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Aus der weiten Welt

Nordkorea immer tiefer in einem Teufelskreis

Klaus Methfessel Ehem. Leiter der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten und ehem. Chefredakteur WirtschaftsWoche Global

Der neue Diktator Kim Jong-un gibt sich lockerer als sein Vater, und in Pjöngjang gibt es auf einmal mehr zu kaufen. Doch die Verschuldung wächst und die Abhängigkeit von China wird immer größer.

Kimg Jong-Un Quelle: REUTERS

Als Bernhard Seliger kürzlich wieder einmal in Pjöngjang war, rieb er sich verwundert die Augen. So viele Autos, vor allem chinesische Marken wie BYD, aber auch die Nobelmarken  Mercedes, BMW und Lexus, hatte er bisher in der Hauptstadt Nordkoreas noch nie gesehen. Und er kennt sich hier aus wie wenige Leute aus dem Westen. Als Korea-Repräsentant der Hanns Seidel Stiftung ist seit 2003 im Monatsrhythmus in Pjöngjang (siehe meine Kolumne von vergangener Woche "Bewegung im letzten totalitären Land der Erde").

Besonders fielen ihm auch die vielen Fahrzeuge mit dem Nummernschild "7-27" auf, das zu einigen Vorrechten im Straßenverkehr berechtigt. Die Autos mit diesem Nummernschild sind Geschenke des neuen Führers Kim Jong-un an hochrangige Funktionäre. Die Zahlenkombination spielt auf das Datum des Waffenstillstandes im Koreakrieg, den 27. Juli 1953, an – nach nordkoreanischer Lesart der Sieg über die US-Aggression.

Ein Anflug von Konsumrausch in Pjöngjang

Aber nicht nur sind mehr Autos auf den Straßen unterwegs. In Pjöngjang zeigt sich sogar ein Anflug von Konsumrausch. Es wird viel gebaut, überall entstehen neue Apartmentblocks, Einkaufszentren, Restaurants. Aber viele Gebäude stehen noch leer. Sie sind nur außen fertig, Potemkin‘sche Dörfer mitten in der Stadt.

Vieles ist denn auch mehr Show als Realität. Als das staatliche Fernsehen Ende April nach dem Motto "Unser geliebter Führer kümmert sich um unser Wohlergehen" vom Inspektionsbesuch Kim Jong-uns in einem Fischladens in Pjöngjang berichtet, zeigen die Bilder den nordkoreanischen Fernsehzuschauern Auslageflächen voll von frischem und tiefgekühlten Fisch. Aber einige Tage später herrscht in dem Fischladen schon wieder maritime Ebbe: Drei Viertel der Theken stehen leer. 

Dennoch hat sich das Angebot mit Konsumgütern seit dem Tod von Kim Jong-il in Pjöngjang deutlich verbessert. Die Kaufhäuser bieten auch westliche, vor allem in China produzierte Waren an. Im Einkaufszentrum Kwangbok finden Käufer japanische TVs und DVD-Player, Haushaltsgeräte von Siemens und Bosch, Schweizer Schokolade und sogar einen elektrischen Bobby Car. Die Preise sind für den nordkoreanischen Ottonormalverbraucher allerdings unbezahlbar. Die meisten Besucher sind denn auch nicht zum Shoppen hier, sondern beschränken sich aufs Gucken.

Die Inflation galoppiert

Gemessen am internationalen Niveau sind die Preise in den Kaufhäusern und Restaurants aber nicht hoch. Das teuerste Menu im Chinarestaurant eines Einkaufcenters kostet 120 000 Won – nach dem inoffiziellen Wechselkurs vom April 30 Dollar. Für einen Arbeiter, der im Schnitt mit einem Monatslohn von 5000 Won nach Hause geht, ist das natürlich unerschwinglich. Auf dem – tolerierten - Schwarzmarkt bekäme er für seinen Monatslohn gerade mal einen Euro. Offiziell steht der Kurs für einen Euro bei 134 Won.

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