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Aus der weiten Welt

Der wahre Wohlstand der Nationen

Klaus Methfessel Ehem. Leiter der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten und ehem. Chefredakteur WirtschaftsWoche Global

Bis 2030 wird China die USA wirtschaftlich überholen, heißt es allenthalben. Dies gilt allerdings nur beim Vergleich des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das die Wirtschaftskraft einer Nation nur unvollständig erfasst. Jetzt haben Wissenschaftler im Auftrag der Uno eine neue Kennziffer vorgelegt. Und danach sieht die Welt etwas anders aus.

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Erdölproduktion in Russland Quelle: REUTERS

Russland hat die meisten natürlichen Ressourcen

(in Billionen Dollar)

1

Russland

6,9

2

USA

6,6

3

China

5,0

4

Kanada

3,5

5

Saudi Arabien

2,7

6

Australien

1,8

Schon 1776 veröffentlichte Adam Smith sein Buch „Der Wohlstand der Nationen“, in dem er auch der Frage nachging, warum manche Nationen reich und andere arm sind. Doch lange Zeit wusste man nicht, wie man den Wohlstand einer Nation messen sollte. Heute verwenden wir gewöhnlich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Indikator für den Reichtum eines Landes – weil es bislang keine bessere Kennzahl gibt. Doch in Wirklichkeit spiegelt das BIP nur unvollkommen den Wohlstand einer Nation wider.

Neuer umfassender Wohlstandsindikator

Jetzt haben Wissenschaftler im Auftrag der Vereinten Nationen eine neue Studie („Inclusive Wealth Report 2012“) vorgelegt, die die bisherige Wohlstandsbetrachtung revolutionieren könnte. Darin erfassen sie das Wohlergehen einer Nation mit einer einzigen Kennzahl, indem sie die drei Quellen des Volksvermögens quantitativ erfassen und aggregieren: Qualität der Arbeitskräfte (Humankapital), Infrastruktur und Produktionsapparat (Physisches oder Produziertes Kapital) und natürliche Ressourcen wie Bodenschätze, Land und Fischgründe (Naturalkapital).

Indem sie diese Größen für einen längeren Zeitraum (1990 bis 2008) ermitteln, können sie daraus nicht nur ableiten, welche Nation die reichste ist und wie sich der Reichtum zusammensetzt, sondern auch wie nachhaltig das Wirtschaften eines Landes ist – das ist das eigentliche Ziel des UN-Reports. Denn sie können so ermitteln, ob und in welchem Tempo das produktive Kapital eines Landes wächst oder aber ob es erodiert.

Zwar haben die Wissenschaftler bisher nur 20 Nationen untersucht, doch sind die wichtigen Player der Weltwirtschaft in der Studie vertreten.

RangLandIWI Gesamt*

IWI Wachstum**

IWI Wachstum/Kopf**
1USA117,81,70,7
2Japan55,11,10,9
3China20,02,92,1
4Deutschland19,52,11,8
5Großbritannien13,41,30,9
6Frankreich13,02,01,4
7Kanada11,11,40,4
8Russland10,3-0,5-0,3
9Brasilien7,42,30,9
10Indien6,22,70,9
11Australien6,11,40,1
12Saudi Arabien4,91,6-1,1
* Inclusive Wealth Index (Gesamtvermögen) in Billionen US-Dollar (konstant 2000)
** durchschnittlich jährlich zwischen 1990 und 2008 in Prozent

China nur auf Platz drei, knapp vor Deutschland

Nicht überraschend ist, dass die USA - wie schon beim Bruttoinlandsprodukt - das Ranking der reichsten Nationen anführen. Die Wissenschaftler ermittelten für sie ein Gesamtkapital von fast 118 Billionen Dollar (gemessen in Preisen von 2010). Das ist etwa zehnmal so viel wie das BIP, das die USA in diesem Jahr erwirtschaften.

Doch dann kommt schon die große Überraschung. An zweiter Stelle folgt nicht China wie in der BIP-Rangliste, sondern Japan, das eine etwa halb so große Wirtschaftskraft wie die USA auf die Beine bringt. Nippon war 2008 beim umfassenden Wohlstandsindex noch fast 2,8-mal so reich wie China, das ein wirtschaftliches Gewicht von 20 Billionen Dollar auf die Waage bringt.

Deshalb dürften die Chinesen noch einige Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, brauchen, bis sie zu Japan aufschließen. Und noch viel mehr Zeit werden sie brauchen, bis sie mit den sechsmal reicheren USA gleichziehen. Beim BIP dagegen ist China schon jetzt etwa halb so groß wie die USA.

Deutschland folgt an vierter Stelle unmittelbar hinter China mit einem Wohlstand von 19,5 Billionen Dollar. 2007 lag Deutschland in der Tabelle noch knapp vor China.

Überraschungen beim Wohlstand je Einwohner

Schüler in Japan Quelle: REUTERS

Japaner haben das höchste Humankapital je Einwohner

(in Tausend Dollar)

1

Japan

312

2

USA

291

3

Norwegen

201

4

Kanada

172

5

Großbritannien

171

6

Deutschland

162

Auch beim Vergleich des Wohlstands je Einwohner kommt die Untersuchung der UN-Wissenschaftler zu überraschenden Ergebnissen. Während die Amerikaner ein fast 40 Prozent höheres Pro-Kopf-Einkommen (gemessen am BIP) als die Japaner verzeichnen, liegen die Ostasiaten mit einem Produktions-, Human- und Naturkapital von 435 000 Dollar je Einwohner um etwa einem Achtel über dem amerikanischen Niveau.

Rang

Land

IWI/Kopf*

1

Japan

435

2

USA

386

3

Kanada

331

4

Norwegen

328

5

Australien

284

6

Deutschland

236

7

Großbritannien

219

8

Frankreich

209

9

Saudi Arabien

189

10

Venezuela

110

* 2008, in Tausend Dollar

Die Ursache: Die Japaner sind beim physische Kapital, den Produktionsanlagen und der Infrastruktur, wesentlich besser ausgestattet und erreichen hier im Schnitt einen um 60 Prozent höheren Wert als die Amerikaner. Deutschland kommt je Einwohner auf einen etwa halb so hohen Wert wie Japan. Von den größeren Ländern liegen in dieser Betrachtung noch Kanada und Australien vor uns, vor allem aufgrund ihrer besseren Ausstattung mit natürlichen Ressourcen.

Damit schneiden wir um sieben Prozent besser als die Briten und um elf Prozent besser als die Franzosen ab. Unsere Stärke ist die gute Ausstattung mit physischem Kapital: Ein Viertel unseres produktiven Kapitals besteht aus Produktionsanlagen und Infrastruktur – bei den Briten macht das nur knapp ein Zehntel aus.

Russlands Wohlstandsbasis schrumpft – von BRIC zu BIC

Nach den Erhebungen der Wissenschaftler verbuchen alle Länder in dem betrachteten Zeitraum von 1990 bis 2008 einen Wohlstandsgewinn, das heißt eine Zunahme von Natur-, Human und physischem Kapital. Einzige Ausnahme ist Russland. Die Veränderung ist deshalb brisant, weil sie zeigt, ob und in welchem Ausmaß die produktive Basis eines Landes wächst oder aber ob sie schrumpft. Russlands Wirtschaft ist insofern nicht auf einem nachhaltigen Kurs, weil das Land so nicht in der Lage ist, das gleiche Ausmaß an Konsum für zukünftige Generationen zu erwirtschaften.

Am stärksten wächst der Wohlstand von China und Indien mit 2,9 beziehungsweise 2,7 Prozent, die ja auch beim BIP-Wachstum vorne liegen. Auch Brasilien, das dritte der Bric-Länder, verzeichnet noch ein jährliches Wachstum von 2,3 Prozent. Nach dem von Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O’Neill entwickelten Bric-Theorie sind es die vier Länder Brasilien, Russland, Indien und China, die die Weltwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten aufgrund ihrer starken wirtschaftlichen Dynamik und hohen Bevölkerungszahl am meisten bestimmen.

Doch es wird immer fragwürdiger, Russland mit diesen Ländern in eine Schublade zu stecken. Zwar verzeichnet Russland noch ein höheres Wohlstandsniveau als Brasilien und Indien. Doch aufgrund seiner erodierenden Produktionsbasis fällt das Land zurück und damit auch aus dem Kreis der Wachstumstreiber.

Deutschland beim Wohlstandswachstum pro Kopf auf Platz zwei

Aussagekräftiger für den Einzelnen ist jedoch der Vergleich der Wohlstandsentwicklung pro Einwohner. Auch in dieser Disziplin liegen die Chinesen mit einem jährlichen Zuwachs von 2,1 Prozent an der Spitze. Wir Deutsche sind ihnen jedoch mit 1,8 Prozent dicht auf den Fersen. Indien fällt dabei mit einem halb so hohen Wachstum auf Platz fünf noch hinter Frankreich und Chile zurück. Russland, dessen Bevölkerung schrumpft, liegt mit einem jährlichen Verlust von 0,3 Prozent auf dem drittletzten Platz.

Auch Kolumbien, Südafrika, Venezuela und vor allem die Ölländer Nigeria und Saudi Arabien rutschen bei der Pro-Kopf-Betrachtung ins Minus. Das bedeutet, dass ihr Wohlstandsgewinn vom Bevölkerungswachstum aufgefressen wird und ihre Entwicklung insofern nicht nachhaltig ist. Pro Kopf müssen Saudi Arabien mit 1,1 Prozent und Nigeria mit 1,9 Prozent jährlichem Wohlstandsverlust die größten Einbußen hinnehmen.

Die Wachstumstreiber

Produktion in Deutschland Quelle: dapd

Deutschland bei Produktionskapital pro Kopf auf Platz fünf

(in Tausend Dollar)

1

Japan

118

2

Norwegen

90

3

USA

73

4

Australien

67

5

Deutschland

59

6

Frankreich

51

Bei den entwickelten Ländern treibt vor allem das Humankapital das Wohlstandswachstum. Deutschlands Humankapital hat zwischen 1990 und 2008 um mehr als 50 Prozent zugenommen. Bei Ländern mit mittlerem Einkommen wie China und Indien sorgt in erster Linie das physische Kapital für Wohlstandsgewinn. In China hat die Produktionsbasis in den untersuchten 18 Jahren um 540 Prozent zugelegt.

Die Performance im Bereich Humankapital und physisches Kapital ist deshalb von Bedeutung, weil die natürlichen Ressourcen endlich sind und nur teilweise durch erneuerbare ersetzt werden können. So ist in allen Ländern mit Ausnahme von Japan die Ausstattung mit Naturkapital geschrumpft.

Das gilt auch für Russland. Hier ist der Wohlstandsrückgang jedoch in erster Linie auf den Erosion der Produktionsbasis um fast 40 Prozent zurückzuführen. Für die Ölländer Venezuela, Saudi Arabien sind die natürlichen Ressourcen wie Erdöl noch immer die hauptsächliche Komponente des Wohlstands. Für Saudi Arabien beispielsweise machen Öl und Gas noch mehr als die Hälfte des gesamten Wohlstands aus, obwohl sein Ölschatz in den vergangenen 18 Jahren um 37 Milliarden Dollar schrumpfte. Dafür jedoch hat sein Humankapital um fast ein Billion Dollar zugenommen.

Deutschlands Wohlstandsgewinn wird im Wesentlichen von Humankapital getragen, das in dem betrachteten Zeitraum um etwa 50 Prozent (Physisches Kapital: plus 44 Prozent) zunahm. Der Zuwachs war für USA mit 8 Prozent, Japan 12 und Großbritannien 14 Prozent erheblich geringer. Allerdings hatten diese Länder schon 1990 ein hohes Niveau erreicht. Deutschland liegt im Ranking des Humankapitals pro Kopf trotz der höheren Dynamik erst auf Platz sechs. Japan kommt auf ein fast doppelt so hohes Humankapital pro Kopf wie Deutschland.

Die Messkonzepte für den Wohlstand der Nationen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es üblich geworden, die wirtschaftliche Leistung eines Landes mittels des erwirtschafteten BIP zu messen. Dies sollte der Politik ein Instrument in die Hand geben, um das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität und das Wachstum der jeweiligen Sektoren der Wirtschaft zu erkennen. Aus Mangel an anderen Daten wurde das BIP/Kopf zu einem Maß für den Wohlstand der Nationen.

Das BIP greift jedoch zu kurz. Zum einen ist es eine Strömungsgröße, es misst das Einkommen pro Jahr, vergleichbar mit der Gewinn- und Verlustrechnung eines Unternehmens. Es ist keine Bilanzgröße und sagt somit nichts aus über das Volksvermögen. Außerdem ist es heute unstrittig, dass wirtschaftliches Wachstum nicht automatisch zu einer Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung führt, weil es wichtige Faktoren wie Umweltverbrauch und externe Kosten nicht berücksichtigt.

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Der häufig auch herangezogene Human Development Index (HDI), der zusätzliche Kennziffern wie Lebenserwartung und Bildung berücksichtigt, greift ebenfalls zu kurz, weil er die natürlichen Ressourcen nicht einbezieht.

Ob sich die neue Kennziffer des umfassenden Volksvermögens (Inclusive Wealth Index, IWI) international durchsetzt, ist jedoch nicht sicher. Aufgrund der Schwierigkeit, an manche Daten zu kommen, und des zeitlichen Verzugs bei der Erhebung wird sie vermutlich nur für langfristige Betrachtungen verwendet werden.

In dieser Hinsicht vor allem ist sie auch der aktuell vorherrschenden BIP-Betrachtung überlegen, weil sie den Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigt. Die UN-Wissenschaftler jedenfalls werden hierzu weitere Studien vorlegen.

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