Aus der weiten Welt

Wie stark wächst China noch?

Klaus Methfessel Ehem. Leiter der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten und ehem. Chefredakteur WirtschaftsWoche Global

Angesichts der Euro-Krise schauen wir mit Sorge und Hoffnung nach China. Hat der Crash schon begonnen oder gelingt dem Reich der Mitte eine sanfte Landung?

Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft in Bejing bei ihrem Staatsbesuch auf den amtierenden chinesischen Ministerpräsident Wen Jiabao Quelle: dpa

Der China-Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem halben Kabinett und einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation in der vergangenen Woche zeugt von den Sorgen, die sie sich um die eigene Wirtschaft macht. Angesichts der rezessionsschwangeren Zeiten in Europa und der schwachen US-Konjunktur ist die Freude über einige Milliardenaufträge nur zu verständlich. Aber ist die Hoffnung, dass China die deutsche Exportwirtschaft wie in der Finanzkrise 2009 rettet, überhaupt berechtigt?

Sicher, China ist heute die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, Exportweltmeister und weltweit größter Kreditgeber. Die deutschen Unternehmen konnten den Anteil ihrer China-Exporte im vergangenen Jahrzehnt auf über sechs Prozent verdreifachen.

Als sogenanntes S5-Land ist China systemrelevant – auch für uns

Doch die neue Abhängigkeit ist nicht ungefährlich. Der Internationale Währungsfonds zählt China denn auch seit der Finanzkrise zusammen mit den USA, Japan, der Eurozone und Großbritannien zu den sogenannten S5 – das sind die fünf für die Weltwirtschaft systemrelevanten Länder. Soll heißen: Eine Krise in einem dieser Länder beziehungsweise Regionen bleibt nicht lokal begrenzt, sondern hat weltweit gravierende Folgen – Beispiel Immobilienkrise der USA oder aktuell die Euro-Schuldenkrise.

Chinesen machen im deutschen Mittelstand fette Beute
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Fährt China jetzt seine Bestellungen zurück, weil die Konjunktur dort zusammenkracht, können wir uns das für dieses Jahr noch erwartete Mickerwachstum abschreiben. Wenn in China also der sprichwörtliche Sack Reis umfällt, kann uns das nicht mehr egal sein. Hieß es früher, wenn die USA Schnupfen haben, bekommen wir eine Lungenentzündung, so gilt das heute in Bezug auf China. Und China hüstelt schon recht vernehmlich. Die chinesische Wirtschaft ist auf Talfahrt. Nach einem Wachstum von 8,1 Prozent im ersten Quartal ist es weiter auf 7,6 Prozent im zweiten Quartal gefallen, der niedrigste Wert seit drei Jahren.

Das klingt nach Jammern auf hohem Niveau. Doch verglichen mit den zweistelligen Zuwachsraten der Vergangenheit ist der Einbruch erklecklich. Zudem beschäftigt sich Peking derzeit mehr mit sich selbst als mit der Frage, wie die Wirtschaft wieder auf Kurs gebracht werden kann. Nach der Entmachtung des früheren Parteichef von Chongqing, Bo Xilai, wirkt die KP-Führung derzeit wenig handlungsfähig. Angesichts der bevorstehenden Machtübergabe an die nächste Generation der Parteiführung geht es den Kadern offenbar vor allem darum, sich selbst in Position zu bringen und nicht angreifbar zu machen.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob man den offiziellen Wachstumszahlen überhaupt trauen kann und ob die wirkliche Lage nicht bereits viel schlimmer ist? Manche Beobachter vermuten, dass China die sensiblen Statistiken vor dem Hintergrund des Parteitags im Herbst bewusst fälscht, damit es in der Bevölkerung nicht zu Unruhen kommt.

Zehn interessante Fakten über China
Täglicher Griff zur ZigaretteUngesunder Rekord: In jeder Sekunde werden 50.000 Zigaretten in China angezündet. Das berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Inzwischen zünden sich 66 Prozent der männlichen Chinesen täglich mindestens eine Zigarette an. Bei den Frauen raucht nur jede Zwanzigste täglich. Quelle: rtr
Künstliche TannenbäumeKlar, China ist ein großes Land. Fast jeder fünfte Mensch lebt in dem Riesenreich, China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch in einigen Statistiken liegt das Land überproportional weit vorne. So ist das Riesenreich nicht nur der größte Textilproduzent, sondern auch weltweit führend in der Herstellung von künstlichen Tannenbäumen. 85 Prozent alle unechten Tannenbäume – so National Geographic – stammen aus China. Texte: Tim Rahmann Quelle: dpa
SchweinereichIn China leben nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die meisten Schweine. 446,4 Millionen Eber und Säue lebten 2008 im Reich der Mitte, so die UN. Damit leben dort mehr Schweine als in den 43 nächst größten Ländern, gemessen an der Zahl der Tiere, zusammen. Zum Vergleich: In Deutschland werden aktuell rund 26,7 Millionen Schweine gehalten. Quelle: dpa
Geisterstädte im ganzen LandIn China wurde in den letzten Jahren massiv gebaut – auch in ländlichen Gegenden. Doch die Landflucht ließ vielerorts Geisterstädte entstehen. Mehr als 64 Millionen Wohneinheiten stehen im ganzen Land leer. Auch das größte Einkaufszentrum der Welt, … Quelle: dpa
McDonald’s allein auf weiter Flur… die "New South China Mall", hat reichlich Gewerbeflächen zu vermieten. 1500 Geschäfte finden dort Platz, 70.000 Käufer sollten täglich nach Dongguan pilgern. Doch die Realität sieht anders aus: 99 Prozent der Flächen sind unbenutzt, berichtete die britische Zeitung "Daily Mail". Nur ein paar Restaurants befinden sich in dem Gebäude, unter anderem Mc Donald’s. Quelle: AP
Bauboom geht weiterDennoch bauen die Chinesen fleißig weiter. Die Folge: Kein Land verbaut mehr Zement als China. 53 Prozent der weltweiten Nachfrage stammt aus dem Reich der Mitte, so Michael Pettis, China-Experte und Ökonom der Peking-Universität. Quelle: dpa
Barbie ist zu sexyWenn in China gerade nicht gebaut wird, werden in den zahlreichen Fabriken Güter produziert. Neben Textilien vor allem Spielwaren. Rennautos, Barbie-Puppen und Kuscheltiere: Fast 80 Prozent der deutschen Spielwaren stammen aus China. Vor Ort selbst sind Barbie-Puppen übrigens kein Verkaufsschlager. Für die Chinesen ist die kurvige Blondine zu sexy. Dort verkaufen sich vor allem niedliche Puppen. Quelle: AP
Rasantes WachstumChina hat Japan 2010 als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst. Sein Bruttoinlandsprodukt beträgt 2011 fast 7,3 Billionen US-Dollar, das sind etwa 5.417 Dollar pro Chinese. Die Chinesen sind damit heute etwa viermal so reich wie vor zehn Jahren. Die Wachstumsraten, die vor 2007 jahrelang weit über 10 Prozent lagen, haben sich etwas abgeschwächt, blieben aber auch in den Krisenjahren der Weltwirtschaft beeindruckend. 2011 waren es 9,24 Prozent. Für das laufende Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds 7,83 Prozent. Quelle: AP
Alles unter KontrolleWer in chinesische Firmen investiert, investiert in der Regel auch in den chinesischen Staat. Denn die meisten großen chinesischen Aktienunternehmen sind staatlich kontrolliert. Dazu zählen etwa der größte einheimische Ölkonzern PetroChina und die Bank of China. Auch das Management der Konzerne ist mit der politischen Führung eng verwoben. Wirklich privat geführte Unternehmen haben es oft schwer, da die Staatsunternehmen privilegiert werden. Quelle: rtr
Millionen ChristenChristen haben es in dem traditionell konfuzianistisch geprägten und seit 1949 kommunistisch - also atheistisch - regierten Land schwer. Offiziell sind es - Stand 2008 - etwa 19 Millionen. Tatsächlich dürften es aber sehr viel mehr sein und mit wachsender Tendenz. Manche Autoren schätzen bis zu 80 Millionen. Erstaunlich ist der Zulauf vor allem angesichts des Verbotes jeglicher Missionierung nach der kommunistischen Machtübernahme und der brutalen Christenverfolgung im Rahmen der Kulturrevolution in den 1960er Jahren. Quelle: AP

"Die Kader machen die Zahlen, und die Zahlen machen die Kader"

Denn die offizielle Statistik ist voller Widersprüche. So addieren sich die im vergangenen Jahr von den Provinzen für das BIP angegebenen Zahlen auf einen Wert, der etwa zehn Prozent über dem nationalen Wert des Pekinger Statistikamtes liegt, offenbarte selbst der Chef des Statistikamtes, Ma Jiantang.

Grund ist, dass die Karrierechancen der lokalen Funktionäre von der wirtschaftlichen Performance in ihrem Verantwortungsbereich abhängen. Zwar werden die Kader nicht mehr nur am BIP-Wachstum gemessen, sondern inzwischen auch nach anderen Faktoren bewertet. Aber gegenüber der Zentrale wollen die lokalen Kader gut aussehen und hübschen ihre Zahlen gerne auf. Die Chinesen haben für dieses Verhalten einen schönen Spruch: „Die Kader machen die Zahlen, und die Zahlen machen die Kader.“

Aus Misstrauen gegenüber den offiziellen Wachstumszahlen, erzählte der designierte nächste Ministerpräsident Li Keqiang, dass er auf drei Indikatoren schaut, um die tatsächliche Aktivität der chinesischen Wirtschaft zu erkennen: Bankkredite, Elektrizitätsverbrauch und Bahnfrachtvolumen. Ökonomen haben aus den drei Zeitreihen einen Index gebastelt, den sogenannten Li-Keqiang-Index. In der Tat weicht dieser in der Vergangenheit stark von den offiziellen Wachstumszahlen ab – nach oben wie nach unten.

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