Ausländische Direktinvestitionen Türkei erhält mehr Geld von Europas Unternehmen

Die Wirtschaft bleibt der Türkei treu: Während sich der politische Streit mit Ankara verschärft, investieren europäische Unternehmer munter weiter in das Land. Nur aus Deutschland kommt etwas weniger Geld.

Auch wenn zwischen der Europäischen Union und der Türkei politischer Zwist herrscht: Die Direktinvestitionen aus der EU sind gestiegen. Quelle: dpa

IstanbulDie Türkei ist ökonomisch gesehen ein Schwellenland. Damit ihre Wirtschaft aber weiter wachsen kann, ist sie besonders auf ausländische Gelder angewiesen. Doch genau diese so genannten ausländischen Direktinvestitionen gehen aktuellen Zahlen zufolge zurück. In der ersten Jahreshälfte landeten rund 4,9 Milliarden US-Dollar (4,2 Milliarden Euro) aus dem Ausland bei türkischen Firmen, wie aus einer Mitteilung des türkischen Wirtschaftsministeriums hervorgeht. Das ist ein Rückgang um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – und liegt damit auch unter dem langjährigen Durchschnitt. Denn zwischen 2012 bis 2016 lagen die Direktinvestitionen in die Türkei relativ stabil zwischen zwölf und 13 Milliarden US-Dollar pro Jahr, 2015 flossen sogar 17,55 Milliarden. Zur Jahresmitte ist also schon eine Lücke von mehr als einer Milliarde Dollar entstanden, einen kontinuierlichen Geldfluss vorausgesetzt.

Im selben Zeitraum investierten jedoch Unternehmer aus der europäischen Union 61 Prozent mehr als im Vorjahr. Waren es von Januar bis Juni 2016 noch 1,69 Milliarden US-Dollar, lag die Summe ein Jahr später bei 2,71 Milliarden Dollar. Damit stammen mehr als die Hälfte der Gelder aus der EU. Das verdeutlicht einen Dissens zwischen der politischen Eskalation und der wirtschaftlichen Aktivität. Denn wegen des anhaltenden politischen Streits sind die Verhandlungen über eine erweiterte Zollunion zwischen EU und Türkei, von dem sich beide Seiten ein Wachstum des Handelsvolumens versprechen, derzeit praktisch zum Erliegen gekommen.

Außerdem warnte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel kürzlich davor, in die Türkei zu investieren. Wegen der vielen Anschläge in dem Land haben außerdem viele Touristen der Türkei den Rücken gekehrt. Im aktuellen Streit zwischen Deutschland und der Türkei, bei dem es um unterschiedliche politische Ansichten geht, sind zuletzt sogar Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei genannt worden. Der türkische EU-Minister Ömer Çelik meinte am Mittwoch, Außenminister Gabriel kopiere „von Rechten und Rassisten“.

Doch wie so häufig agiert die EU nicht einheitlich: Deutsche Firmen investierten mit 170 Millionen US-Dollar rund sechs Prozent weniger, während sich das Investitionsvolumen aus den Niederlanden mehr als verdoppelte. Insgesamt steht die Bundesrepublik weiterhin auf Platz 6 der Topinvestoren in dem Land.

Den Zahlen des türkischen Wirtschaftsministeriums zufolge haben 55.639 Unternehmen in der Türkei Gelder aus dem Ausland erhalten. Interessant: 40 Prozent dieser Unternehmen hatten Verbindungen zu EU-Staaten, können also theoretisch Tochtergesellschaften europäischer Konzerne sein. Alleine knapp 7000 deutsche Firmen sind in der Türkei aktiv und führen damit die Liste ausländischer Gesellschaften in der Türkei an.

Dabei fließt das meiste Geld aus Deutschland das meiste Geld in die Sektoren Energie, Versicherungen sowie Maschinenproduktion. So hat neben den großen Automobilherstellern auch etwa die Allianz eine Tochtergesellschaft in der Türkei. Der Energiedienstleister Eon betreibt die größte Auslandstochter des Konzerns, Enerjisa, über ein Joint-Venture in den türkischen Städten Istanbul, Ankara und Adana. Der Abfallentsorger Remondis hat Töchter in Istanbul und Izmir. Außerdem sind Firmen wie Siemens oder Bosch lange in dem Land aktiv.


Putschversuch hatte gravierende Auswirkungen

Das langjährige Engagement der Unternehmen, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie sensibel die türkische Wirtschaft auf politische Krisen reagiert. Nach dem blutigen Putschversuch im Juli 2016 ging die Wirtschaft für kurze Zeit vollends in die Knie. Es gab für einige Monate kein Wachstum. Inzwischen läuft der Wirtschaftsmotor aber wieder mit einer aktuellen Steigerungsrate von fünf Prozent jährlich.

Auch die ausländischen Direktinvestitionen — Foreign Direct Investments (FDI) genannt — zeigten sich nur kurz beeindruckt von den politischen Umbrüchen im Land. FDI entstehen, wenn ausländische Gesellschaften in einem Land eine neue Geschäftseinheit aufbauen oder eine bestehende Gesellschaft aufkaufen beziehungsweise sich an ihr mit eigenem Kapital beteiligen. Aktienkäufe für das heimische Portfolio sind davon ausgeschlossen.

Auch wenn Firmen aus der EU den Löwenanteil an den Direktinvestitionen ausmachen: Das größte Wachstum zeigte sich bei den aktuellen Zahlen aus Asien und den Golfstaaten, die um 138 beziehungsweise 322 Prozent zulegten. So flossen aus Asien im ersten Halbjahr 2017 1,14 Milliarden Dollar in die Türkei, aus den Golfstaaten 0,561 Milliarden Dollar — und damit deutlich mehr als aus den USA (0,093 Milliarden).

Bleibt die Frage, wie sich die anscheinend ungebrochenen Investitionen aus der Europäischen Union auf das diplomatische Verhältnis zwischen EU und Ankara auswirken werden. Özgür Altug, Chefökonom bei BGC Partners in Istanbul, glaubt, dass es beide Seiten nicht auf eine endgültige Trennung ankommen lassen werden. „Die Annahme der Marktteilnehmer lautet offenbar, dass es so weit nicht kommen wird, egal, wie sehr der Streit eskaliert.“ Das zeige sich auch bei der Börsenrallye, meint Altug. Der Istanbuler Aktienindex BIST100 gehört in diesem Jahr zu den Indizes mit dem stärksten Anstieg weltweit.

Im Vorfeld der Wahlen in Frankreich und den Niederlanden habe es ähnliche Streits mit den jeweiligen Ländern gegeben, erklärt Altug und mahnt zur Besonnenheit. „In allen Fällen gab es dicke Luft, aber keinen Abbruch der Beziehungen. Davon geht die Wirtschaft offenbar auch in diesem Fall aus.“

Carsten Hesse, Analyst bei der Berenberg Bank, sieht darüber hinaus Erdogan im Vorteil. „Er hält das Ass in der Hand, oder besser gesagt Millionen Asse, wenn man den Flüchtlingsdeal berücksichtigt.“ Deutschland würde seiner Meinung nach daher keinen Schritt unternehmen, der der Türkei echten Schaden zufügen werde. Auch die Analystin und Türkei-Spezialistin Anastasia Lewashowa beim Asset-Manager Blackfriars glaubt nicht an eine weitere Eskalation der Beziehungen.

Die nun veröffentlichten Investitionszahlen unterstützen die Theorien der Finanzanalysten. Die Frage ist, ob die Politiker sich davon beeindrucken lassen.

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