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Aufruhr im Riesenreich China verspricht Wohlstand - aber keine Freiheit

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„Uns geht es gut“

Die harte Reaktion auf die Proteste in Hongkong macht Letzteres unwahrscheinlich. Auf Verständnis in China aber können die Demonstranten aus der liberalen Enklave auch nicht hoffen – zu sehr unterscheidet sich ihre Lebenswelt von der Realität auf dem Festland.

Die Aufstiegserfahrung der vergangenen 30 Jahre stimmt die allermeisten Chinesen positiv für die Zukunft. Träume von größerer Freiheit, höherer Lebensqualität, mehr Wohlstand und vor allem Stolz haben sie trotzdem.

Vier von ihnen stellen wir auf den folgenden Seiten vor. Ihr Optimismus ist der Treibstoff, mit dem Xi das Land reformieren und liberalisieren kann. Doch diese Ressource ist irgendwann einmal erschöpft. Wenn der Treibstoff verbraucht ist, schließt sich das Zeitfenster, in dem der chinesische Traum wahr werden kann.

Mit ihrer Garküche mitten in Shanghai verdienen die Changs um die 500€ im Monat - ein traumhafter Aufstieg im Vergleich zu ihrer Jugend als arme Bauernkinder in einer abgelegenen Provinz. Quelle: Eric Leleu für WirtschaftsWoche

Um eine Mahlzeit zu kochen, braucht Chang Yanhong weniger als eine Minute. Erst wirft die 35-jährige Frau die Nudeln in den Wok. Es zischt, der Löffel scheppert auf dem Metall. Es folgen Salz, Sojasoße, Chili, etwas Kohl und schließlich ein Ei. Noch einmal schwenkt sie die Nudeln, dann gibt sie die Portion in eine Styropor-Box. Sieben Yuan, umgerechnet 90 Cent, kostet das. Alles, was die Köchin braucht, hat auf einem kleinen Karren Platz: die Zutaten, eine Gasflasche und der Wok.

Nicht weit von der Straßenecke in Shanghai, an der Yanhongs Karren steht, hängen große Plakate. Sie zeigen viele verschiedene Menschen, Alte, Junge, Kinder in bunten Gewändern auf weißem Hintergrund – immer mit dem Schriftzug „Zhong Guo Meng“, „Der chinesische Traum“.

Kurz nach dem Amtsantritt Xi Jinpings Anfang 2013 tauchten die Plakate auf. Yanhong und ihr Mann sind schon vor acht Jahren nach Shanghai gekommen. „Wir haben hier mehr Möglichkeiten“, sagt Yanhong. „In unserem Heimatdorf leben nur noch Alte, Kinder und Kranke.“

Wanderarbeiter zufrieden

Für Wanderarbeiter wie Yanhong und ihren Mann, die in bitterer Armut auf dem Land aufgewachsen sind, stimmt die Rechnung. 200 Yuan, knapp 26 Euro, nehmen die beiden am Tag ein.

Nach Abzug aller Kosten bleiben den Kleinstunternehmern im Monat etwa 4000 Yuan, gut 500 Euro. Davon zahlen sie 1500 Yuan Miete für ein 15-Quadratmeter-Zimmer, in dem die Familie zu fünft lebt. Trotzdem konnten die beiden in den letzten acht Jahren so viel zurücklegen, dass es für ein kleines Häuschen in ihrem Heimatdorf in der Provinz Anhui gereicht hat.

Berühmte chinesische Regimekritiker

„Uns geht es gut“, sagt Yanhong. „Probleme machen uns nur die Chengguan.“ Die Straßenpolizei patrouilliert täglich die kleinen Garküchen und verteilt Bußgelder an diejenigen, die keine Lizenz haben. Das sind fast alle.

So funktioniert China seit 30 Jahren

Doch Yanhong und ihr Mann wissen, wann die Polizei kommt. Immer um 19 Uhr fahren sie ihre Garküche in eine Seitenstraße und verstecken sich dort, bis die Patrouille verschwunden ist. An eine Rückkehr ins Heimatdorf denken die beiden nicht. Sie sind zuversichtlich, in den nächsten Jahren noch mehr Geld verdienen zu können.

So funktioniert China seit 30 Jahren: In den Städten gibt es Arbeit in Fabriken, Restaurants – und mittlerweile auch in immer mehr Kanzleien, Werbeagenturen und Unternehmensberatungen. Auf dem Land lebt ein schier unerschöpfliches Reservoir an Arbeitskräften in Dritte-Welt-Verhältnissen.

Die Jungen, Fleißigen und Ehrgeizigen ziehen in die Städte, um Geld zu verdienen. Eine halbe Milliarde Menschen arbeitete sich so in den vergangenen drei Jahrzehnten aus der Armut heraus. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes leben jetzt mehr Chinesen in Städten als auf dem Land.

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