem russischen Generalkonsulat gegen die Bombenangriffe auf Aleppo.

Der Attentäter schrie "Wir sterben in Aleppo, Du stirbst hier", bevor er schoss. Das klingt auch, als bekäme es das von Anschlägen dieses Jahr so gebeutelte Land neben PKK und IS mit einer dritten Terrorgruppe zu tun.

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